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Christian Sewing will die Deutsche Bank „sturmfest“ machen

Analysten rechnen mit hohen Verlusten im Corona-Jahr 2020. Doch Vorstandschef Sewing hält an den Zielen fest – und verzichtet auf ein Monatsgehalt.

Trotz seines Optimus für das laufende Geschäftsjahr will Deutsche-Bank-CEO Sewing auch schneller sparen. Foto: dpa

Die Deutsche Bank stellt sich auf einen harten Verlauf der Coronakrise ein. „In dieser Phase des Umbruchs müssen wir unsere Bank noch wetterfester machen – oder sagen wir besser: sturmfest“, steht in einer vorab veröffentlichten Rede von Vorstandschef Christian Sewing für die Hauptversammlung am 20. Mai. Niemand wisse, wie die Zweit- und Drittrundeneffekte dieser Pandemie ausfallen werden. „Wir können zwar nicht die Stärke des Sturms bestimmen, wohl aber die Stabilität des Schiffs“, so Sewing.

Ungeachtet dieser Warnungen hält der Vorstandschef aber an den von ihm ausgegebenen Finanzzielen für das Jahr 2022 fest. Die Bank habe sich in einer „nie dagewesenen Situation“ bisher gut geschlagen. „Deshalb sehen wir auch keinen Grund, bei unseren Ambitionen Abstriche zu machen. Wir stehen zu unseren Finanzzielen für 2022, wie wir sie im vergangenen Jahr bekanntgegeben haben.“ Die Bank hat sich unter anderem vorgenommen, ihre Kosten auf bereinigt 17 Milliarden Euro zu senken, die Erträge auf 24 bis 25 Milliarden Euro zu steigern und eine Nachsteuerrendite von acht Prozent zu erzielen.

Sewings Optimismus ist alles andere als selbstverständlich. Denn der Aufsichtsratschef des Instituts, Paul Achleitner, machte in seiner ebenfalls vorab veröffentlichten Rede deutlich, dass sich die Bank auf einen harten Verlauf der durch die Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise einstellt. „Weitgehend verschwunden ist die Hoffnung, dass auf einen scharfen volkswirtschaftlichen Einbruch eine schnelle Erholung auf das Vorkrisenniveau folgt“, sagte Achleitner. „Die Coronakrise wird nicht nur länger andauern als zunächst erwartet – sie wird auch dauerhafte Konsequenzen haben.“

Analysten teilen Sewings Optimismus nicht

Entsprechend pessimistisch blicken die meisten Analysten auf die Bank. Sie trauen der Bank bestenfalls die Kostenziele zu, doch nicht ein einziger glaubt, dass die Bank ihre Ertrags- oder Renditeziele für 2022 noch erreichen kann. Im Durchschnitt gehen die Finanzprofis von Erträgen in Höhe von 21 Milliarden Euro aus und von einer Nachsteuerrendite von 2,5 Prozent. Auch die Fondsmanagerin von Union Investment, Alexandra Annecke, sagt im Handelsblatt-Interview: „Hinter die Ertrags- und Renditeziele muss man spätestens jetzt ein großes Fragezeichen setzen.“

Die Coronakrise hat der Deutschen Bank einen hoffnungsvollen Jahresstart verdorben. Zeitweise war die Aktie auf mehr als zehn Euro gestiegen, nachdem mit der Capital Group ein renommierter institutioneller Investor bei der Bank eingestiegen war. Auch geschäftlich begann die Strategie von Vorstandschef Sewing Früchte zu tragen. Noch zum Jahresstart hatte die Deutsche Bank gehofft, in diesem Jahr zumindest vor Steuern eine schwarze Null zu schreiben.

Offiziell hat das Institut dieses kurzfristige Ziel noch nicht kassiert, auch nicht in Sewings Rede. Doch der Ausblick, den das Institut im April mit den Zahlen zum ersten Quartal veröffentlicht hatte, ist sehr gedämpft. Danach rechnet die Bank in diesem Jahr mit etwas niedrigeren Einnahmen als 2019 und einer deutlich höheren Risikovorsorge. Die Rückstellungen für das Kreditgeschäft würden stark steigen, daran könne auch die massive staatliche Unterstützung für Unternehmen und Privatkunden nichts ändern.

Analysten gehen im Durchschnitt davon aus, dass die Bank in diesem Jahr einen Vorsteuerverlust von einer Milliarde Euro Verlust ausweisen muss. Der Nettoverlust dürfte den Schätzungen zufolge sogar bei mehr als zwei Milliarden Euro liegen. Für die Bank wäre es der sechste Jahresverlust in Folge. Auch das erste Quartal hatte an den pessimistischen Analysten-Schätzungen nichts ändern können. Die Bank hatte deutlich höhere Erträge erzielt, als von den Finanzprofis erwartet und auch einen geringeren Verlust ausgewiesen als gedacht.

Die Führungskräfte üben Verzicht

Die Bank will vor allem auf der Ausgabenseite gegensteuern, zumal sie auch ihr Kostenziel von 19,5 Milliarden Euro für dieses Jahr erreichen oder unterschreiten will. „Deshalb haben wir entschieden, unser Kostensenkungsprogramm weiter zu beschleunigen“, so Sewing. Man werde nun auch die persönlichen Trennungsgespräche, die nach Ausbruch der Pandemie vorübergehend ausgesetzt worden waren, wieder aufnehmen.

Im Rahmen des Stellenabbaus sollen auch Manager-Posten wegfallen, wie Sewing betonte. „Der Umbau geht selbstverständlich auch nicht an unseren Führungskräften vorbei.“ Bereits in den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Führungskräfte gesunken. So beschäftigt die Bank mittlerweile 13 Prozent weniger Managing Directors, also Mitarbeiter auf der obersten Hierarchiestufe.

