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Die Türkei feiert ihr Comeback an den Finanzmärkten

Demircan, Ozan Mallien, Jan
·Lesedauer: 7 Min.

Lange haben Anleger den türkischen Finanzmarkt gemieden. Jetzt wollen sie an einem Aufschwung teilhaben, der seinesgleichen sucht. Die Lira gewinnt an Wert.

An den türkischen Finanzmärkten galt acht Jahre lang ein Credo: Die Lira verliert an Wert, immer. Das hat sich seit November geändert. Die Währung des Landes feiert ihr Comeback bei Anlegern – und spült damit Milliarden ins Land.

Am Montagmorgen hat die Währung des Schwellenlandes eine wichtige Marke durchbrochen: Erstmals seit einem halben Jahr notiert die türkische Währung unterhalb der Schwelle von sieben Lira pro US-Dollar. Im November hatte ein Dollar bis zu 8,58 Lira gekostet.

Die Stärke der Lira überrascht Investoren. „Wir denken, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um in die Türkei zu investieren“, sagt Pramol Dhawan, Leiter der Schwellenländerabteilung beim weltgrößten Vermögensverwalter Pimco. „Die Politik, die wir gesehen haben, war in die richtige Richtung gerichtet, und solange die Türkei diese Politik durchführt, kann sie von dem günstigen externen Umfeld für Schwellenländer profitieren.“

Amundi und UBS haben die Türkei inzwischen mit „übergewichten“ bewertet. Vanguard Asset Management schloss nach der zweiten Zinserhöhung Ende letzten Jahres alle Short-Lira-Positionen, mit denen der Vermögensverwalter bis dahin auf einen fallenden Lira-Wechselkurs gesetzt hatte.

Möglich gemacht hat das ein weitreichender Kurswechsel in der türkischen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Nachdem die Lira dramatisch an Wert verloren hatte und rund 100 Milliarden Dollar dahingeschmolzen waren, musste der damalige Finanzminister Berat Albayrak Anfang November seinen Posten räumen. Sein Rauswurf kam unerwartet und fiel zeitlich mit dem offiziellen Wahlsieg von Joe Biden als Präsident der USA zusammen.

Albayraks Nachfolger Lütfi Elvan ernannte gleich auch einen neuen Zentralbankchef: Naci Agbal hat seit seinem Amtsantritt der Inflation den Kampf angesagt – und setzte sich dabei auch über zwischenzeitliche Bemerkungen von Präsident Erdogan hinweg.

Als eine seiner ersten Amtshandlungen erhöhte Agbal den Leitzins und legte im Dezember noch einmal nach. Innerhalb eines Quartals hob er ihn um 675 Basispunkte an. Lange Zeit hatte der Leitzins in der Türkei deutlich unter der Inflation gelegen. Sparer mussten also für ihr Geld sogar draufzahlen – umgekehrt waren Kredite sehr günstig. Der Realzins, also die Differenz zwischen Nominalzins und Inflation, war negativ. Für internationale Investoren lohnte es sich also nicht, ihr Geld zum Beispiel in türkische Zinspapiere zu investieren, was die Lira unter Druck gesetzt hat. Wegen des Währungsrisikos waren auch Anlagen in türkischen Aktien wenig attraktiv.

Inzwischen liegt der Leitzins bei 17 Prozent und damit über der Inflation, die zuletzt bei rund 15 Prozent lag. Dies hat seine Wirkung auf den Kurs der türkischen Währung nicht verfehlt: Sowohl zum Dollar als auch zum Euro wertete die Lira auf. Die europäische Gemeinschaftswährung hat sich aus türkischer Sicht wie der Dollar verbilligt, von 10,19 Lira auf 8,55 Lira.

15 Milliarden Dollar an ausländischen Investorengeldern flossen seit November in die Türkei. Der Anteil der Ausländer, die türkische Anleihen halten, stieg von 3,5 auf fünf Prozent. Türkische Unternehmen werden Schätzungen zufolge ausländische Anleihen im Wert von 6,7 Milliarden Dollar, die eigentlich in diesem Jahr auslaufen, ins nächste Jahr übertragen. Die Zinsen für die Kupons haben sich seit November im Schnitt halbiert.

Günstige Bedingungen für die Kreditaufnahme

„Die positive wirtschaftliche Entwicklung der Türkei hat die Nachfrage nach türkischen Anleihen und Aktien erhöht“, sagte Fatma Nur Cetinel, Leiterin Investor Relations bei der Ziraat Bank, laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Wir wollen diese günstigen Bedingungen für die Kreditaufnahme auf den internationalen Märkten nutzen.“

Auch bei der Vermögensverwaltung klingeln die Kassen. Die elf türkischen Asset-Manager, die bislang ihre Zahlen für 2020 vorgelegt haben, haben ihren Gewinn beinahe verdoppelt. Nach Angaben der türkischen Kapitalmarktvereinigung stiegen die verwalteten Vermögensbestände zwischen November 2019 und November 2020 um ein Drittel auf umgerechnet 50 Milliarden Dollar.

Das hat auch mit der Rally am türkischen Aktienmarkt zu tun: Der Index ISE100 legte im Jahr 2020 rund 30 Prozent zu und war damit doppelt so stark wie vergleichbare Indizes in Schwellenländern. Immer mehr Türken investieren privat am Aktienmarkt: Im vergangenen Jahr stieg diese Zahl um 18 Prozent auf 4,7 Millionen. In Deutschland waren es im Jahr 2019 insgesamt 4,16 Millionen.

