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Talanx wagt vorsichtige Gewinnprognosen für 2020 und 2021 – und setzt sich so von der Konkurrenz ab

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Die viertgrößte deutsche Versicherungsgruppe erwartet einen Jahresgewinn von deutlich mehr als 600 Millionen Euro. 2021 soll das Ergebnis weiter steigen.

Die aktuelle Marktkapitalisierung von Talanx ist um rund 850 Millionen Euro niedriger als der Börsenwert der 50,2-Prozent-Beteiligung an der Hannover Rück. Foto: dpa
Die aktuelle Marktkapitalisierung von Talanx ist um rund 850 Millionen Euro niedriger als der Börsenwert der 50,2-Prozent-Beteiligung an der Hannover Rück. Foto: dpa

Die Warnung war deutlich: Nach einem Gewinneinbruch im zweiten Quartal hatte der Versicherungskonzern Talanx, zu dem der HDI sowie die Hannover Rück gehören, weitere Pandemieschäden vorhergesehen. „Wir werden uns auf eine Corona-Belastung im zweiten Halbjahr einstellen müssen, von der wir noch nicht sagen können, wie hoch sie ausfällt“, hatte der scheidende Finanzvorstand Immo Querner im August gemahnt.

Doch drei Monate später kann sein Nachfolger Jan Wicke nun Entwarnung für die viertgrößte deutsche Versicherungsgruppe geben – zumindest teilweise. Das im SDax notierte Unternehmen rechnet trotz der Belastungen durch die Coronakrise in diesem Jahr mit einem Gewinn von deutlich mehr als 600 Millionen Euro, wie Wicke an diesem Donnerstag ausführte. Für das kommende Jahr peilt das Unternehmen ein Konzernergebnis zwischen 800 und 900 Millionen Euro an.

Die Niedersachsen trauen sich damit zwei Monate vor Ende des laufenden Jahres wieder eine Prognose zu – und setzen sich von größeren Konkurrenten wie Munich Re oder Allianz ab. Die beiden Münchener Dax-Konzerne hatten es bei der Vorlage ihrer Quartalszahlen jeweils vermieden, sich auf konkrete Ergebnisziffern für das laufende Jahr festzulegen.

Doch die Hannoveraner sind wagemutiger, nachdem bereits ihre wichtige Tochter, der Rückversicherer Hannover Rück, Anfang November mit einer Vorhersage vorprescht. Der Gewinn der Hannover Rück, an der Talanx gut 50 Prozent hält, soll 2020 nun mehr als 800 Millionen Euro betragen.

Für 2021 peilt der Vorstand einen Überschuss von 1,15 bis 1,25 Milliarden Euro an. Das Ergebnisziel von Talanx steht allerdings unter dem Vorbehalt, dass sich Großschäden im vierten Quartal im Rahmen der Erwartungen entwickeln und keine erneuten Verwerfungen an den Kapitalmärkten durch die Corona-Pandemie auftreten.

Der vom Ex-Swiss-Re-Manager Jean-Jacques Henchoz geleitete drittgrößte Rückversicherer der Welt bleibt damit ein wichtiger Ergebnistreiber für die Talanx-Gruppe. Das ursprüngliche Ziel eines Jahresgewinns von 900 bis 950 Millionen Euro hatte Talanx im April zurückgezogen. Nach dem ersten Halbjahr standen 325 Millionen Euro zu Buche.

Dividende soll bei 1,50 Euro je Aktie bleiben

Nach neun Monaten schlägt jetzt ein Konzernergebnis von 520 Millionen Euro zu Buche, nach 742 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Ohne Corona-Belastungen hätte das Talanx-Konzernergebnis deutlich über dem des Vorjahreszeitraums gelegen, betonte das SDax-Unternehmen. „Die Corona-Pandemie ist und bleibt eine Herausforderung“, sagte Torsten Leue, Vorstandsvorsitzender des Versicherers. Insgesamt sei die Pandemie in den ersten neun Monaten für Schäden in Höhe von 1,05 Milliarden Euro verantwortlich.

Die Anleger können sich dennoch darauf einstellen, dass das Unternehmen an der Dividende nicht rütteln wird. „An unserer Dividendenstrategie halten wir fest und wollen eine Dividende in Höhe des Vorjahres ausschütten“, sagte Leue. Für das zurückliegende Jahr schüttete Talanx an die Anleger rund 1,50 Euro pro Aktie aus – was dem Wertpapier Rückhalt geben sollte. Zumal die Bewertung der Aktie unter dem inneren Wert der Firma liegt.

Die aktuelle Marktkapitalisierung von Talanx ist um rund 850 Millionen Euro niedriger als der Börsenwert der 50,2-Prozent-Beteiligung an der Hannover Rück. Die Solvabilitätsquote von Talanx, die ein Gradmesser für die finanzielle Wetterfestigkeit ist, lag bei soliden 187 Prozent – und damit nur leicht unter dem Level, auf dem sich die Marktführerin Allianz bewegt.

Im Gegensatz zu anderen Versicherern hatte sich Talanx im Geschäft mit kleinen Unternehmen wie Restaurants nicht auf Vertragsklauseln zurückgezogen, nach denen das neuartige Coronavirus unter den versicherten Schadenauslösern gemäß Infektionsschutzgesetz nicht enthalten war. In der Industrieversicherung für große Firmen seien die Bedingungen dagegen restriktiver gewesen, hieß es. Allerdings will auch Talanx die Versicherungsbedingungen für Gastronomen und andere kleine und mittlere Betriebe ändern.

Erst Ende Oktober hatte Deutschlands viertgrößter Versicherungskonzern sein Geschäft in Italien mit der Übernahme des Sachversicherers Amissima Assicurazioni verstärkt. Finanzkreisen zufolge zahlt die italienische Talanx-Tochter HDI Assicurazioni dafür gut 200 Millionen Euro an den US-Finanzinvestor Apollo. Offiziell sei über den Kaufpreis Stillschweigen vereinbart worden. Talanx wolle ihn aus der eigenen Liquidität finanzieren.

Der HDI schraubt sein Prämienvolumen in Italien mit der Übernahme um knapp 300 Millionen auf etwa zwei Milliarden Euro nach oben und rückt damit nach eigenen Angaben von Platz 17 auf Rang elf unter den größten Versicherern in Italien vor. Für Talanx war es der erste Zukauf seit Jahren außerhalb der ausländischen Kernmärkte Polen, Türkei, Mexiko, Brasilien und Chile. Vorstandschef Leue hatte jüngst gesagt, er könne sich auch in Ländern wie Italien „Portfolio-Arrondierungen“ zur Diversifikation des Geschäfts vorstellen. An den Kernmärkten werde sich aber nichts ändern.