Angesichts der Einschnitte hat sich die Führungsetage des Konzerns entschlossen, auch persönlich ein Zeichen zu setzen. „Alle Mitglieder des Vorstands und des Konzernleitungskomitees werden auf einen Monat Festgehalt verzichten“, kündigte Sewing an. Die Führungskräfte der Bank verstünden sich als Unternehmer. „Da sind uns viele unserer mittelständischen Kunden ein Vorbild.“ Die Deutsche Bank folgt damit dem Beispiel anderer europäischer Institute. Noch im Februar hatten die Boni der Vorstände für das Jahr 2019 trotz eines Teilverzichts für Kritik unter Investoren und Unternehmern gesorgt.

Die eigene Außenwirkung ist dem Institut jedoch gerade in der Coronakrise wichtig. Nach der Finanzkrise 2008 habe die Bank zu spät erkannt, dass sich die Bankenwelt nach der Krise ändern würde, betonte Sewing. Sie habe sich über kurzfristig gut laufende Geschäfte gefreut und zu wenig darüber nachgedacht, wie sie selbst sich ändern müsse. „Das werden wir diesmal anders machen“, versprach er.

Nachhaltiges Geschäftsvolumen von 200 Milliarden Euro angepeilt

Zu den Verfehlungen, die Sewing damit anspricht, zählten neben Gehaltsexzessen des Instituts auch viele Geschäftspraktiken, die der Bank im Nachhinein Milliardenstrafen einbrockten oder zumindest moralisch fragwürdig waren. Vor diesem Hintergrund passt auch die Ankündigung Sewings, künftig stärker auf nachhaltige Geschäfte zu setzen. Dem Thema Nachhaltigkeit räumte der Vorstandschef in seiner Rede jedenfalls breiten Raum ein.

Hier sieht der Vorstandschef Wachstumschancen für die Bank. „Im Moment mag die Pandemie das Thema Nachhaltigkeit überlagern – doch es wird mit Macht zurückkommen“, prognostiziert Sewing. Von diesem Megatrend wollen die Frankfurter profitieren und geben sich erstmals quantifizierbare Ziele für nachhaltige Finanzprodukte. Bis Ende 2025 soll das Volumen an Finanzierungen und Anlagen, die ökologisch und sozial verträglich sind sowie den Prinzipien der guten Unternehmensführung genügen (ESG) auf mehr als 200 Milliarden Euro steigen.

Diese Mindestsumme innerhalb von sechs Jahren umfasst die bis Ende 2025 vergebenen Kredite und Anleihen, die in diesem Zeitraum von der Deutschen Bank platziert werden. Andererseits zählt dazu der Bestand an nachhaltig investiertem Vermögen, den die Privatkundenbank im Jahr 2025 verwalten wird.

„Damit liegen wir in der Branche weit vorn – nicht nur, was die Gesamtsumme angeht, sondern auch mit Blick auf den Zeitraum, in dem wir sie erreichen wollen“, heißt es im Manuskript der Sewing-Rede. Ab sofort will die Deutsche Bank jährlich über ihre Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit berichten.

Wie diese Pläne bei den Aktionären ankommen, wird die Deutsche Bank in diesem Jahr nicht an der Lautstärke des Applauses ablesen können. Das Aktionärstreffen findet am 20. Mai virtuell statt. Die Bank will Kommentare von Aktionären aber ins Internet stellen. Nicht alle Aktiengesellschaften stellen den Aktionären und der Öffentlichkeit die Reden ihrer Vorstände vorab zur Verfügung. Bei einigen Investoren hat die Bank mit ihrem Vorgehen daher gepunktet.

Hauptversammlung dürfte glimpflich ablaufen

Nicht nur aus diesem Grund stehen die Chancen für das Institut gut für ein vergleichsweise unspektakuläres – virtuelles – Aktionärstreffen. Zwar hat sich der Stimmrechtsberater Glass Lewis gegen die Entlastung von Aufsichtsratschef Paul Achleitner ausgesprochen. Doch der einflussreichere Aktionärsberater ISS stellt sich in diesem Jahr wieder hinter den langjährigen Chef des Kontrollgremiums.

Nach den Empfehlungen von Stimmrechtsberatern richten sich viele Fonds und Großanleger, insbesondere aus den USA und Großbritannien. Im vergangenen Jahr hatten sich erstmals sowohl ISS, als auch Glass Lewis gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat gestellt. Das hatte zu miserablen Abstimmungsergebnissen geführt, wenn man die sonst sehr hohen Zustimmungsquoten zum Maßstab nimmt, die bei deutschen Hauptversammlungen üblich sind. Damals hatten wohl nur die Stimmen der Großaktionäre der Deutschen Bank eine Abstimmungsblamage für Vorstand und Aufsichtsrat verhindert.

Für Aufmerksamkeit dürfte auch sorgen, mit welchem Wahlergebnis der Chef der Deutschen Börse, Theo Weimer, in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewählt werden sollte. Der deutsche Stimmrechtsberater Ivox, der Glass Lewis gehört, sowie die Fondsgesellschaft Union Investment hatten im Vorfeld Kritik geübt, weil Weimer aus ihrer Sicht zu viele Mandate wahrnimmt. So will sich der Deutsche-Börse-Chef auch in den Aufsichtsrat von Knorr Bremse wählen lassen. Union Investment wird aber trotz dieser Kritikpunkte Weimer in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank wählen.