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Britischen Großbanken drohen harte Einschnitte

Die Geldhäuser im Königreich sind rentabler als viele Rivalen in Kontinentaleuropa. Doch mit Corona und Brexit droht ihnen nun ein doppelter Schlag.

Die Ankunft von Chira Barua löst in der Belegschaft von HSBC Unruhe aus. Der neue Strategiechef der britischen Großbank war vorher Unternehmensberater bei McKinsey – und gilt als Experte für Restrukturierungen. Im Februar hatte HSBC-Chef Noel Quinn den Abbau von 35.000 Stellen angekündigt. Wegen der Coronakrise wird die Strategie derzeit überarbeitet, am Ende müssen sich die HSBC-Mitarbeiter wohl auf noch härtere Einschnitte einstellen.

Europas größte Bank ist kein Einzelfall. Die anderen britischen Institute halten sich noch bedeckt, doch Experten erwarten eine weitere Restrukturierungswelle. Denn die Geldhäuser werden gerade von zwei Seiten in die Zange genommen: Zur Coronakrise kommt der bevorstehende Brexit, der in vielen Häusern für Verunsicherung sorgt. Nach wie vor ist unklar, wie die künftigen Beziehungen des Königreichs zur Europäischen Union  aussehen werden. 

Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, forderte die Bankchefs in einer Telefonschalte am Dienstag auf, die Vorbereitungen auf einen ungeordneten Brexit am Jahresende zu beschleunigen. Es sei die Aufgabe der Notenbank, das britische Finanzsystem auf alle Risiken vorzubereiten, teilte die Zentralbank am Mittwoch mit. Dass Briten und Europäer bis zum Jahresende kein neues Freihandelsabkommen aushandeln, sei eine der Möglichkeiten, auf die Banken sich einstellen müssten.

Corona allein stellt für die Geldhäuser schon eine erhebliche Belastung dar: Auf der einen Seite schrumpfen die Einnahmen, weil die Bank of England den Leitzins als Teil der Krisenpolitik gesenkt hat und weiter senken könnte. Auf der anderen Seite steigt die Zahl der Kreditausfälle, weil Unternehmen und Verbraucher in Schwierigkeiten geraten.

Vor diesem Hintergrund dürften die britischen Banken ihre Renditeziele in diesem Jahr nicht erreichen, sagt Jason Napier, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS. Um die Rendite zu verbessern, könnten sie umbauen, Geschäftsteile abstoßen und Mitarbeiter entlassen. Wenn es etwas mehr Klarheit zu den wirtschaftlichen Folgen der Virus-Pandemie gebe, sei auch eine Konsolidierung des Sektors denkbar, sagt Napier.

Gewinneinbruch um ein Drittel erwartet

Auch Pauline Lambert von der Ratingagentur Scope ist sicher: Die Banken müssten ihre Kosten weiter senken. Barclays-Chef Jes Staley hatte bereits bei der Vorlage der Zahlen für das erste Quartal gewarnt, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie die Finanzkrise von 2009 um ein Vielfaches übertreffen würden.

Immerhin gehen die britischen Banken gesünder in die Rezession als die meisten kontinentaleuropäischen Konkurrenten. Sie waren bislang deutlich profitabler, die Eigenkapitalrendite von Instituten wie HSBC und Lloyds war im vergangenen Jahr zweistellig.

Ein Grund: Anders als die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Bank of England vor Minuszinsen bislang zurückgeschreckt. Zudem ist der britische Bankenmarkt weniger zersplittert als etwa der deutsche: Eine Handvoll großer Player dominiert den Markt und kann höhere Margen verlangen.

Doch die Coronakrise stoppt die Ambitionen nun jäh, und zum Jahresende kommt der Brexit als zusätzliches Risiko hinzu. Analyst Napier rechnet bei den Instituten, die vor allem auf dem britischen Heimatmarkt tätig sind, mit einem Rückgang des Vorsteuergewinns um ein Drittel. Besser schneiden nur HSBC und Standard Chartered ab, die beide stark in Asien engagiert sind. Hier soll der Vorsteuergewinn nach seinen Prognosen um ein Fünftel sinken.

Seit dem Ausbruch der Pandemie bemühen sich die britischen Banken, als Teil der Lösung wahrgenommen zu werden. Nicht nur haben sie die Kreditprüfung gestrafft, um Unternehmen schnell mit Überbrückungskrediten zu versorgen. Sie verzichten auch auf Dispozinsen und gewähren Stundungen bei der Rückzahlung von Hypotheken und Verbraucherkrediten. Die Großzügigkeit kostet: Barclays etwa schätzt, dass der Zinsüberschuss im zweiten Quartal um 17 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurückgehen wird.

Die Bank of England betont, dass die Kulanz der Geldhäuser im eigenen Interesse sei: Sie müssten ihre Kunden liquide halten, um die langfristige Stabilität des Finanzsystems zu sichern. Die Hoffnung ist, dass viele Unternehmen und Haushalte nach dem Ende des Lockdowns da weitermachen können, wo sie vor dem Ausbruch der Pandemie aufgehört hatten.

Doch die große Frage ist, was passiert, wenn die staatlichen Hilfen für die Wirtschaft auslaufen. Viel deutet darauf hin, dass alte Geschäftsmodelle in besonders hart getroffenen Branchen wie der Luftfahrt und der Gastronomie dann obsolet sind. Der britische Finanzminister Rishi Sunak hat die Hilfsprogramme vorerst bis Ende Oktober verlängert.

Doch will er die Zuschüsse bei der Kurzarbeit bereits vorher schrittweise reduzieren. Die Zahl der Insolvenzen und Entlassungen wird steigen – und die Banken drohen auf hohen Kreditverlusten sitzen zu bleiben. „Die staatliche Unterstützung für Unternehmen und Haushalte führt dazu, dass die Stunde der Wahrheit für die Banken aufgeschoben wird“, sagt Napier. Frühestens in der zweiten Jahreshälfte werde das Ausmaß der Kreditausfälle sichtbar.

