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„Wir stellen uns dieser Hexenjagd“: Wie queere Menschen in Polen sich gegen den zunehmenden Hass wehren

 - Copyright: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Omar Marques
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In einem Land, in dem Homophobie und Hassreden gegen sexuelle Minderheiten längst salonfähig geworden sind, ist es eine Sensation und ein Skandal zugleich: Auf der Titelseite des polnischen Vogue-Magazins küssen sich für die Juni-Ausgabe ein lesbisches und ein schwules Modelpärchen in leidenschaftlicher Freizügigkeit. Für die polnische Fotografin und queere Aktivistin Karolina Jackowska sind die Plakate, die seit Ende Mai in Warschau zu sehen sind, ein Lichtblick inmitten einer dunklen Zeit für ihre Community. Doch Trost schenken sie nur kurz, denn die polnische Regierung unter der PiS-Partei ruft weiter zusammen mit der rechtskonservativen katholischen Lobby zu einem Kreuzzug gegen queere Menschen auf.

In Warschau hängen Plakate mit dem Cover der Juni-Ausgabe der polnischen "Vogue".  Die küssenden Pärchen sind für viele Konservative eine Provokation. - Copyright: Lara Hansen
In Warschau hängen Plakate mit dem Cover der Juni-Ausgabe der polnischen "Vogue". Die küssenden Pärchen sind für viele Konservative eine Provokation. - Copyright: Lara Hansen

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis in den sozialen Medien ein Video kursierte, in dem ein älterer Mann die Plakate in der Mokotwska-Straße im Zentrum der polnischen Hauptstadt mit schwarzer Farbe beschmierte. Das ließ die queere Community nicht lange auf sich sitzen und versammelte sich am folgenden Tag zu einer „Kuss-Demo“. Auch Fotografin Jackowska schnappte sich ihre Kamera und machte sich auf den Weg zum verunstalteten Plakat, das Menschen inzwischen in ein Kunstwerk unter dem Motto „Love is Love“ verwandelt hatten. Vor Ort machte sie einen Schnappschuss von den beiden Vogue-Models, Julia Sobczynska und Judyta Mliczek, die auch im echten Leben ein Pärchen sind und sich vor dem Plakat demonstrativ einen Kuss gaben. Über tausend Likes sammelte das symbolische Foto auf Instagram – ein kleiner Sieg für die Community.

Es dauerte nicht lange, bis ein unbekannter Mann eines der queeren Vogue-Poster beschmierte. Aktivistinnen und Aktivisten reagierten auf die Hassaktion mit Kunst und mehr queeren Küssen. - Copyright: Lara Hansen
Es dauerte nicht lange, bis ein unbekannter Mann eines der queeren Vogue-Poster beschmierte. Aktivistinnen und Aktivisten reagierten auf die Hassaktion mit Kunst und mehr queeren Küssen. - Copyright: Lara Hansen

Für Jackowska sind solche Aktionen in den vergangenen Jahren zum Alltag geworden. Sie ist eine von vielen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich der queerfeindlichen Rhetorik der PiS-Partei mit den Mitteln der Kunst widersetzen. Seit 2015 stellt „Prawo i Sprawiedliwość“ (zu Deutsch: „Recht und Gerechtigkeit“) zusammen mit Koalitionspartnern die Regierung und den Präsidenten Andrzej Duda, der im Juli 2020 wiedergewählt wurde. Duda hatte im zweiten Wahlkampf „LGBT“ zu seinem zentralen Thema gemacht und als „Ideologie“ verteufelt, die gefährlicher sei als „die kommunistische Ideologie“ – ein kalkuliert verhängnisvoller Vergleich in einem Land, das noch bis heute das Trauma der sowjetischen Dominanz verarbeitet.

„Mein Land wurde von Verrückten gekapert“ – Robert Biedroń

Unter vielen Polen gibt es eine tiefsitzende Ablehnung gegen schwule, lesbische sowie gegen bisexuelle, intergeschlechtliche und trans* Menschen. Die Diskriminierung wird in der christlich-konservativ dominierten Gesellschaft mit religiösen Motiven gerechtfertigt. Robert Biedroń hat dieser Rhetorik von Anfang an den Kampf angesagt. Er outete sich 2002 als schwul – als erster Politiker des Landes überhaupt. Mit seinem Aktivismus hat er sich über Jahrzehnte eine Art Legendenstatus in der Community erarbeitet. Schon ein Jahr vor seinem Outing gründete der Politiker die „Kampania Przeciw Homofobii“ (zu Deutsch: „Kampagne gegen Homophobie“) und war anschließend acht Jahre lang ihr Vorsitzender. „Wir haben diese Kampagne gestartet, um uns zu outen“, erzählte er Business Insider in einem Interview. „Denn wir waren für die längste Zeit unsichtbar.“

