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Weniger Fleisch, weniger Verpackung – worauf die Deutschen beim Essen achten

Umwelt und Tierschutz werden wichtiger, der Hype um Superfoods flaut ab. Doch die Geiz-ist-geil-Mentalität ist immer noch weit verbreitet.

Die Deutschen werden achtsamer beim Einkauf. (Symbolbild: Getty Images)

Klimawandel, Fridays for Future, Flugscham – Themen, die die Menschen seit einem Jahr intensiv und kontrovers beschäftigen, schlagen sich auch im Essverhalten nieder. 29 Prozent der Deutschen folgen inzwischen einer bestimmten Ernährungsgewohnheit, weil diese nachhaltiger ist. Fast jeder dritte Deutsche gibt an, seinen Fleischkonsum zu reduzieren. 61 Prozent der Verbraucher sagen, sie achten beim Einkauf auf Tierschutz, vor drei Jahren waren es erst 55 Prozent. Auch der Umweltaspekt ist nun für 60 statt 56 Prozent wichtig.

Das ist das Ergebnis der aktuellen Food-Studie des Konsumforschers Nielsen, die dem Handelsblatt vorab vorliegt. Darin wurden etwa 11.000 deutsche Haushalte zu ihren Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten, ihrer Motivation und ihren Vorlieben befragt. Im Vergleich zur Befragung vor drei Jahren beobachtet Birgit Czinkota, Senior Client Consultant bei Nielsen, eine deutliche Veränderung. Sie ist überzeugt: „Die Themen Achtsamkeit und Nachhaltigkeit bleiben.“

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Andere Trends dagegen sind eher rückläufig und verlieren auch in den Medien an Bedeutung. Dazu zählt laut Czinkota etwa gehyptes Superfood von Chia-Samen bis Goji-Beeren, Paleo-Ernährung wie in der Steinzeit oder Low Carb. Gesundheitsorientiertes Essen findet aktuell weniger Zuspruch als noch vor drei Jahren, zeigt die Studie.

Plastik ist out

Welche Lebensmittel im Einkaufskorb der Deutschen landen, entscheidet zunehmend auch deren Verpackung. 71 Prozent der Verbraucher geben an, beim Einkauf auf wenig Verpackung zu achten – vor drei Jahren waren es erst 61 Prozent.

Die Skandale der letzten Zeit sind nicht spurlos an den Verbrauchern vorbeigegangen: Mikroplastik überall, Plastikmüll in den Weltmeeren, an dem Wale zugrunde gehen. „Die Bilder von den Auswirkungen des Plastik- und Verpackungsmüll haben viele Verbraucher nachdenklich gemacht“, sagt Czinkota. Müll vermeiden hat nun Priorität. Das zeige sich auch daran, dass immer mehr Verbraucher von Flaschenwasser auf Leitungswasser umsteigen. Sicherlich werde dieser Bewusstseinswandel auch durch das Verbot von Plastiktüten unterstützt.

„Hersteller, die Verpackungen reduzieren oder recyclebar machen, können bei den Kunden punkten“, beobachtet die Nielsen-Beraterin. Der Tiefkühlkosthersteller Frosta etwa stellt von Plastik- auf Papierbeutel um. Mitbewerber Iglo ersetzt Aluschalen durch backfeste Pappschalen. Auch Fleischkonzern Tönnies führt für einen zweistelligen Millionenbetrag recyclingfähige Fleischschläuche ein. So lassen sich bis zu 70 Prozent Plastik sparen.

Allerdings setzen die Deutschen ihre guten Vorsätze bei der Ernährung nicht immer um. Das zeigt sich gerade beim Fleisch. Zwar essen die Deutschen heute pro Kopf weniger Schweine- und Rindfleisch als noch 2013, dafür aber etwas mehr Hähnchen. Obwohl 61 Prozent von sich sagen, beim Einkauf auf Tierwohl zu achten, sieht die Realität anders aus: 88 Prozent des Fleischs im Handel ist mit den Haltungsformen 1 oder 2 gekennzeichnet. Das ergab eine aktuelle Abfrage bei neun führenden deutschen Lebensmittelanbietern durch Greenpeace. Die Umweltorganisation kritisiert, dass der ganz überwiegende Teil des angebotenen Frischfleischs von Tieren aus klimaschädlicher und tierschutzwidriger Haltung stamme.

