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„Die US-Wirtschaft könnte 2021 durchaus um vier Prozent wachsen“

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Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, über die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft und die Folgen des Wahlergebnisses für die US-Konjunktur, die Geldpolitik und den Welthandel.

David Folkerts-Landau ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Leiter der Research-Abteilung. Bevor er 1997 zur Deutschen Bank kam, arbeitete er in leitender Funktion beim Internationalen Währungsfonds. Folkerts-Landau hat an der Harvard Universität studiert und an der Princeton Universität in Volkwirtschaft promoviert.

Herr Folkerts-Landau, hat Sie das Wahlergebnis überrascht?
Nicht wirklich. Meine Kollegen und ich haben seit Wochen gegen den allgemeinen Konsens einen knappen Wahlausgang mit der Möglichkeit eines Sieges von Donald Trump prognostiziert. Statt nur auf die offiziellen Wahlprognosen zu schauen, haben wir uns auch die Wahlkampfveranstaltungen des Trump-Lagers und die Resonanz seiner Kampagne bei seinen Anhängern angeschaut. Da konnte man erkennen, welchen Enthusiasmus Trump nach wie vor unter seinen Anhängern entfacht - trotz aller Kritik an seinem Benehmen im Amt und daran, wie er die Coronakrise gemanagt hat.

Warum lagen die Demoskopen so sehr daneben?
Das Wichtigste im Prognosegeschäft ist, dass man sich frei macht von persönlichen Vorlieben. Das gilt für die Prognose der Konjunkturentwicklung ebenso wie für Wahlprognosen. Die meisten Prognostiker lassen sich aber bei ihrer Methodik und ihren Schlussfolgerungen unbewusst von ihren Vorlieben für bestimmte Ergebnisse leiten. Die meisten Meinungsforscher sympathisieren stark mit den Demokraten. Dazu kommt, dass die meisten Umfragen von Medien in Auftrag gegeben und finanziert werden, etwa von der New York Times, CNN, Washington Post et cetera. Diese Medien sehen Trump alle sehr kritisch.

Wollen Sie damit sagen, die Medien haben die Umfrageergebnisse getürkt?
Nein, ganz und gar nicht. Aber schauen Sie: Wenn Sie eine Umfrage machen, können Sie die Frage so oder so stellen und damit die Antworten in gewisser Weise beeinflussen. Dazu kommt, dass viele Befragte nicht die Wahrheit sagen. Leute belügen ihre Steuerberater, ihre Anwälte und ihre Ehepartner. Warum sollten sie ausgerechnet Meinungsforschern die Wahrheit sagen?

Sie meinen, man will sich nicht als Trump-Fan outen.
So ist es. Unter Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss oder solchen, die zur Elite gezählt werden, herrscht ein großer Druck, sich als Gegner von Donald Trump zu positionieren. Kaum jemand in diesen Kreisen gibt freiwillig zu, dass er Trump wählt. Man riskiert sozial geächtet zu werden – die nächste Dinner Party im Freundeskreis könnte ohne einen stattfinden. Das alles dürfte dazu beigetraben haben, dass Trumps Wählerpotenzial unterschätzt wurde – wie schon vor vier Jahren.

Normalerweise verlieren Regierungschefs in Wirtschaftskrisen an Zustimmung. Warum gilt das nicht für Trump?
Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie ging es der US-Wirtschaft blendend. Die Arbeitslosigkeit lag auf historischen Tiefständen. Davon profitierten auch gesellschaftliche Minderheiten, die es normalerweise schwer auf dem Arbeitsmarkt haben. Viele Amerikaner betrachten das als Trumps Verdienst. Die Coronakrise an sich kreiden sie ihm nicht an, schließlich hat er das Virus nicht nach Amerika eingeschleppt.

Aber sein Management der Coronakrise war katastrophal.
Das sehen nicht alle Amerikaner so. In den USA ist das soziale Sicherheitsnetz viel weniger eng geknüpft als in Europa. Arbeitslosigkeit kann in Amerika eine existenzielle Krise bedeuten. Wenn Sie jung sind und sehen, dass die Sterblichkeitsraten für Menschen in Ihrem Alter gering sind, dann sind Sie vielleicht nicht bereit, ihre berufliche Existenz zu riskieren, um eine Pandemie zu bekämpfen, die sie persönlich nicht so sehr bedroht. Viele dieser Menschen wählen dann eher Trump, weil der Ihnen sagt: Pass auf, dass Dich das Virus nicht erwischt, aber Deinen Laden darfst Du weiter öffnen.

Die Ansteckungs- und Mortalitätsraten in Amerika sind ausgesprochen hoch.
Die USA liegen bei der Sterblichkeit im internationalen Durchschnitt. Die Mortalitätsrate in den USA ist ähnlich hoch wie in Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Der Ausreißer im internationalen Vergleich ist Deutschland, im positiven Sinne: Deutschland hat eine der geringsten Mortalitätsraten. Aber die US-Bürger vergleichen ihre Lage nicht mit Deutschland, sondern mit dem internationalen Durchschnitt. Wohl auch deshalb haben sie Trump nicht in dem Maße für die Folgen der Corona-Pandemie abgestraft wie erwartet.

