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Der Triumph der UBS markiert auch das Ende des Bankenmythos Schweiz

(Bloomberg) -- Schon der einstige “Herr der UBS” Marcel Ospel musste nach der Finanzkrise erleben, wie vergänglich die Macht ist. Seinem Biografen berichtete der Bankier, der die UBS Group AG zu einem globalen Player gemacht hatte, von einer Begegnung mit einem Anwalt nach seinem wenig ruhmreichen Abgang im Zuge der staatlichen Rettung der UBS 2008. Der Anwalt ignorierte Ospel einfach. “Als ich UBS-Chef war”, so der Bankier später, “hätte dieser Typ alles getan, was ich wollte.”

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Ospel erlebte die Rettung des Lokalrivalen Credit Suisse Group AG durch seine frühere Bank nicht mehr (er verstarb 70-jährig 2020), doch hat sie zahlreiche Verlierer hervorgebracht, die bald ähnliche Erfahrungen machen könnten. Fünfzehn Jahre nachdem die UBS gerettet werden musste, sank nun die taumelnde Credit Suisse in ihre Arme. Die beiden Säulen des Schweizer Bankwesens werden zu einem Monolithen, der die lokale Konkurrenz überragt.

So ziemlich alles, was die Schweiz zum Inbegriff eines Bankensystem von Weltrang machte — Stabilität und Diskretion in Kombination mit globalen Ambitionen — ist in den letzten Jahren auf den Prüfstand gestellt worden. Es hat den Test nicht bestanden. “Der Schaden für den Ruf der Schweiz wird schrecklich sein”, sagt Arturo Bris, Professor für Finanzen am International Institute for Management Development in Lausanne.

Für die reiche aber kleine Schweiz sind die Auswirkungen enorm. Ihr legendäres Bankgeheimnis wurde schon vor Jahren ausgehöhlt, zum Leidwesen reicher Steuerbetrüger in aller Welt. Die seit Jahrhunderten verankerte Neutralität der Eidgenossenschaft steht wegen des Kriegs in der Ukraine in Frage. Sollte, wie unter Ospel, die vergrößerte UBS in Schwierigkeiten geraten, könnte die Schweiz sie womöglich gar nicht mehr alleine auffangen. Die Bilanzsumme der neuen UBS ist doppelt so groß wie das Schweizer Bruttoinlandsprodukt. Sie ist nicht nur “too big to fail” — zu groß, um zu scheitern —, sondern künftig auch “too big to bail” — zu groß, um gerettet zu werden.

Die von Bern in größter Eile arrangierte Zweckgemeinschaft aus UBS und Credit Suisse wird die globale Finanzlandschaft verändern. Schon vor dem Schock-Deal rückte Singapur — die schwüle Schweiz Asiens — den Wealth Managern aus Zürich und Genf auf die Pelle. Die Übernahme wird die internationale Konkurrenz weiter beflügeln.

In diesem Kontext sind auch Personalien politisch. Die UBS kehrte zu der Tradition zurück, einen der beiden Spitzenposten der Bank mit einem Schweizer zu besetzen, und ersetzt den niederländischen CEO Ralph Hamers durch den aus der italienischsprachigen Südschweiz stammenden Sergio Ermotti, der die Bank schon von 2011 bis 2020 leitete. Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher, ein Ire, spielte die Bedeutung von Ermottis Staatsbürgerschaft als “nette Sache” herunter, doch auch die Schweizer Aufsicht bevorzugte die Ernennung Ermottis, wie mit den Gesprächen vertraute Personen gegenüber Bloomberg bestätigten.

Wie konnte das passieren?

Die Entwicklung war schleichend — bis plötzlich alles ganz schnell ging. Über weite Strecken ihrer Geschichte stand die Credit Suisse an der Spitze der internationalen Finanzwelt. Sie finanzierte die Schweizer Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts und das Silicon Valley des 20. Sie kümmerte sich um das Vermögen der Reichen von Russland und der Schönen von der Riviera. Und doch glich sie auch jahrzehntelang einem in Zeitlupe ablaufenden Verkehrsunfall. Ihr Niedergang lässt sich zurückverfolgen in die Zeit, als die Schweizer begannen, es mit den Giganten der Wall Street aufzunehmen. In den gierigen 1980er Jahren schluckte die Credit Suisse die First Boston, eine risikofreudige Wall-Street-Bank. Dann, auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase in den 1990er Jahren, erwarb sie Donaldson, Lufkin & Jenrette, was sich später als teurer Fehler herausstellen sollte.

Und dann: Skandal um Skandal um Skandal um Skandal. Die “Suisse Secrets”-Indiskretion deckte den versteckten Reichtum von Kunden auf, die in Drogenhandel, Kleptokratie und Geldwäsche verwickelt waren. Ein Spitzenbanker, der Gelder einiger russischer und georgischer Kunden veruntreute, während seine Chefs wegschauten. Die Spionage-Affäre, die zum Sturz des damaligen Chefs Tidjane Thiam führte — auch wenn er in einer internen Untersuchung von persönlicher Verantwortung freigesprochen wurde. Und schließlich die beiden berüchtigten Pleiten von 2021: Erst der Kollaps des Lieferkettenfinanzierers Lex Greensill, der die Credit Suisse zwang, als sicher vermarktete Fonds in Milliardenvolumen einzufrieren. Dann der von Archegos Capital, wo Bill Hwang Milliarden von Dollar mit Krediten der Credit Suisse verlor.