Sechs Prozent der Befragten verzichten auf Fleisch

Andere wiederum verzichten aus Tier-, Klimaschutz- und Gesundheitsgründen lieber ganz auf Fleisch. Laut Nielsen ernähren sich zwei Prozent der Befragten vegan, vier Prozent strikt vegetarisch und sechs Prozent flexitarisch. Die Hersteller und Händler passen sich den neuen Vorlieben der Deutschen an. Vegane Fleischersatzprodukte erleben derzeit einen regelrechten Boom. „Vegane Ernährung ist ein absolutes Trend-Thema“, sagt Jan Bock, Geschäftsleiter Einkauf bei Lidl Deutschland.

Seit Donnerstag bringt der Discounter weitere Eigenprodukte der Marke „Next Level“ in die Kühlregale wie vegane Nuggets, Currywurst oder Bolognese. Ein dreitägiger Vegan-Workshop für Kunden lieferte dem Händler wichtige Erkenntnisse. „Insbesondere müssen die Produkte nachhaltig produziert und verpackt sein“, so Bock. Next Level-Burger und Hackfleisch sind deshalb zu 100 Prozent klimaneutral.

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Nicht nur im Handel auch in der Gastronomie werden die veränderten Vorlieben der Deutschen genau beobachtet. Selbst Fastfood-Konzerne wie McDonald’s und Burger King haben inzwischen vegane Burger im Angebot. Im November hatte Burger King den fleischlosen „Rebel Whopper“ eingeführt, McDonald's im April bereits den „Big Vegan TS“. Außerdem unterhielt McDonald’s ein Modellrestaurant, in dem Kunden an einem Fahrplan zur Reduktion von Müll und Plastik mitwirken konnten.

Auch Burger-Kette Peter Pane will die Sorgen der Deutschen ernst nehmen. „Gerade Tierschutz ist uns ein wichtiges Anliegen“, sagt Patrick Junge, Chef und Inhaber der Unternehmensgruppe Paniceus, zu der Peter Pane gehört. Neben mehr Tierwohl rückt auch die regionale Herkunft in den Mittelpunkt. „Unser Rindfleisch kommt immer aus deutschen Landen und bald auch von der eigenen Herde, bei der wir persönlich für artgerechte Haltung sorgen.“ Peter Pane hat sich der Masthuhn-Initiative für mehr Tierwohl angeschlossen. Das Landhähnchen stammt aus regionaler Aufzucht in Ostwestfalen.

Laut Nielsen geben Zweidrittel der Deutschen an, auf Regionalität beim Essen zu achten. Das Bewusstsein der Verbraucher dafür sei zwar im Wachsen begriffen, aber bei Weitem noch nicht hinreichend geschärft, bedauerte indes der Deutsche Bauernverband auf der Grünen Woche. Wenn dies auch wirtschaftlich sein solle, dann müssten regionale Lebensmittel von den Verbrauchern entsprechend „wertgeschätzt“ werden, fordert der Verband.

Denn am Ende entscheidet vor allem der Preis, was im Einkaufskorb der Deutschen landet. Dies gilt laut Studie immer noch für 74 Prozent der befragten Haushalte (2016: 78 Prozent). Manch einer kann sich die teureren Bio- oder Fairtrade-Produkte schlichtweg nicht leisten. Doch für viele Verbraucher gilt beim Essen immer noch: Geiz ist geil. Schließlich geben die Deutschen nur jeden zehnten Euro ihres Konsumbudgets für Nahrungsmittel und Getränke aus.

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