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Die Ukraine ist nicht das einzige Land, das Russland zu bezwingen versucht

Russland führt Krieg gegen die Ukraine und weitet seinen Einfluss über unkonventionelle Kriegsführung weltweit aus. - Copyright: Alexander Zemlianichenko/AP
Russland führt Krieg gegen die Ukraine und weitet seinen Einfluss über unkonventionelle Kriegsführung weltweit aus. - Copyright: Alexander Zemlianichenko/AP

Seit mehr als zwei Jahren verwickelt das russische Regime unter Präsident Wladimir Putin die Ukraine mit Bodentruppen, zu Wasser und aus der Luft in einen anhaltenden Krieg. Und auch im übrigen Europa und im Rest der Welt strebt Russland nach der Vorherrschaft. Dabei setzt das Land auf seine Nachrichtendienste, Söldnerarmeen und auf Korruption.

„Russland greift auf unkonventionelle Strategien zurück, um seinen Einfluss zu mehren, sich aus seiner Eindämmung zu befreien und seine Gegner zu destabilisieren und zu stören – mit Erfolg in vielerlei Hinsicht“, warnt die Militärdenkfabrik Britain's Royal United Services Institute (RUSI) in einem neulich veröffentlichen Bericht. Diese Art der Kriegsführung schließe verdeckte Operationen in Europa ebenso ein wie auch Söldner, de in ganz Afrika agieren. Nicht zuletzt manipuliere Russland muslimische Gemeinschaften in Zentralasien und Europa für seine Zwecke.

Moskau trägt damit einen weltweiten Grauzonen-Konflikt aus, der bis aufs Engste mit seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine verbunden ist. „Die Angst vor einer klassischen kriegerischen Konfrontation schreckt davor ab, Russlands unkonventionelle zu vergelten. Auf diese Weise tastet sich Russland an die Grenzen dessen heran, was andere Länder durchgehen lassen“, stellt RUSI heraus. „Umgekehrt zielen die russischen Spezialeinheiten mit ihren unkonventionellen Operationen darauf ab, die Bedingungen für die erfolgreiche Anwendung konventioneller militärischer Gewalt zu schaffen.“

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Davon, dass Russland etwa einzelne afrikanische Länder destabilisiere und somit die Aufmerksamkeit des Westens auf den Kontinent lenke, erhoffe sich die Fürung um Putin, ungestörter den Ukraine-Konflikt austragen zu können. Spioninnen und Spione, Auftragsmörderinnen und -mörder und Propagandistinnen und Propagandisten hätten dann freiere Hand.

Russland greift geopolitisch auf Sowjet-Strategien zurück

Schon in der Sowjetunion gehörten Revolutionen und Umstürze zum Standardrepertoire des Kreml, mit dem er sich in die Angelegenheiten fremder Staaten einmischte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Tatsächlich, so der Think Tank RUSI, sei es geradezu bemerkenswert, wie Russlands geopolitische Strategien und Taktiken sich erhalten haben. „Die allgemeine Strategie besteht darin, Informationskampagnen und aktive Maßnahmen zu nutzen, um eine Bevölkerung zu spalten sowie Gruppen zu mobilisieren, die verbündete Führungskräfte unterstützen, und die Opposition zu lähmen.“ Geheimdienste versuchten mithilfe von Korruption, ausländische Politikerinnen und Politiker für russische Interessen zu gewinnen. „Außerdem kann Gewalt genutzt werden, um politische Spannungen bis zur Krise zu steigern oder in anderen Situationen, um Eliten zu isolieren.“

So beauftragten russische Geheimdienste kriminelle Banden, bei den Wahlen in Montenegro im Jahr 2016 einen Staatsstreich auszuführen. Eine neu eingesetzte Regierung sollte in der Folge den NATO-Beitritt des Balkan-Landes verhindern. Doch der Versuch misslang und Gerichte verurteilten die Beteiligte, darunter Politikerinnen und Politiker aus Montenegro, zu Gefängnisstrafen.

Im Februar 2022 plante Moskau, in der Ukraine Straßenproteste initiieren. Sie sollten Russlands militärischen Angriff rechtfertigen – „unterstützt von Kollaborateurinnen und Kollaborateuren innerhalb der ukrainischen Regierung, die den Weg frei machen sollten für russische Agentinnen und Agenten, die man unter ukrainischen Parlamentsmitgliedern gewonnen wollte“, so der RUSI-Report.

Auch in Moldau hoffte der russische Inlandsgeheimdienst in den Jahren 2022 und 2023, dortige pro-russische Anführende würden eine Militärintervention fordern. Wie das RUSI vermerkt, ließ „die schwache Leistung russischer Waffen in der Ukraine“ jene Anführenden aber daran zweifeln, dass eine solche Aktion durchsetzbar ist.

Russlands Misserfolge häufen sich

Die Erfolgsbilanz der Nachfolgeorganisationen des sowjetischen KGB bleibt dürftig, wohl zum Bedauern des russischen Präsidenten. Das Zentralorgan des Militärgeheimdienstes, die GRU, hat im vergangenen Jahrzehnt mehrere offensichtliche Fehlschläge angehäuft. Zu diesen gehören eben der erfolglose Staatsstreich in Montenegro und die Versuche, Gewalt in der Ukraine und Moldau zu schüren.

„Die Gründe für das Scheitern sind immer gleich“, sagen die RUSI-Analysten Jack Watling, Oleksandr Danylyuk und Nick Reynolds. „Schlechte operative Sicherheit, aufgrund derer die Pläne durch die jeweiligen inländischen Geheimdienste aufgedeckt wurden und eine ungenaue Einschätzung der russischen Spezialdienste hinsichtlich ihres Einflusses in diesen Ländern.“ Darüber hinaus hätten viele europäische Länder nach der Invasion der Ukraine im Februar 2022 russische Diplomaten und Spione ausgewiesen. Verfehlte Operationen – wie misslungene Attentate auf GRU-Überläufer in Großbritannien – seien auch nicht hilfreich gewesen.