Im Oktober letzten Jahres stellte der neue CEO Ulrich Körner — der dritte in drei Jahren — den letzten Plan vor, ein für alle Mal das Chaos zu beseitigen. Er bekam nie seine Chance. Als die Finanzmärkte nach dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank am 10. März in Aufruhr waren, genügte ein einziger Funke, um die Credit Suisse in Flammen aufgehen zu lassen. Der Funke kam vom Verwaltungsratspräsidenten der Saudi National Bank, des größten Aktionärs der Credit Suisse, der gegenüber Bloomberg TV erklärte, dass seine Bank ihren Anteil “absolut nicht” aufstocken werde. Die Anleger gerieten in Panik — und es begann das verzweifelte Rennen um eine Rettungsaktion. (Zwölf Tage später trat der Präsident unter Berufung auf persönliche Gründe zurück.)

Zunächst sah die UBS wie der einzige Gewinner des Dramas aus, vor allem wegen der großzügigen staatlichen Garantien, die mit dem Geschäft einhergingen. Die Schweizer Behörden verwarfen das nach der Finanzkrise 2008 erstellte Regelwerk. Die Aktionäre der Credit Suisse verloren das meiste des Wenigen, das noch übrig geblieben war. Die Inhaber von 16 Milliarden Franken nachrangiger Anleihen gingen ganz leer aus. Die Steuerzahler stehen nun vor einem Bankriesen, der viel größer ist, als es ein Land mit 8,7 Millionen Einwohnern verträgt.

Vielleicht war es der am wenigsten schlechte Plan. Finanzministerin Karin Keller-Sutter sagte der Neuen Zürcher Zeitung, die Bank hätte “den Montag nicht überlebt”. Das hätte gravierende Folgen gehabt: “Weltweit hätten wir mit einer Finanzkrise rechnen müssen. Der Absturz der CS hätte weitere Banken in den Abgrund gerissen”, so Keller-Sutter zur NZZ. Laut Andrea Schenker-Wicki, Ökonomin an der Universität Basel, hat die Schweizer Regierung eine globale Panik verhindert — jedenfalls vorerst. Aber was passiert, sollte die UBS in Schwierigkeiten geraten? “Für mich heißt das, dass ein Problem der Gegenwart behoben, aber ein zukünftiges Problem geschaffen wurde”, sagt Schenker-Wicki.

Andere haben ähnliche Bedenken. Indem sie der UBS erlaubten, die Credit Suisse zu günstigen Bedingungen zu kaufen, haben die biederen, ordnungsliebenden Schweizer möglicherweise die Weichen für künftiges Unheil gestellt. “Um Warren Buffett zu paraphrasieren: Die neue, erweiterte UBS könnte zu einer finanziellen Massenvernichtungswaffe werden, die bei einem Zusammenbruch die gesamte Schweizer Wirtschaft mit sich reißen könnte”, sagt Jared Bibler, ein ehemaliger Schweizer Börsenaufseher.

Die Ironie liegt darin, dass die Schweiz 15 Jahre lang an ihrer Finanzkrisenstrategie gefeilt hat — nur um sie dann zu ignorieren. “Alle anderen Optionen waren aus unserer Sicht riskanter für den Staat, den Steuerzahler, den Schweizer Finanzplatz und die internationalen Märkte”, so Keller-Sutter in dem Zeitungsinterview. Um das Geschäft abzuschließen, beriefen sich die Schweizer Behörden auf eine Notfallklausel in der Verfassung, die es ihnen ermöglichte, Aktionärsrechte zu suspendieren und das Wettbewerbsrecht auszusetzen — ein seltener, wenn auch nicht beispielloser Schritt. Mit Klagen ist zu rechnen.

Märkte können ein kurzes Gedächtnis haben. Aber Kunden und Anleger werden diesen Fall wohl nicht so schnell vergessen. Für viele hat der UBS-Credit Suisse-Deal das Image der Schweiz im Ausland schwer beschädigt. “Gerade jetzt öffnen sie in Singapur den Champagner”, sagt Bris, der IMD-Professor. “Das wird der Wendepunkt sein.” Zwar werden andere, kleinere Schweizer Akteure wie die Banque Pictet & Cie. und die Banque Lombard Odier & Cie. überleben und gedeihen. Aber sie spielen nicht in einer Liga mit Goldman Sachs oder JPMorgan, Banken die sowohl im Wealth Management als auch im Investmentbanking tätig sind.

