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Bei welchen Anleihen Anleger 2020 noch auf positive Renditen hoffen können

Die Suche nach Zinserträgen treibt Investoren auch im kommenden Jahr um. Anleiheexperten sehen zwei Möglichkeiten: entfernte Länder und mehr Risiko.

Kein Anleger ist auf dem Börsenparkett vor Fehlern gefeit. Foto: dpa

Garantiert ist an den Finanzmärkten üblicherweise nichts: Und so war es eine einschneidende Erfahrung für viele Anleger, dass eine wachsende Zahl von Anleihen ihrem Käufer im Jahr 2019 Verluste garantiert hat, wenn er sie bis zur Fälligkeit hält. Nie war das Volumen ausstehender Anleihen mit negativer Rendite höher als 2019: In der Spitze kletterte der Wert der Papiere auf weltweit über 17 Billionen Dollar im vergangenen August.

Seither hat sich die Zinsnot an den Kapitalmärkten etwas gelegt: Mittlerweile stehen weltweit noch Anleihen mit negativer Rendite mit einem Volumen von knapp 12 Billionen Dollar aus. An der Herausforderung vor allem für europäische Anleger, mit Zinspapieren eine positive Rendite zu erwirtschaften, ändert das jedoch wenig. Zumal kaum ein Experte erwartet, dass die Zentralbanken in den USA oder in Europa im neuen Jahr die Leitzinsen anheben werden.

Ein Ende des Anlagenotstands ist daher nicht in Sicht. Viele als sicher geltende Staatsanleihen in der Euro-Zone, etwa zehnjährige deutsche Bundesanleihen, dürften noch auf absehbare Zeit negative Renditen abwerfen. Wer nicht will, dass sein Vermögen schrumpft oder stagniert, hat nach Ansicht von Anleiheexperten zwei Möglichkeiten: Investments in schnell wachsende Volkswirtschaften außerhalb Europas oder risikoreichere Unternehmensanleihen.

Der Trend zu weltweit niedrigeren Zinsen dürfte Zinspapieren aus Schwellenländern weiter Auftrieb verleihen, erwartet beispielsweise Aaron Grehan, Portfoliomanager bei Aviva Investors. Denn viele Emerging Markets sind stark abhängig vom Zinsniveau in den USA. Steigen die Zinsen dort, ziehen internationale Investoren vermehrt ihr Kapital aus den Schwellenländern ab und leiten es in die USA.

Umgekehrt gilt: Bei sinkenden US-Zinsen sind viele Anleger verstärkt auf der Suche nach Alternativen in Wachstumsmärkten. Daher erwarten auch die Experten des niederländischen Vermögensverwalters Robeco auf Fünfjahressicht noch knapp drei Prozent jährlichen Ertrag bei Schwellenland-Anleihen.

Investoren sollten jedoch genau darauf achten, wo sie investieren, mahnt Aviva-Manager Grehan. So konnten beispielsweise Argentinien und weitere lateinamerikanische Länder im Jahr 2019 nicht von der US-Zinswende profitieren. Wegen politischer Umbrüche zogen Investoren Milliarden an Kapital ab, wer nicht rechtzeitig verkaufte, sitzt nun in wenig liquiden argentinischen Dollar-Anleihen fest. Auch der Libanon muss umschulden – zulasten der Anleiheinvestoren.

Zuletzt hätten Anleger 2014 in der Ukraine eine Umschuldung mittragen müssen, sagt Grehan: „Nun wurden sie innerhalb von nur zwölf Monaten mit zweien solcher Ereignisse konfrontiert.“ Das laste auf der Stimmung. Allerdings zeigt ausgerechnet die Ukraine, dass Investoren an Sanierungsfällen glänzend verdienen können.

So hat sich die Rendite der dreijährigen ukrainischen Staatsanleihe von 20 Prozent auf 12 Prozent nahezu halbiert. Die wenigen Profiinvestoren, die dort engagiert sind, konnten sich über zweistellige Kursgewinne freuen. Eine ähnliche Erfolgsstory ist Ägypten: Die Rendite einer zehnjährigen ägyptischen US-Dollar-Anleihe ist von 18 Prozent auf 14 Prozent gesunken.

Die Fachleute betrachten Emerging-Market-Bonds daher als „ein Paradies für aktive Manager“. Hier investiert auch der britische Verwalter Jupiter Asset Management. „Wir bevorzugen Länder, deren Wirtschaft stärker vom Binnenkonsum als vom Handel abhängig ist“, sagt Alejandro Arevalo von Jupiter und begründet es mit den Unwägbarkeiten des Handelskonflikts. Er setzt auf kleinere, aber stabile und von vielen Anlegern vernachlässigte Länder: etwa auf Bonds aus Guatemala und Kasachstan.

Allerdings sind bei teils zweistelligen Renditen auch die Risiken entsprechend hoch. Über all dem stehen zudem die Wahlen in den USA und der Handelskonflikt mit China. Beides könnte im kommenden Jahr die Risikolaune der Investoren schmälern und auch für einen Ausverkauf bei Schwellenland-Anleihen sorgen.

Defensiver eingestellte Investoren könnten daher bei chinesischen Staatsanleihen fündig werden, so Grehan. Diese gelten als sehr sicher und werfen immerhin drei Prozent Rendite ab. Zudem sorge die Aufnahme Chinas in den J.P. Morgan Emerging Market Index für eine stabile Nachfrage nach chinesischen Anleihen aus dem Ausland.

Hochzins-Anleihen

Aussicht auf positive Zinserträge haben Anleger zudem bei höher verzinsten Unternehmensanleihen. Doch auch hier müssen Investoren Vorsicht walten lassen. Denn die klassische Zweiteilung des Marktes für Unternehmensanleihen ist 2019 deutlich aufgeweicht worden. Die Grenze zwischen Investmentgrade-Bonds, also Anleihen von Unternehmen mit guter Bonität und Junkbonds – also Schrottanleihen – verwischt zunehmend.

2019 gehörten Unternehmenspapiere mit einem Zweifach-B-Rating zu den unumstrittenen Gewinnern des Anleihemarktes. Dem Vermögensverwalter Muzinich zufolge lieferten sie einen Ertrag von knapp 15 Prozent. Mittlerweile handeln Zweifach-B-Anleihen, die dem Hochzinssegment zugerechnet werden, auf einem ähnlichen Niveau wie Papiere mit Dreifach-B-Rating, die zum Investmentgrade-Segment gezählt werden. Diese Entwicklung sei Ausdruck einer „Jagd nach Rendite“, sagt Erick Muller, Investmentstratege bei Muzinich.

Echte Junkbonds, Wertpapiere mit Dreifach-C-Rating, waren 2019 bei den Investoren dagegen eher unbeliebt. Sie lieferten im Schnitt nur einen Ertrag von fünf Prozent – obwohl die Risikoneigung der Investoren im abgelaufenen Jahr hoch war.

Aus Sicht von Seth Meyer, Fondsmanager beim US-Vermögensverwalter Janus Henderson, seien Dreifach-C-Papiere auf den ersten Blick zwar billig. „Aber wir glauben nicht, dass sie sich erholen“, sagt Meyer. „Unternehmen, die nach zehn Jahren Aufschwung immer noch ein Dreifach-C-Rating haben, werden berechtigterweise von den Marktteilnehmern gemieden.“

Sowohl Meyer als auch Muller raten Anlegern daher zu Zinspapieren von Unternehmen mit vergleichsweise gesunden Bilanzen. Klar ist allerdings auch: Jahreserträge von 15 Prozent mit Unternehmensanleihen dürften sich im kommenden Jahr nur schwer wiederholen lassen.