Eine Luftaufnahme des Gebäudes der Hauptdirektion des Generalstabs der Streitkräfte, auch bekannt als GRU, in der russischen Hauptstadt Moskau. - Copyright: Getty Images
Eine Luftaufnahme des Gebäudes der Hauptdirektion des Generalstabs der Streitkräfte, auch bekannt als GRU, in der russischen Hauptstadt Moskau. - Copyright: Getty Images

Die Mafia und Söldnertrupps spannen ein weltweites Russland-Netz

Unbeirrt hat Russland seine Ressourcen für eine unkonventionelle Kriegsführung oder „aktive Maßnahmen“ wieder aufgebaut. Das Land hat zum Beispiel ein Netzwerk zur Unterstützung seiner Agentinnen und Agenten in Europa geschaffen. Dabei greift es weniger auf russische Geschäftsleute und Auswandererinnen und Auswanderer zurück, sondern ist auf die russische Mafia umgestiegen und rekrutiert ausländische Studenten an russischen Universitäten.

„Während der Krieg in der Ukraine anhält, will Russland weitere Krisen anfachen“, berichtet RUSI. „Die Länder des Balkan stellen sich für solche Vorhaben als besonders attraktiv dar.“ Russland habe ein aktives Interesse daran, die Partner der Ukraine zu destabilisieren. „Und mit einer Reihe bevorstehender Wahlen in ganz Europa gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, vorhandene Polarisierungen zu verschärfen.“

In der Zwischenzeit weiten von Russland bezahlte Söldner ihre Aktivitäten in Afrika und dem Nahen Osten aus. Sie stellen nämlich militärische Unterstützung für Diktatoren und Warlords bereit. Ihr dadurch gewonnenes Einflussgebiet erstreckt sich von Libyen und Mali bis hin zum Sudan und zur Zentralafrikanischen Republik.

Die berüchtigte Wagner-Gruppe scheint inzwischen rehabilitiert und ist weiterhin in Afrika unterwegs. Ihr Anführer Jewgeni Prigoschin hatte der sich offen gegen die Art der Kriegsführung unter Putins Militärführung gestellt und war mit einem Kampftross in Richtung Moskau gezogen. Kurz darauf starb er bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz.

Propaganda: Gegen den "verkommenen Westen" und für "traditionelle Werte"

Russland unterstützt nun also über seine Söldnereinheiten einzelne Regime auf dem afrikanischen Kontinent. Gegen Geld kämpfen die militärisch ausgebildeten Heere gegen islamistische Rebellen und andere rivalisierende Gegner ihrer Auftraggeber.

„Der Kreml hat nun über die GRU begonnen, eine ‚Entente Roscolonial‘ zu schaffen. Das ist eine Gruppe von Staaten, die aktiv bestrebt sind, Russland zu unterstützen, während sie gleichzeitig zunehmend dem russischen Einfluss untergeordnet werden. Damit verdrängt sie westliche Interessen in Afrika und im Nahen Osten“, ordnet die RUSI ein.

Gleichzeitig schickt sich der ebenso mächtige wie berüchtigte Anführer der Republik Tschetschenien, Ramzan Kadyrov an, Moskaus Einfluss auf die Muslime in Zentralasien und auf dem Balkan auszuweiten. „Die offizielle russische Propaganda und russische Netzwerke kursieren und operieren in muslimischen Ländern und vermitteln ein verklärtes Bild von Kadyrov als Verteidiger des Islam, der traditionelle Werte gegen den verkommenen Westen verteidigt“, so RUSI. Trotzdem haben Terrororganisationen wie der Islamische Staat in der Provinz Khorasan Russland ins Visier genommen. Dieser beansprucht den Anschlag vom 22. März auf ein Konzert in Moskau mit über 140 Toten für sich.

Experten empfehlen entschiedenes Vorgehen gegen russische Spione

Die RUSI-Expertinnen und -Experten kommen zu dem Schluss, die beste Verteidigung des Westens gegen russische unkonventionelle Kriegsführung bestehe nicht darin, Moskaus unaufhörliche Flut an Propaganda und Falschnachrichten zu widerlegen. „Das Bekämpfen von Desinformation ist zwar wichtig, aber weitaus weniger bedeutsam als das Unterbinden von Russlands Zugang zu und Einfluss auf Eliten sowie seine Unterstützungsstrukturen für aktive Maßnahmen. Dies kann durch die Aufdeckung und Verhaftung seiner Agenten, Nachrichtenoffiziere und Aktivitäten erreicht werden.“

Allerdings muss der Westen vorsichtig sein, nicht ebenso repressiv und paranoid wie sein Feind zu werden. „Da sich viele der unkonventionellen Operationen Russlands als kontraproduktiv erweisen, muss das Bekämpfen russischer unkonventioneller Kriegsführung auf sorgfältiger, selektiver und nachrichtendienstlich gesteuerter Zielauswahl beruhen“, betonte die Studie. „Deshalb ist ein breites Verständnis des russischen Vorgehens essenziell; es schützt einen Staat davor, bei jedem Windhauch zusammen zu fahren.“

Der Autor Michael Peck schreibt als Journalist über Verteidigungsthemen. Unter anderem erschienen seine Arbeiten bei „Forbes“, „Defense News“ dem „Foreign Politics Magazine“. Er ist Master-Absolvent der Rutgers-Universität im US-Bundesstaat New Jersey.

Dieser Text wurde von Marlon Jungjohann aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.