Amerika ist zerrissen, die Gesellschaft polarisiert. Kann der neue Präsident das Land wieder einen?
Amerika befindet sich in einer Art Klassenkampf. Es ist ein Kampf zwischen den global orientierten, gut gebildeten, urbanen Eliten und der weniger privilegierten Landbevölkerung. Dieser Kampf zwischen sozialen Schichten lässt sich nicht durch ein paar warme Worte beenden. Trump ist zudem kein Mann der Versöhnung. Zieht er erneut ins Weiße Haus ein, dürfte er das Land weiter spalten. Biden ist versöhnlicher, seine Chancen, das Land zu beruhigen, stehen daher etwas besser. Aber mit ihrer Mehrheit im Senat können die Republikaner Biden ausbremsen. Vor allem, wenn sie den Eindruck haben, die Demokraten hätten sie ums Weiße Haus gebracht. Die politische und gesellschaftliche Polarisierung wird weitergehen, die Vereinigten Staaten bleiben gespalten.

Welche Folgen hat eine erneute republikanische Senatsmehrheit für die US-Wirtschaftspolitik?
Bleibt der Senat republikanisch dominiert, wird er keinem Konjunkturprogramm in der Größenordnung von zwei Billionen Dollar zustimmen, wie es den Demokraten vorschwebt. Realistisch erscheinen allenfalls Stimuli in der Größenordnung von 500 Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Zudem wird es mit einem republikanischen Senat keine Steuererhöhungen geben, was gut für die Wirtschaft ist. Und es wird auch keine institutionellen Reformen geben, die das politische Gefüge dauerhaft verändert könnten.

Was meinen Sie konkret?
Die Demokraten würden die Anzahl der Richter am Obersten Gerichtshof gern aufstocken, um die konservative Mehrheit dort zu brechen. Das wird gegen einen republikanischen Senat nicht möglich sein. Zudem würden sie Puerto Rico und dem District of Columbia gern den Status eigenständiger Bundesstaaten geben. Das würde vier zusätzliche Senatorensitze bedeuten, die die Demokraten auf Jahre hinaus so gut wie sicher hätten.

Welche Machtaufteilung zwischen Weißem Haus und Kongress wäre für die Wirtschaft die beste?
Eine gewisse Teilung der Macht kann durchaus positiv sein. Wenn Biden ins Weiße Haus einzieht und die Republikaner den Senat kontrollieren, könnten wir ein wirtschaftliches Goldilock-Szenario bekommen: Der Aufschwung gewinnt an Dynamik, ohne dass die Staatsschulden durch überdimensionierte Fiskalprogramme völlig aus dem Ruder laufen und die Zinsen nach oben treiben. Die US-Wirtschaft könnte dann im nächsten Jahr durchaus um vier bis viereinhalb Prozent wachsen. Viele Investoren erhoffen sich noch bis zum Jahresende ein Plus von 10 bis 15 Prozent beim S & P-500-Aktienindex.

Wenn die US-Wirtschaft so gut läuft, ist dann ein Konjunkturprogramm überhaupt nötig?
Die US-Wirtschaft hat sich von dem Einbruch im Frühjahr vergleichsweise gut erholt. Das hat vor allem damit zu tun, dass es in den USA keinen totalen Lockdown wie in Europa gab. Ein sehr großes Konjunkturprogramm halte ich daher für überflüssig. Gleichwohl wären gewisse Transfers sinnvoll, um die Bürger zu unterstützen, die durch die Corona-Pandemie ihren Job verloren haben. Andernfalls könnte es zu einem scharfen Einbruch beim Konsum kommen.
Wie wird die US-Notenbank auf das Wahlergebnis reagieren?
Die Notenbank unter Jerome Powell hat die Wirtschaft in der Pandemie massiv gestützt. An dem expansiven Kurs der Fed dürfte sich vorerst nichts ändern. Die Notenbanker werden darauf achten, dass die Zinsen für Staatsanleihen nicht allzu stark steigen. Das würde die Konjunktur abwürgen und den Staatshaushalt belasten. Ich kann mir vorstellen, dass die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen von derzeit 0,8 auf 1,2 Prozent steigen, viel mehr wird die Fed nicht zulassen.

Was wird sich am außenwirtschaftlichen Verhältnis der USA zu Europa und China durch das Wahlergebnis ändern?
Sollte Trump im Weißen Haus bleiben, wird Europa im Außenhandel und bei den Zöllen Zugeständnisse an die USA machen müssen, um Strafzölle etwa gegen europäische Autohersteller zu verhindern. Biden hingegen dürfte eine weniger konfrontative Außenwirtschaftspolitik betreiben und transatlantische Institutionen wie die NATO stützen. Im Hinblick auf China wird sich wenig ändern. Die Konfrontation wird weitergehen, unter Biden wohl etwas diplomatischer als unter Trump. Zudem dürfte Biden weniger stark auf Zölle setzen. Beide Länder werden sich jedoch weiter wirtschaftlich entkoppeln. China hat gerade die Marschroute ausgegeben, bei der Produktion strategisch wichtiger Güter wie speziellen Halbleitern die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren.

Welche Rolle werden Deutschland und Europa in der Auseinandersetzung zwischen den USA und China spielen?
Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste Land in Europa. Die ökonomische Stärke sollte sich auch in politischer Stärke widerspiegeln. Deutschland muss mehr globale Führungsaufgaben übernehmen. Europa insgesamt sollte ökonomisch, aber auch militärisch selbstständiger werden und seine Angelegenheiten mehr in die eigenen Hände nehmen.

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