Begünstigt wurde diese Entwicklung zunächst durch ein allgemein freundlicheres Umfeld für die Schwellenländer. Die Corona-Impfstoffe haben dafür gesorgt, dass Investoren deutlich optischer für die Weltkonjunktur sind. Dadurch hat ihre Risikobereitschaft zugenommen, wovon Schwellenländer wie die Türkei, aber auch Brasilien, Mexiko, Südafrika und Russland besonders profitieren.

Insgesamt verzeichneten die Schwellenländer im November die höchsten Kapitalzuflüsse überhaupt. Ihre Aktienmärkte und Währungen legten auf breiter Front zu.

Im Januar flossen laut Berechnungen des Internationalen Bankenverbands IIF unter dem Strich 53,5 Milliarden Dollar in die Schwellenländer. Davon 9,4 Milliarden Dollar in die Aktienmärkte und 44,2 Milliarden Dollar in Anleihen und andere Schuldeninstrumente.

Aktuell sieht der IIF aber erste Anzeichen für eine Abschwächung. Durch das geplante große US-Konjunkturpaket des neuen Präsidenten Joe Biden sind zuletzt bereits die Renditen lang laufender US-Anleihen gestiegen. Dieser Renditeanstieg belastete die Stimmung. In den vergangenen Wochen hat es dort einen regelrechten Ausverkauf gegeben.

Aktuell beträgt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fast 1,2 Prozent – im Dezember lag sie noch bei unter einem Prozent. Das stärkt tendenziell den Dollar – und schwächt die Schwellenländer, weil es für Investoren wieder attraktiver wird, ihr Geld in US-Staatsanleihen zu stecken. „Wir sehen erste Anzeichen, dass sich das US-Konjunkturpaket negativ auf die Kapitalströme in die Schwellenländer auswirkt,“ sagt IIF-Chefökonom Robin Brooks.

Positive Eigendynamik

Anders als manch andere Schwellenländer läuft der Markt in der Türkei aber weiter sehr gut – und die Lira legt zu. Immerhin hat die Türkei bereits die Zinsen deutlich erhöht, was sich bisher kein anderes Schwellenland getraut hat. Der Zeitpunkt im November hat sich im Nachhinein wegen des positiven Umfelds als äußerst günstig erwiesen. Dadurch hat der Aufschwung in der Türkei auch eine positive Eigendynamik entfaltet.

Hinzu kommt, dass die türkische Regierung mit den steigenden Fallzahlen im Herbst zwar einen harten Lockdown für die Nachtstunden und die Wochenenden eingeführt hat, der auch immer noch anhält. Auch müssen Passanten, sobald sie ihre Wohnungen verlassen, eine Maske tragen.

Dafür sind nicht nur Supermärkte geöffnet, sondern auch Einkaufszentren, Friseursalons oder Museen. Restaurants dürfen Essen ausliefern. Mit einem gültigen Flugticket darf man auch an Wochenenden in andere Landesteile reisen, etwa in eines der Skigebiete oder an die Mittelmeerküste.

Die Kontaktnachverfolgung bei Infizierten läuft dank eines ausgeklügelten Systems ordentlich ab. Inzwischen haben sich die Fallzahlen im oberen vierstelligen Bereich eingependelt, während täglich inzwischen im Schnitt etwas weniger als 100 Menschen an oder mit Covid-19 in der Türkei sterben.

Die Intensivabteilungen der Krankenhäuser sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Ankara zu weniger als einem Drittel gefüllt. Und das, während viele Teile der Wirtschaft weiterlaufen.

Auch die Realwirtschaft entwickelt sich derzeit – abgesehen von pandemiebedingten Schäden – in die richtige Richtung. Der Internationale Währungsfonds hatte im Januar seine Prognose für das Land angehoben: Der IWF geht nun davon aus, dass das türkische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um sechs statt fünf Prozent wachsen wird.

Das Unternehmen Ford Otosan strich im vierten Quartal 2020 einen Reingewinn von knapp zwei Milliarden Lira ein. Das ist mehr als dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum und rund ein Drittel höher, als Analysten vorab geschätzt hatten.

Hauptverantwortlich sei das überragende Ergebnis vor Steuern und anderen Aufwendungen (Ebitda), also allen voran die Geschäftstätigkeit des Unternehmens gewesen. Von Pandemiesorgen keine Spur.

Ein Risiko für den Aufschwung in diesem Jahr dürfte darin liegen, dass durch die höheren Zinsen die Kreditvergabe wahrscheinlich deutlich zurückgehen wird.

IIF-Chefökonom Brooks verweist darauf, dass die Kreditvergabe in den vergangenen Jahren eine sehr wichtige Rolle für das Wachstum in der Türkei gespielt hat. Er rechnet für dieses Jahr mit einem deutlichen Rückgang. Dies sei schlecht für das Wachstum, aber gut für die Kursentwicklung der Lira.

Nachdem die Lira in den vergangenen Jahren fast immer abgewertet hat, sorgt ihre deutliche Aufwertung in der Türkei nun allerdings nicht nur für Freude. Agrar-Lobbiysten warnen bereits, die starke Lira könnte ihre Exporte im Ausland verteuern. Sie wünschen sich eine „konkurrenzfähige Währung“, wie ein Lobbyist es neulich in einem Zeitungsinterview beschrieb. Konkurrenzfähig bedeutet in dem Fall: schwach.

Eine deutlich schwächere Lira ist zunächst aber nicht absehbar. Das muss aber nicht heißen, dass der Höhenflug dauerhaft nachhaltig ist. Brooks hält den derzeitigen Wechselkurs für überbewertet. Den „fairen Umtauschwert“ sieht er bei 7,50 Lira pro Dollar.