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Die USA – ein Emerging Market?

„Auf das Gesamtjahr umgerechnet sind die USA der Emerging Market unter den Industrieländern“, schrieb ein US-Wirtschaftsmagazin im vergangenen Oktober mit Blick auf das hohe Wachstum. Doch was heißt das eigentlich?

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Mit dem Terminus „Emerging Market“, also dem Markt eines Schwellenlandes, stehen allgemein bestimmte Merkmale in Verbindung:
1. ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum,
2. ein ebensolches Zinsniveau,
3. hohe Einkommensunterschiede,
4. ein Leistungsbilanzdefizit,
5. defizitäre öffentliche Haushalte und schwindende Haushaltsdisziplin in Wahljahren,
6. ein wachsender staatlicher Schuldenberg, den zum Teil die Zentralbank finanziert,
7. eine Geldpolitik, die stark von außen beeinflusst wird,
8. steigender Inflationsdruck und eine schwächelnde Währung sowie
9. Finanzmärkte, die anfällig für politische Beeinflussung sind.

Die USA gelten traditionell selbstverständlich nicht als ein Emerging Market. Ein nüchterner Vergleich der US-Zahlen mit den hier genannten Merkmalen bringt jedoch Erstaunliches zutage.

1. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum
Die amerikanische Wirtschaft wuchs 2019 laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds um 2,3 Prozent. Im Vergleich zu China, wo die Wirtschaft um 6,1 Prozent zulegte, mag dies moderat wirken. Gegenüber anderen Industrieländern wie Kanada (1,5 Prozent), Frankreich (1,3 Prozent), Japan (1,0 Prozent) und Deutschland (0,5 Prozent), aber auch im Vergleich zu klassischen Emerging Markets wie Brasilien (1,2 Prozent), Russland (1,1 Prozent) oder Mexiko (0,0 Prozent) erscheinen die USA als ein regelrechter Überflieger unter den G20.

2. Überdurchschnittliches Zinsniveau
Zu Jahresbeginn lag das Zinsniveau für zehnjährige Staatsanleihen in den USA bei 1,88 Prozent. In Großbritannien war das Niveau mit 0,79 Prozent schon deutlich tiefer, in Japan und Frankreich wurden nur knapp null Prozent erreicht. Die deutsche Verzinsung war mit -0,22 Prozent sogar negativ. Die Zinsen in den USA lagen auch über dem Niveau zehnjähriger Staatsanleihen klassischer Emerging Markets wie Südkorea (1,63 Prozent) und Thailand (1,44 Prozent).

3. Hoher Einkommensunterschied
Ein gängiges Maß zur Veranschaulichung der Gleichheit in der Einkommensverteilung ist der Gini-Index. Ein niedriger Gini-Index bedeutet eine relativ gleiche Verteilung. Laut Weltbank-Statistiken für 2015/2016 reichte das weltweite Spektrum von 25,4 für Slowenien bis zu 59,1 für Namibia. Die USA lagen mit 41,5 auf einem ähnlichen Niveau wie die klassischen Emerging Markets Argentinien (42), Türkei (41,9) und Kenia (40,8). Deutschland liegt mit 31,7 nahe an den skandinavischen Ländern.

4. Leistungsbilanzdefizit
Wenn ein Emerging Market Rohstoffe wie Öl- und Agrarprodukte sowie Dienstleistungen im Touristiksektor exportiert, jedoch Konsum- und Industriegüter einführen muss, entsteht ein Leistungsbilanzdefizit, denn die Einfuhren sind meist deutlich teurer als die Ausfuhren.

Die USA weisen seit den 1980-er Jahren fast kontinuierlich ein Leistungsbilanzdefizit auf, das zu Spitzenzeiten auf fast 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausgeufert ist. Aktuell beträgt es knapp 2,5 Prozent des BIPs. Aber warum?

CNN warf einen Blick auf die Zusammensetzung der US-Bilanz 2017 vor Beginn des Handelsstreits mit China. Das größte „Ausfuhrgut“ der USA waren demzufolge Reise- und Transportdienstleistungen gefolgt von Gütern im Bereich Lebensmittel, Getränke und Futtermittel (das heißt Sojabohnen und Fleisch) und im Bereich Rohöl, Kraftstoffe und andere Mineralölerzeugnisse. Erst danach kam die Flugzeug- und Automobilindustrie. Der größte US-Autoexporteur war 2017 übrigens BMW.