Gleichzeitig werden Schwergewichte der Wall Street und Banken aus Europa mit ziemlicher Sicherheit ein Auge auf die Schweiz als Standort werfen, da es nun einen Konkurrenten weniger gibt, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Und Genf, eine Stadt, die von den Zürcher Bankern oft als nicht richtig schweizerisch und als Zufluchtsort für schmutziges Geld angesehen wird, wird ebenfalls profitieren. Vermögende Anleger, die ihr Geld einst zwischen UBS und Credit Suisse aufgeteilt haben, werden dazu neigen, sich umzuschauen. “Es wird einen Diversifizierungseffekt geben”, sagt Hubert Keller, Senior Partner von Lombard Odier.

Bei allen Problemen, die die UBS erbt — von laufenden Rechtsfällen bis hin zu einem gewaltigen Integrationsproblem — bieten sich der Bank enorme Chancen. Gemessen an der Bilanzsumme gehört sie nun wieder zu den 20 größten Banken der Welt und wird zum zweitgrößten Wealth Manager global hinter Morgan Stanley und zum drittgrößten Asset Manager in Europa aufsteigen.

Aber zu Hause in der Schweiz wird man sich an die Situation erst einmal gewöhnen müssen. In fast jeder Kleinstadt dort gibt es eine Filiale der Credit Suisse und eine der UBS. Ein Durchschnittsbürger hat vielleicht ein Girokonto bei der UBS, eine Hypothek bei der Credit Suisse und eine Alterversorgung wieder bei der UBS. Den Kunden blühen möglicherweise höhere Kosten oder sie müssen auf kleinere Konkurrenten ausweichen, die weniger anspruchsvolle Produkte anzubieten haben. Meinungsumfragen in der Schweiz zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Fusion ablehnt und nur einer von 20 Befragten sie uneingeschränkt befürwortet. Schon jetzt gibt es politischen Druck, die inländische Banksparte der Credit Suisse aus dem neuen Riesen herauszulösen.

In der Schweiz könnte es teurer werden, eine Hypothek auszuhandeln oder Kapital zu beschaffen, da der UBS ihr wichtigster Konkurrent abhanden kommt. Das wird die Wettbewerbsfähigkeit exportorientierter Unternehmen im Ausland beeinträchtigen. Die Clariant AG, ein Schweizer Hersteller von Spezialchemikalien, meldete sich zu Wort, um ihren Unmut über den Deal und insbesondere über die neu gewonnene Preissetzungsmacht der UBS zu äußern. “Es ist sicherlich nicht gut, dass es jetzt nur noch eine große Bank gibt”, sagte ein Clariant-Sprecher gegenüber Bloomberg.

Es ist kaum zu überschätzen, wie sehr der Deal das Bankensystem als Ganzes trifft. Die Credit Suisse hatte den Ruf, sich um Unternehmer zu kümmern. Sie bildete Tausende von Lehrlingen aus, und die Präsenz von zwei großen Banken bot berufliche Mobilität. Die Credit Suisse hatte schon angekündigt, dass sie im Rahmen des Restrukturierungsplans, der nie umgesetzt wurde, weltweit 9.000 Stellen abbauen wollte. Rechnet man die durch die Fusion zu erwartenden Entlassungen hinzu — beide Banken zusammen beschäftigen in der Schweiz rund 37.000 Mitarbeiter —, so dürfte die Zahl noch viel höher ausfallen.

Auf dem Paradeplatz, dem Hauptplatz in Zürich, wo die Credit Suisse ihren Sitz hat, herrscht eine fast greifbare Tristesse. “Wir haben das Vertrauen in diese Institution verloren”, sagt Tomas Prenosil, Chef des Luxuskonfektherstellers Confiserie Sprüngli, im Hauptcafé des Unternehmens, das seit 1859 am Paradeplatz ansässig ist. Der Abbau von Arbeitsplätzen hat natürlich auch Auswirkungen auf die umliegenden Unternehmen. “Viele Bankangestellte sind langjährige und treue Kunden”, sagt er. Und nicht nur den Schokolademachern fehlen die Kunden. Credit Suisse und UBS hatten viele der größten und besten Anwaltskanzleien der Schweiz unter Vertrag und brachten über die Jahre Dutzende, wenn nicht Hunderte von Millionen Franken an Honoraren ins Haus.

Vor allem aber muss das Schweizer Bankwesen langweiliger werden — eine notwendige Medizin, damit sich exzessive Risikobereitschaft und die daraus resultierenden Skandale, die zum Untergang der Credit Suisse führten, nicht wiederholen.

Der Deal und die Notverordnungen, die zu seiner Durchsetzung erforderlich sind, werden im April Gegenstand einer außerordentlichen Sitzung des Schweizer Parlaments sein. Die Politiker mögen denken, dass sie die Kontrolle haben, aber im Moment scheinen die Banker der UBS mächtiger zu sein, sagt Bibler, der ehemalige Regulierer: “Wir arbeiten jetzt alle für die UBS.”

Überschrift des Artikels im Original:

The Triumph of UBS Is Also the Humbling of Swiss Banking

--Mit Hilfe von Marion Halftermeyer, Myriam Balezou und Paula Doenecke.

©2023 Bloomberg L.P.