Deutsche Märkte schließen in 2 Stunden 49 Minuten

Bei Villeroy & Boch tobt ein Streit um die Sonderdividende

Das Traditionsunternehmen erwägt den Kauf eines defizitären Konkurrenten. Doch die Investoren wehren sich – und setzen Villeroy & Boch unter Druck.

Alexander von Boch-Galhau war keine sieben Tage im Amt, da erreichte ihn der Brief eines Fremden. „Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Villeroy & Boch AG“, schrieb Christian Kappelhoff-Wulff. Dann stellte er sich vor. Kappelhoff-Wulff vertrete die Lakestreet Capital Partners AG aus Zug und gehöre zu den fünf größten Vorzugsaktionären des Keramikherstellers aus dem Saarland. Er habe deshalb einige Erwartungen an das Unternehmen.

Vor seinen Erwartungen beschrieb der Finanzinvestor sein Wissen. Mindestens 80 Millionen Euro seien Villeroy & Boch gerade zugeflossen, schätzte Kappelhoff-Wulff. Das Unternehmen verkaufte Anfang Januar ein 40.000 Quadratmeter großes ehemaliges Werksgelände in Luxemburg an ein Immobilienkonsortium.

Die Hälfte des Preises, fordert nun Lakestreet Capital, solle Villeroy & Boch an seine Aktionäre ausschütten, mit der anderen Hälfte seine Bilanz stärken. Keinesfalls aber solle das Management auf die Idee kommen, damit ein anderes Unternehmen zu kaufen. Das wäre, schrieb Lakestreet, „schwer nachvollziehbar“. Doch genau das ist geplant. Vor wenigen Tagen gab Villeroy & Boch bekannt, die Übernahme des Armaturenherstellers Ideal Standard zu prüfen.

Der Konkurrent von Villeroy & Boch ist seit zehn Jahren in der Hand von Finanzinvestoren. 2007 kam Ideal Standard in den Besitz von Bain Capital, zum Preis von 1,75 Milliarden Dollar – das meiste davon fremdfinanziert. Im März 2018 reichte Bain das Unternehmen an ein Konsortium um den Finanzinvestor CVC Credit Partners weiter. Der Umsatz lag zuletzt bei 729 Millionen Euro – und damit auf dem Niveau von 2009. In zurückliegenden Dekade war das Ergebnis oft rot.

Auch unter der Kontrolle der Finanzinvestoren hat Ideal Standard immer noch viele Hausaufgaben nicht erledigt, wie die Zahlen belegen. Die Rohertragsmarge sank zuletzt auf 32,2 Prozent – gut zehn Prozentpunkte unter der von Villeroy & Boch. Zwischen 2016 und 2018 fielen bei Ideal Standard Restrukturierungskosten von 30 Millionen Euro an, bei den Pensionsrückstellungen gibt es ein Defizit von 92,5 Millionen Euro. Alles Warnzeichen, sagt Kappelhoff-Wulff und greift zu einem drastischen Wortbild aus der Produktpalette: „Die Villeroy & Boch AG wäre gut beraten, diesen Griff ins Klo zu vermeiden.“

Viel Verbesserungsbedarf

Allerdings fehlt dem seit sieben Generationen in Familienhand befindlichen Keramikhersteller aus Mettlach mittlerweile der Glanz. Wettbewerber wachsen schneller und sind profitabler. Die Aktie von Villeroy & Boch dümpelt auf dem Niveau von 2007. Sorgen bereitet vor allem der Bereich „Tischkultur“, der rund ein Drittel des Gesamtumsatzes von 833 Millionen Euro ausmacht.

Im Januar 2019 verließ der zuständige Vorstand Nicolas Luc Villeroy das Unternehmen. Er war der letzte Vertreter der Familie in der operativen Führung. Der Geschäftsbereich „Bad und Wellness“, der für zwei Drittel des Umsatzes steht, läuft besser. Trotzdem musste Villeroy & Boch in den vergangenen Jahren Werke schließen und Mitarbeiter entlassen. Konkurrenten wie Masco aus den USA und Geberit aus der Schweiz sind bis zu dreimal so profitabel.

Es gibt viel Verbesserungsbedarf. Doch kurz vor Silvester 2019 legte plötzlich der Aufsichtsratschef Yves Elsen sein Amt nieder. Einen Tag später kündigte Annette Köhler ihr Ausscheiden an, die Vorsitzende des Prüfungsausschusses. Zu den Gründen sagte niemand ein Wort.