5. Schwarze Null zuletzt um die Jahrtausendwende
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das US-Haushaltsdefizit 2019 auf stolze 5,6 Prozent des BIPs. Diese Größenordnung ist in einer Liga mit der Türkei (4,6 Prozent des BIPs) und Südafrika (6,2 Prozent des BIPs). Trotz der guten US-Konjunktur nimmt das Defizit übrigens bereits seit 2015 wieder deutlich zu.

Eine gängige Praxis in Emerging Markets ist, in Wahljahren großzügige Wahlgeschenke zu verteilen. In den USA kursieren Gerüchte, dass 2020 eine weitere Steuerreform anstehen oder Präsident Trump ein Konjunkturpaket in Form eines großen Infrastrukturprogramms schnüren könnte. Die Frage wäre nur, wer das dann finanzieren soll.


Frappierende Parallelen

6. Notenbank finanziert staatlichen Schuldenberg mit
Wo die Steuereinnahmen nicht mehr ausreichen, werden Haushaltsdefizite großenteils durch die Aufnahme neuer Schulden, also durch die Ausgabe von Staatsanleihen, finanziert. Auch Importzölle sind in Emerging Markets ein beliebtes Mittel, um die Staatskasse aufzubessern.

Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) kauft im Zuge ihrer Quantitativen Lockerungsprogramme auch US-Staatsanleihen an. So verfünffachte die Fed ihren Bestand an Staatsanleihen von 2008-2017 auf einen Wert von rund 2,5 Billionen US-Dollar. Das entspricht mehr als zwölf Prozent des staatlichen Schuldenbergs. Nach einer Pause wurde das Kaufprogramm im September 2019 wiederaufgenommen.

7. US-Geldpolitik von China (mit-)beeinflusst
Viele Marktbeobachter waren überrascht, dass die Fed 2019 eine Kehrtwende in ihrem geldpolitischen Straffungskurs vollzog. Obwohl die US-Konjunkturdaten weiterhin ein rosiges Bild zeigten, senkte die Fed den Leitzins wieder. Zuletzt erst am vergangenen Dienstag.

Nicht ganz so überraschend wirkt dieser Umschwung jedoch vor dem Hintergrund, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik an den US-Inflationserwartungen ausrichtet. Diese werden wiederum nicht nur von der US-Konjunktur bestimmt, sondern scheinen auch stark mit der deflationären Entwicklung in der chinesischen Industrie zu korrelieren. Beim Blick auf den Warenkorb, der zur Berechnung der US-Kerninflation herangezogen wird, tritt der Zusammenhang zutage: 20 Prozent der Güter dieses Warenkorbs sind chinesische Importe. Was in China geschieht – und aktuell ist der dortige Markt schwach –, bleibt also nicht auf China beschränkt.

8. Preisdruck und Dollar-Schwäche
Trotz des deflationären Einflusses aus China stieg die US-Kerninflationsrate im Sommer 2019 auf 2,4 Prozent - ein Höchststand in den vergangenen zehn Jahren. Aktuell beträgt die Rate 2,3 Prozent.

Der US-Dollar erstarkte in den letzten Jahren gegenüber vielen Währungen, vor allem gegenüber dem Euro. Beim Vergleich des US-Dollars mit realen Werten, beispielsweise Gold, zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Gold legte in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um jährlich gut fünf Prozent gegenüber dem US-Dollar zu.


9. Präsidenten-Tweets bewegen Finanzmärkte
Analysten mehrerer großer amerikanischer Banken haben im vergangenen Jahr versucht, den Effekt von Präsident Trumps Twitter-Nachrichten auf die US-Aktien- und Rentenmärkte zu quantifizieren. Tatsache ist, dass Tweets aus dem Weißen Haus die Macht haben, die US-Finanzmärkte zu bewegen. Ein Schelm, der denkt, dass nur Finanzmärkte in Emerging Markets anfällig für politische Beeinflussung sind.

Die USA mögen kein Emerging Market im klassischen Sinne sein, aber es bestehen doch frappierende Parallelen, auch über das hohe Wirtschaftswachstum hinaus.