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Nach Westfleisch übernimmt auch Tönnies 6000 Mitarbeiter

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Der Druck auf die Fleischbranche zeigt Wirkung: Auch beim größten deutschen Schlachtunternehmen Tönnies sollen bis zum Jahresende rund 6000 Mitarbeiter direkt in der Stammbelegschaft eingestellt werden.

Innerhalb von gut drei Monaten sollen 6000 Tönnies-Mitarbeiter direkt in die Stammbelegschaft wechseln. Damit folgt das Schlachtunternehmen dem Wettbewerber Westfleisch aus Münster, der vor wenigen Tagen angekündigt hatte, ab Januar alle Mitarbeiter in der Schlachtung und Zerlegung in den Stammbetrieb zu integrieren und nicht mehr über externe Werkvertragsfirmen zu beschäftigen. Grundlage bei Westfleisch sei ein Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), teilte Westfleisch kürzlich mit. Ebenso sollen rund 1000 Menschen, die bislang noch bei konzerneigenen Dienstleistungsgesellschaften angestellt waren, in die Stammbelegschaft wechseln.

Nach gehäuften Corona-Infektionen in Fleischbetrieben waren die Arbeitsbedingungen in der Branche und die Unterbringung ausländischer Beschäftigter erneut in den Fokus gerückt. Das hat eine bundesweite Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Branche ausgelöst. Die Bundespolizei führte Mittwoch sogar in fünf Bundesländern Durchsuchungen im Zusammenhang mit der illegalen Einschleusung von Arbeitskräften für die Fleischindustrie durch. Am 10. September hat der Bundestag das sogenannte Arbeitsschutzkontrollgesetz in erster Lesung behandelt. Es sieht vor, dass Kerntätigkeiten in der Fleischwirtschaft wie Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten künftig nicht mehr von betriebsfremden Beschäftigten ausgeführt werden dürfen. Werkverträge und Leiharbeit sollen in der Branche von 2021 an verboten sein. Verpflichtet werden sollen die Arbeitgeber zur Einführung einer elektronischen Arbeitszeiterfassung und zur Umsetzung bestimmter Anforderungen in Gemeinschaftsunterkünften. Zudem ist eine Mindestquote für Arbeitsschutzkontrollen vorgesehen.

Beim Wettbewerber Tönnies sollen alle Mitarbeiter in den Kernbereichen der Schlachtung und Zerlegung von den bisherigen Dienstleistern übernommen werden, teilt das Unternehmen mit. „Wir halten Wort“, wird Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des Fleischkonzerns in einer Mitteilung zitiert. „Die angekündigten Veränderungen in unserem Unternehmen sind im vollen Gange“.

Demnach würden bis zum Monatswechsel rund 1800 Angestellte vom Werkvertrag direkt in die Unternehmensgruppe wechseln. Diese Prozesse stünden allerdings formell noch unter Vorbehalt des Kartellamts. Weitere 3200 Mitarbeiter sollen dann zum November direkt angestellt werden. „Bis zum 1. Januar 2021 wird der Prozess abgeschlossen sein, sodass wir dann auf rund 6000 Direkteinstellung kommen“, rechnet Tönnies Personalleiter Martin Bocklage vor. Dies gilt für die Standorte Rheda-Wiedenbrück, Sögel, Weißenfels, Kellinghusen Kempten, Legden, Badbergen und Wilhelmshaven.

Neben der Direkteinstellung der Mitarbeiter suche das Unternehmen das Gespräch mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten, um einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag zu schließen. „Wir zahlen schon heute in unseren vier Entlohnungsgruppen in der Produktion Löhne weit über dem Mindestlohn. Lediglich bei den Hilfstätigkeiten wird noch der gesetzliche Mindestlohn plus Zulage für die Rüstzeiten gezahlt. Unser Ziel ist es, in der gesamten Fleischbranche in Deutschland einen ordentlichen tariflichen Mindeststandard zu schaffen. Damit bekommen wir Wettbewerbsgleichheit, zumindest im deutschen Markt.“

Die kurze Frist der Direkteinstellung bis Ende des Jahres sei eine organisatorische Herkulesaufgabe. Schließlich könne nicht bei allen bisherigen Dienstleistern ein Betriebsübergang der Mitarbeiter realisiert werden. „Wir sprechen dann mit jedem einzelnen Mitarbeiter, schließen einen Arbeitsvertrag, der ihm mindestens die gleichen Voraussetzungen bietet wie zuvor“, sagt Bocklage. „Durch die Direkteinstellung fängt kein Mitarbeiter wieder bei null an. Sozialleistungen, Betriebszugehörigkeit, etc. werden übernommen. Da es sich in den meisten Fällen um einen Betriebsübergang handelt, gibt es keine neue Probezeit oder Befristung der Verträge.“

Neben der arbeitsrechtlichen Situation stelle die Integration, die Frage des Wohnraums und der Fluktuation die größten Herausforderungen für das Unternehmen dar. „Wir sind in zahlreichen Gesprächen mit kommunalen Vertretern, aber auch sehr konkret einzelnen Haus- und Grundstücksbesitzern, um neuen zusätzlichen Wohnraum zu schaffen“, sagt Bocklage. „Zahlreiche Mitarbeiter sind bereit, langfristig bei uns zu arbeiten. Dies wollen wir ihnen ermöglichen und sie langfristig binden. Andere wollen jedoch nur für einige Monate Geld verdienen.“

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