In der vergangenen Woche legte das „Manager Magazin“ eine Interpretation nahe. Es gebe einen Streit unter den Familiengesellschaftern. Diejenigen, die von den Dividenden abgängig seien, wollten kein Risiko. Solche, die neuen Schwung sehen möchten, seien für eine Übernahme des Luxemburger Konkurrenten Ideal Standard.

Es ist ein Schwung, der das Unternehmen umwerfen könnte, sagen nun Aktionäre, von denen bisher niemand etwas wusste. „Wenn sich Familienunternehmen mit Finanzinvestoren an einen Verhandlungstisch setzen und sich dabei von transaktionsgetriebenen Investmentbankern beraten lassen, ist der Super-GAU meist vorprogrammiert“, sagt Max Aengevelt. Das Thema Familienunternehmen liegt ihm nahe. Sein Urgroßvater Leo gründete 1910 Aengevelt Immobilien in Düsseldorf. Max Aengevelt, 32, ist dort heute für internationale Kunden zuständig.

Bei Villeroy & Boch baute er 2019 seine Anteile aus – sie sind aktuell rund 500.000 Euro wert, sagt Aengevelt. „Das große Potenzial der Villeroy & Boch liegt in ihrer starken Marke, die für exzellentes Design, Tradition und Qualität steht“, sagt Aengevelt. „Entsprechend sollte die Villeroy & Boch in ihr Kerngeschäft investieren und gleichzeitig ihre Effizienz steigern. Eine Übernahme der Ideal Standard wäre das Gegenteil dessen.“

Auch Lakestreet Capital reagiert auf die Nachricht, Villeroy & Boch erwäge eine Übernahme, geradezu erschrocken. Als Armaturenhersteller würden die Luxemburger zwar zu den Saarländern passen, meint Kappelhoff-Wulff. „Aber ein Blick in die Bilanz der Ideal Standard genügt: Eine Übernahme würde nicht zu einem starken, sondern zu einem stark geschwächten Konzern führen.“

Clemens Vedder in Lauerstellung

Das Unternehmen kann Kappelhoff-Wulffs Bedenken natürlich beiseite schieben. Die Stimmen von Aktionären wie Kappelhoff-Wulff und Aengevelt spielen keine Rolle. Beide sind Inhaber von Vorzugsaktien, die kein Stimmrecht haben. Was bei Villeroy & Boch getan oder gelassen wird, obliegt den Familiengesellschaftern – nur sie haben Stammaktien. Der Prüfungsausschuss von Villeroy & Boch will in dieser Woche tagen.

Entspannung wäre für die Führung trotzdem unangebracht. Der Name Kappelhoff-Wulff mag Vorstand und Aufsichtsrat von Villeroy & Boch nichts sagen. Den Mann, bei dem er sein Handwerk lernte, kennen sie bestimmt: Clemens Vedder. Kappelhoff-Wulff gilt als Meisterschüler des Firmenjägers. Die Möglichkeit, dass Vedder selbst in das Projekt Villeroy & Boch einsteigt, liegt in der Luft.

Erste Erfahrungen im Umgang mit Familienunternehmen sammelte Kappelhoff-Wulff in England. 2015 überzeugte er bei der Menzies-Gruppe andere Aktionäre von einem Strategiewechsel und sorgte für eine Verdoppelung des Aktienkurses.

Bei Villeroy & Boch schlägt er vor, mit dem Erlös aus dem Immobilienverkauf die ohnehin geringe Verschuldung um weitere 30 Millionen Euro zu reduzieren – und so eine Investitionsrücklage zu schaffen. Für bessere Optionen als Ideal Standard. Zehn Millionen Euro sollen zugunsten der Pensionsrückstellungen in die Bilanz fließen, das übrige Geld eigne sich als Sonderdividende von 1,50 Euro je Aktie.

Villeroy & Boch hat den Preis für das veräußerte Werksgelände, den „Rollingergrund“, nicht bestätigt. Auf Nachfrage zu den Themen des Finanzinvestors sagte eine Sprecherin, der Kauf von Ideal Standard werde geprüft. „Bezüglich der Dividende sind wir mit dem Aufsichtsrat in Gesprächen und werden hierzu im Rahmen unserer Bilanzpressekonferenz am 6. Februar kommunizieren.“

Die Familiengesellschafter dürften genau hinhören. Für die Mehrheit von ihnen fließen jährlich rund 240 000 Euro als Dividende. Zieht der Vorstand die Übernahme durch, könnten die Zahlungen auf Jahre ausfallen. Eine Sonderdividende brächte solchen Familienmitgliedern dagegen rund 660 000 Euro. Der Vorstand kann sich sicher sein, dass die Gesellschafter seine Argumente genau prüfen.