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Verdi hält Mitgliederzahl trotz der Coronakrise relativ stabil

Specht, Frank
·Lesedauer: 4 Min.

Im öffentlichen Dienst und im Gesundheits- und Pflegebereich kann die Gewerkschaft zulegen. Düster sieht es im Einzelhandel aus, im Telekommunikationssektor oder im Luftverkehr.

Trotz der leicht gesunkenen Mitgliederzahl konnte Verdi die Beitragseinnahmen im vergangenen Jahr auf 481 Millionen Euro steigern. Foto: dpa
Trotz der leicht gesunkenen Mitgliederzahl konnte Verdi die Beitragseinnahmen im vergangenen Jahr auf 481 Millionen Euro steigern. Foto: dpa

Das Auf und Ab des vergangenen Jahres – vom unbeschwerten Start über das Herunterfahren der Wirtschaft und die anschließenden sommerlichen Lockerungen bis hin zum zweiten Lockdown – zeigt sich auch in der Bilanz von Verdi.

2020 habe gut begonnen für die Dienstleistungsgewerkschaft, sagte Verdi-Chef Frank Werneke am Montagabend bei einer Videokonferenz mit Journalisten. Doch mit dem ersten Lockdown habe es einen Einbruch bei den Eintritten gegeben – „wie mit dem Messer abgeschnitten“.

Die Pandemie macht den Gewerkschaften das Leben schwerer, als es ohnehin schon ist. Neue Mitglieder lassen sich durch die persönliche Ansprache im Betrieb leichter gewinnen als über den Bildschirm im heimischen Homeoffice. Öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Kundgebungen und Streiks sind unter den geltenden Abstands- und Hygieneregelungen nur bedingt möglich. Und Stellenabbau kratzt an der Mitgliederbasis.

Die IG Metall als größte deutsche Gewerkschaft hat im Krisenjahr 2,1 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) lag das Minus bei 2,4 Prozent. Verglichen damit hat sich Verdi relativ gut geschlagen.

Unter dem Strich sei die Mitgliederzahl um rund 14.000 oder 0,7 Prozent auf 1.941.071 gefallen, sagte Werneke, der Ende September 2019 auch mit dem Anspruch angetreten war, den Mitgliederverlust zu stoppen. Bei der Gründung 2001 hatte Verdi noch 2,8 Millionen Mitglieder.

Fast 23.000 Eintritte im September

Im September 2020 verzeichnete die Dienstleistungsgewerkschaft fast 23.000 Eintritte – der erfolgreichste Monat in der Verdi-Geschichte. In den Monat fielen Warnstreiks im öffentlichen Dienst und im Nahverkehr. Dafür habe Verdi im Lockdown teils Wochen mit weniger als 1000 Neueintritten erlebt, sagte Werneke. Insgesamt traten 123.335 Mitglieder neu der Gewerkschaft bei, die Zahl der Abgänge – also Austritte, Todesfälle und Kündigungen seitens der Gewerkschaft – lag bei 137.297.

Besonders gut gelang die Mitgliederwerbung in Wirtschaftsbereichen, die durch die Corona-Pandemie oder Tarifrunden besonders im Fokus standen. Im Bereich Gemeinden stieg die Mitgliederzahl um 0,5 Prozent, bei Gesundheit und Pflege um ein Prozent, im Verkehrssektor und bei den Rettungsdiensten sogar um jeweils rund fünf Prozent.

Ein Minus unter dem Strich gab es dagegen im Bereich Telekommunikation und im Einzelhandel. Hier machten sich Stellenabbau und Standortschließungen wie bei Real, Galeria Karstadt Kaufhof oder Esprit bemerkbar.

Kahlschlag droht auch im Luftverkehr, wo die Gewerkschaft Teile des Kabinenpersonals und die Bodendienste an den Flughäfen organisiert. Verdi-Vize Christine Behle rechnet damit, dass im Luftverkehr rund 30 Prozent der Arbeitsplätze abgebaut werden.

Trotz der leicht gesunkenen Mitgliederzahl konnte Verdi die Beitragseinnahmen im vergangenen Jahr um 3,2 Millionen Euro auf 481 Millionen Euro steigern – einen neuen Höchststand. Wegen der Pandemie unterbrochene Tarifverhandlungen – wie die mit dem Bund über einen Digitalisierungstarifvertrag – will Verdi jetzt wieder aufnehmen.

Verdi fordert Vermögensteuer und Ende der Schuldenbremse

An größeren Tarifrunden stehen im laufenden Jahr die Verhandlungen im Einzelhandel, im Groß- und Außenhandel, im privaten Bankgewerbe, in der Papierindustrie und in den Ländern an. Im Spätherbst will Verdi zudem entscheiden, ob die Tarifverträge im Sozial- und Erziehungsdienst gekündigt werden.

Politisch will sich Verdi im Wahljahr vor allem für eine Stärkung des Tarifvertragssystems, der Mitbestimmung und des Sozialstaats sowie für eine ökologische Verkehrs- und Energiewende einsetzen. Die in einzelnen Bereichen wie dem Nahverkehr bereits erprobte Kooperation mit den Klimaaktivisten von Fridays for Future soll fortgesetzt werden.

In einem achtseitigen Papier, in dem sie ihre zentralen Anforderungen an die Parteien zur Bundestagswahl formuliert, macht sich die Gewerkschaft zudem für die Einführung einer Vermögensteuer und die Überwindung der Schuldenbremse stark. Das gesetzliche Rentenniveau soll nach Verdi-Vorstellungen perspektivisch mindestens 53 Prozent betragen, wobei die Gewerkschaft eine Anhebung des Renteneintrittsalters oder eine Kopplung an die Lebenserwartung ablehnt.

Die von den Arbeitgebern vehement eingeforderte Stabilisierung der Sozialversicherungsbeiträge bei höchstens 40 Prozent lehnt die Gewerkschaft ab. Dies sei „eine willkürlich gesetzte Grenze“, die „Sicherungsbedarfen der Versicherten“ nicht gerecht werde.