Robert Biedroń kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der LGBTQ-Community in Polen. - Copyright: Omar Marques / Freier Fotograf
Robert Biedroń kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der LGBTQ-Community in Polen. - Copyright: Omar Marques / Freier Fotograf

Natürlich rufe ein solches Coming-Out eine Gegenreaktion hervor, erklärte er weiter. Doch erinnere sich der Politiker auch an hoffnungsvollere Zeiten, insbesondere, als Donald Tusk 2007 mit seiner liberal-konservativen „Platforma Obywatelska“ (zu Deutsch: „Bürgerplattform“) Ministerpräsident wurde. Doch die erhofften Reformen für queere Menschen im Land blieben unter der Tusk-Regierung aus. Dennoch gab es einen Silberstreifen am Horizont, als Biedroń 2011 auf der Wahlliste der liberalen Palikot-Bewegung als erster offen schwuler Abgeordneter ins Parlament einzog. Drei Jahre später wählten ihn die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Słupsk zu ihrem Bürgermeister. Die Zeit schien für die Community wie ein Aufbruch, doch es änderte sich nur wenig. „Die Regierung von Donald Tusk hatte uns viel versprochen. Und nichts davon war passiert. Sie haben so getan, als ob wir nicht existieren“, so Biedroń.

Heute sei die Community in Polen zwar sichtbarer denn je, aber die Situation im Land sei für sie unter der PiS-Regierung eine existenzielle Katastrophe. „Heute untergräbt niemand mehr die Existenz queerer Menschen, heute geht es ihnen darum, ob wir überhaupt ein Recht haben, in diesem Land zu leben oder nicht“, sagte Biedroń. „Mein Land wurde von Verrückten gekapert – unser Justizsystem ist gekapert, unsere Bildung ist gekapert, unser Haushalt ist völlig zerstört, und wir haben die höchste Inflation in Europa“, fügte er hinzu. Statt diese Probleme zu lösen, liefert die PiS-Regierung – dem Handbuch der Populisten getreu – Sündenböcke. Und für sie sind das die von ihnen so betitelten „Ideologien“ der queeren Minderheit sowie der Europäischen Union.

Queere Menschen in Polen leben in ständiger Angst vor Übergriffen und Anfeindungen

Auch die Aktivistin Jackowska hat am eigenen Leib erfahren, wie die Hassrhetorik die polnische Bevölkerung gegen ihre Community mobilisierte. „Es wurde auf einmal zum Risiko, sich öffentlich mit den Regenbogenfarben zu zeigen“, erzählte sie Business Insider. Viele ihrer Bekannten wurden seither auf Demonstrationen verhaftet – ein Polizist brach einer Freundin gar den Arm. Noch im vergangenen Jahr saßen befreundete Aktivistinnen für das Verteilen von Madonnenbildern mit regenbogenfarbenem Heiligenschein auf der Anklagebank, wurden jedoch freigesprochen. „Die Madonnen-Sticker sind seitdem zum legendären Widerstandssymbol geworden“, sagte Jackowska. Über das alltägliche Risiko, das sie als Aktivistin eingeht, ist sie sich bewusst. Erst kürzlich hat ein aggressiver Mann Jackowska und ein nicht-binäres Model während eines Fotoshootings auf öffentlicher Straße mit Hassparolen beleidigt und bespuckt. „Ich hatte große Angst, dass er uns etwas Schlimmeres antut“, so die Fotografin. Die beiden brachen das Shooting daraufhin vorzeitig ab. „Was wir tun, hat mit Spaß wenig zu tun“, sagte sie. „Wir befinden uns alle an unseren Grenzen und sind völlig ausgebrannt.“

Biedroń, der seit 2019 mit seiner eigenen Partei Wiosna im Europäischen Parlament sitz, glaubt fest daran, dass Fortschritt trotz des Rollbacks der vergangenen Jahre möglich ist – besonders mithilfe der EU. Die Kommission leitete im Juli 2021 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen im Zusammenhang mit den sogenannten LGBT-freien Zonen im Land ein. Demnach hatten sich bis 2021 rund 100 polnische Städte und Dörfer „frei von LGBT-Ideologie“ erklärt. Als Reaktion setzte die EU außerdem die Verhandlungen mit fünf polnischen Regionen über die Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds aus. Einige Regionen hoben darauf ihren queerfeindlichen Status wieder auf. „Die EU ist eine der wenigen Hoffnungen, die wir noch haben“, so Biedroń.

Aufgeben ist für die Aktivistinnen und Aktivisten keine Option. „Wir sind nicht zu stoppen, wir stellen uns dieser Hexenjagd. Wir werden die Gewinner sein“, sagte Biedroń. Auch Jackowska teilt seinen Kampfgeist. „Wenn ich mich in der Community umschaue, vereint uns alle ein Ziel: Wir wollen eine bessere Welt, ein besseres Polen.“ Sie sagt: Dafür lohnt es sich zu kämpfen – auch wenn der Weg noch lang ist.

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