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Wegen über 650 infizierter Mitarbeiter bricht Familienstreit wieder auf

Große Schlachthöfe haben immer wieder mit Corona-Ausbrüchen zu kämpfen. Nun trifft es den Branchenriesen Tönnies: In der Fleischfabrik sind zuletzt 657 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden.

Mit 657 Neuinfizierten allein seit Anfang der Woche nimmt der Corona-Ausbruch beim Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück immer größere Ausmaße an. Als Folge dessen müssen nun 7000 Menschen in Quarantäne, wie Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) vom Landkreis Gütersloh verfügte. Dazu zählen nach seinen Angaben die Beschäftigten auf dem Werksgelände, die Infizierten sowie ihre unmittelbaren Kontaktpersonen. Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen könnte im Laufe der Woche noch weiter steigen, da noch weitere Ergebnisse ausstehen. Die Zeitungen „Westfalen-Blatt“ und „Neue Westfälische“ hatten zuvor darüber berichtet.

Clemens Tönnies' Neffe Robert Tönnies zeigt sich erschüttert über den sprunghaften Anstieg: „Ich bin schockiert über die hohe Zahl von Corona-Neuinfektionen in unserem Unternehmen. Wir sind mit unseren Gedanken bei den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen meine Familie und ich von ganzem Herzen eine schnelle und gute Genesung ohne Komplikationen wünschen.“

Bislang gehen die Behörden von einem „lokalen Ereignis“ aus, das sich auf die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs begrenzen lasse. Adenauer sprach deshalb von einer „Vorsichtsmaßnahme“. Einen allgemeinen Lockdown wolle man nicht. Als Reaktion auf den Corona-Ausbruch bleiben neben der Quarantäne ab diesem Donnerstag die Schulen und Kitas sind im Kreis Gütersloh geschlossen. Bis zu den nordrhein-westfälischen Sommerferien - Start 26. Juni - wird nur eine Notbetreuung angeboten. Auf diese Weise hoffen Kreis und Landesregierung, die Gefahr einer Ausweitung des Virus einzudämmen. Im ostwestfälischen Kreis Gütersloh leben rund 362 000 Menschen. Am Dienstag hatte das Unternehmen von 128 positiv auf das Virus getesteten Mitarbeitern gesprochen und Maßnahmen zugesagt, die Ausbreitung einzudämmen.

Bei einem großangelegten Corona-Reihentest durch die Gesundheitsbehörden nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. Nach Unternehmensangaben wurde allerdings bei späteren Tests ein Infektionsherd identifiziert. Obwohl alle Kontaktpersonen vorsorglich in Quarantäne geschickt worden seien, habe es weitere Infektionen in dem Schweinefleisch-Zerlegebetrieb gegeben.

Robert Tönnies sieht die Schuld für die Infektionen in Schlachtbetrieben unter anderem bei dem System der Werkverträge, welches viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse zwinge, „die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden sind und nur wenig Schutzmöglichkeiten bieten, wenn einmal eine Infektion auftritt.“

Tönnies selbst verlangt schon länger die Abschaffung der Werkverträge: „. Ich bedaure außerordentlich, dass sie bis heute nicht umgesetzt worden ist, denn das hätte den Menschen Leid erspart und unserem Unternehmen unnötigen Aufwand und Reputationsschaden. Wir sehen bei diesem Punkt ganz dringenden Handlungsbedarf im Unternehmen und haben die Abschaffung der Werkverträge auch als eigenen Streitpunkt in die Zerrüttungsklage aufgenommen.“

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