Die Erfahrung zeigt, dass Haushalte unter Stress zuerst ihre Ratenkredite und Kreditkarten nicht mehr abzahlen. Hypotheken hingegen gelten als vergleichsweise wenig ausfallgefährdet. Auch hier könnte es jedoch Probleme geben, wenn die Rezession sehr lange dauert. „Banken verlieren normalerweise kein Geld mit Hypotheken“, sagt Lambert von Scope Ratings. „Aber wenn die Arbeitslosigkeit auf lange Zeit hoch bleibt, könnten Hypotheken unter Druck geraten.“

Eine Bad Bank“ für Problemkredite?

Auch die Notkredite, mit denen die Regierung Firmen derzeit über Wasser hält, könnten die Banken teuer zu stehen kommen. Zwar bürgt der Staat für 80 Prozent der Kreditsumme, doch die restlichen 20 Prozent stellen angesichts der gewaltigen Volumina immer noch ein großes Risiko für die Banken dar.

Denn angesichts der ökonomischen Unsicherheit ist es vielfach unmöglich, die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens seriös zu beurteilen. Die Gefahr besteht, dass das Geld an Zombie-Firmen fließt, die eventuell schon vorher Probleme hatten und nach dem Auslaufen der Hilfen direkt in die Insolvenz schlittern.

Selbst das Kreditprogramm für kleine Unternehmen, bei dem der Staat hundert Prozent des Risikos trägt, könnte die Banken auf Jahre belasten. Die Institute fürchten, dass viele dieser Kredite nicht zurückgezahlt werden und dann mit langwierigen Inkassoverfahren eingetrieben werden müssen. In der Branche wird daher bereits über eine staatliche „Bad Bank“ diskutiert, die den Banken ihre Problemkredite abnehmen könnte.

Erst im Laufe des Jahres wird sich herausstellen, ob die Risikovorsorge der Banken ausreichend ist. Die HSBC hatte im ersten Quartal die Kreditausfälle in diesem Jahr auf sieben bis elf Milliarden Dollar geschätzt. Barclays geht von fünf Milliarden Pfund aus. Laut Lambert könnten die Banken diese Beträge aus ihren laufenden Einnahmen begleichen. Nur wenn sie höher lägen, müssten sie ihre Kapitalreserven anzapfen.

Auch die Bank of England hält die Banken für ausreichend kapitalisiert – selbst in ihrem Stress-Szenario. Demnach könnte die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 14 Prozent zurückgehen. Die Arbeitslosigkeit würde auf neun Prozent steigen. Die Kreditausfälle würden sich insgesamt auf 80 Milliarden Pfund summieren – eine Ausfallrate von 3,5 Prozent.

Die Banken könnten diese Verluste nach Einschätzung der Notenbank ohne größere Probleme stemmen. Die Kernkapitalquote der sieben größten Institute würde in dem Szenario von 14,8 Prozent auf elf Prozent Ende 2021 sinken. Damit wäre gerade mal die Hälfte der Kapitalpuffer über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestkapital aufgebraucht.

Die konjunkturelle Unsicherheit ist jedoch so groß, dass diese Zahlen nicht sehr belastbar sind. Das größte Risiko bleibt ein zweiter Pandemie-Ausbruch, der die Wirtschaft erneut lahmlegen und weitere Unternehmen in die Insolvenz treiben würde.

Diese zweite Infektionswelle könnte im Herbst anrollen, warnen einige Mediziner – das wäre dann in etwa zeitgleich zu den finalen Brexit-Verhandlungen. Sollten sich Briten und Europäer nicht rechtzeitig auf ein Freihandelsabkommen einigen können, würden neue Zölle und Hürden die Wirtschaft zusätzlich belasten. Ökonomen erwarten für diesen Fall eine längere und tiefere Rezession.

Risiko Minuszinsen

Dann sähe sich die Bank of England wahrscheinlich gezwungen, Minuszinsen einzuführen. Im März hatte die Notenbank in einer ersten Reaktion auf die Pandemie den Leitzins in zwei Schritten von 0,75 auf 0,1 Prozent gesenkt. Derzeit prüft sie weitere Zinssenkungen und schließt Minuszinsen nicht aus. Chefvolkswirt Andy Haldane sagte jedoch zuletzt, von der Umsetzung sei man noch weit entfernt.

Die US-Investmentbank Morgan Stanley erwartet, dass die Notenbank im Dezember den Leitzins zunächst auf null senken wird. Nur wenn es zum Jahresende einen ungeordneten Brexit gäbe, würden Minuszinsen in der ersten Jahreshälfte 2021 „plausibel“, schreiben die Analysten. Sollte Großbritannien Minuszinsen einführen, würde dieser Zustand wohl Jahre anhalten, das zeige die Erfahrung aus anderen Ländern.

Minuszinsen wären ein weiterer Schlag für die Banken. Experten schätzen, dass jede Senkung um 25 Basispunkte den Gewinn der Geldhäuser um zehn Prozent reduziert. Die Wirkung kumuliert sich mit jedem Monat, weil ältere Produkte mit höheren Zinsen auslaufen und durch neue Produkte mit niedrigerem Zins ersetzt werden.

Die britischen Institute hätten dann das gleiche Problem, mit dem die deutschen Banken seit Jahren kämpfen. Minuszinsen würden die Einnahmen just zu dem Zeitpunkt verringern, da die Kreditausfälle steigen. Kein Wunder, dass Notenbankchef Andrew Bailey Minuszinsen weiter skeptisch sieht.