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Wahlkampfstratege: „Keiner kann Trump auf seinem Spielfeld schlagen“

Obamas ehemaliger Wahlkampfhelfer Julius van de Laar erzählt im Interview, welche Aussichten die demokratischen Kandidaten haben – und was Joe Bidens Stärke ist.

Foto: dpa

Der 37-jährige Kampagnenberater Julius van de Laar verfolgt die US-Wahlen mit besonderer Aufmerksamkeit, seit er den späteren US-Präsidenten Barack Obama im Wahlkampf 2008 unterstützte. Der Deutsche sollte damals junge Wähler für die Demokraten mobilisieren. Heute betreibt er eine eigene Strategieberatungsfirma.

Herr van de Laar, braucht es einen Polarisierer oder einen Gemäßigten, um Donald Trump zu schlagen?
Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der den Polarisierer Trump auf seinem eigenen Spielfeld schlagen kann. Die Demokraten sollten auch nicht Trumps Spiel mitspielen. Aber sie sollten eine spitze Botschaft in Hinblick auf den Amtsinhaber formulieren, um ihre Basis zu mobilisieren. Die Hälfte der demokratischen Wähler sagt, Priorität Nummer eins sei es, Trump aus dem Weißen Haus zu befördern.

Trump siegte 2016 vor allem deswegen, weil er vernachlässigte Wähler gewinnen konnte. Ist einer der beiden Kandidaten in der Lage, zusätzliche Zielgruppen anzusprechen?
Hillary Clinton war es 2016 tatsächlich nicht gelungen, die eigene Basis zu mobilisieren und die Koalition von Wählern, die Obama 2008 und 2012 gewinnen konnte, noch einmal auf ihre Seite zu ziehen. Es reicht nicht, aktuell einfach nur die Wähler zu aktivieren, die man schon 2016 hatte. Das spricht gegen Bernie Sanders, dessen Wählerschaft limitiert ist. Er ist beliebt bei Latinos und jungen Wählern, aber Joe Biden hat es geschafft, Afroamerikaner, die weißen weniger Gebildeten und auch die Oberschicht zu mobilisieren. Er kann theoretisch, basierend auf den Daten vom Super Tuesday, eine breitere Koalition an Wählern aufstellen, als es ein Sanders kann. Wir dürfen jedoch auch nicht vergessen, dass lediglich ein Drittel der Delegiertenstimmen vergeben sind. Bereits nächsten Dienstag wird erneut gewählt — in Schlüsselstaaten wie Ohio aber auch Michigan. Da kann sich noch viel verschieben.

Erklärt sich Joe Bidens Triumph beim Super Tuesday aus besonderen Themen, die er angesprochen hat oder ging es allein um seine Person? Konnte er punkten, weil er Obamas Vizepräsident war?
Das war ein ganz zentraler Aspekt, dass er insbesondere Afroamerikaner durch seine Historie mit Barack Obama ansprechen konnte. Es gibt noch einen zweiten Faktor: Joe Biden hat bei seiner Siegesrede in South Carolina gesagt, wenn ihr einen Demokraten wollt, müsst ihr einen Demokraten wählen. Das war eine klare Spitze gegen Sanders, der sich rhetorisch stark von der demokratischen Partei abgewandt hat. Man kann nicht gegen die Demokraten und Trump kandidieren, wenn man hofft, dass die demokratischen Wähler und vor allem die Parteibasis für einen stimmen.

Die USA sind gespalten zwischen Trump-Hassern und Trump-Fans. Wie viel Sehnsucht haben die Amerikaner nach einem Versöhner wie Barack Obama?
Allein das Land zusammenzubringen kann keine Wahlkampfstrategie sein. Bill Clinton hat 1992 gesagt: „Elections are about the future.“ Wahlen gehen immer um die Zukunft. Obama hat über ,hope' und ,change', Hoffnung und Wandel, gesprochen. Nicht ausschließlich darüber, die Bevölkerung zu versöhnen. In dieser polarisierenden Zeit muss der Kandidat der Demokraten ganz klar artikulieren, wofür er die Menschen wieder zusammenbringen will und was seine Vision ist.

Was würden Sie den beiden Kandidaten Biden und Sanders generell raten?
Ich würde beiden Kandidaten, aber vor allem der demokratischen Partei raten, schnell zum Punkt zu kommen. Je länger sich dieser Vorwahlkampf hinzieht, desto gespaltener wird die Partei sein. Erinnern Sie sich zurück an 2016, als der Wahlkampf zwischen Clinton und Sanders wirklich lange angedauert hat, die Fronten so verhärtet waren, dass am Schluss die Bernie-Anhänger nicht mehr zur Wahl gegangen sind. Je länger der Wahlkampf geht, desto mehr lacht sich Trump ins Fäustchen.

Die jungen Hoffnungsträger Buttigieg und Klobuchar sind ausgeschieden. Hätten die Amerikaner denn kein Problem damit, einen Kandidaten zu wählen, der im Amt 80 Jahre alt würde?
Offensichtlich nicht, zumindest diejenigen, die jetzt wählen waren. Beide Kampagnen hatten während der Vorwahlen immer wieder starke Phasen: Pete Buttigieg nach seinem Sieg in Iowa und Amy Klobuchar nach ihrem Erfolg in New Hampshire. Jedoch waren beide Kampagnen limitiert in ihrer Fähigkeit, Afroamerikaner und Latinos zu erreichen, was spätestens in South Carolina gezeigt hat, dass sie in allen 50 Bundesstaaten nicht standhalten können. Die Angst der Demokraten vor Donald Trump hat den Mut zu etwas Neuem gedrosselt. Diese Mutlosigkeit hat am Schluss dazu geführt, dass man sich wieder auf scheinbar sichere, altbekannte Kandidaten besonnen hat.

Inwiefern spielt Geld eine Rolle?
Dem amerikanischen Wahlkampf wird unterstellt, dass derjenige, der das meiste Geld hat, auch gewinnt. Im Falle von Biden wurde das widerlegt. Er hat zwei Millionen US-Dollar investiert, um in Bundesstaaten wie Texas ins Rennen zu gehen. Michael Bloomberg hat 540 Millionen US-Dollar ausgegeben. Dennoch ist es Biden gelungen, eine klare Botschaft zu artikulieren, die offensichtlich gehört wurde.

Welche Botschaft?
Der Kern vom Kern ist, dass die amerikanischen Werte auf dem Spiel stehen und dass unter Trump die Amerikaner ihre Identität verlieren. Das könnte bei den demokratischen Kernwählern verfangen. Es sind die Brot-und-Butter-Themen wie Gesundheitsvorsorge und Beschäftigung, die erfolgreich sind. Sämtliche Wertedebatten, wie sie beispielsweise rund um das Impeachment geführt wurden, sind nicht die Themen, die Menschen mobilisieren.