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Steigende Corona-Infektionszahlen: Südwesteuropa fällt zurück in die Rezession

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Frankreich, Italien und Spanien sind im dritten Quartal deutlich stärker gewachsen als der Durchschnitt der Euro-Zone. Doch nun ist klar, dass der Aufschwung nicht anhält.

In Frankreich gilt wieder ein harter Lockdown: Ohne spezielle Genehmigung darf niemand seine Wohnung verlassen. Foto: dpa
In Frankreich gilt wieder ein harter Lockdown: Ohne spezielle Genehmigung darf niemand seine Wohnung verlassen. Foto: dpa

Die Wirtschaft Südwesteuropas versinkt erneut in der Rezession. Die in den vergangenen Wochen verschärften Einschränkungen der Wirtschafts- und Bewegungsfreiheit haben die Belebung abgewürgt, die im dritten Quartal kraftvoll den Wirtschaftsabschwung beendet hatte. In Frankreich, Italien und Spanien rechnen Regierungen wie auch unabhängige Experten nun mit einem Rückfall in die Krise zum Ende des Jahres hin. Der Abschwung 2020 wird dadurch entsprechend stärker.

Mit großem Schwung waren die drei Länder im dritten Vierteljahr in den Aufschwung gestartet und hatten die Hoffnung genährt, dass spätestens 2022 das Vorkrisenniveau erreicht würde.

Das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nach der Berechnung des französischen Statistikamts INSEE vom Freitag im dritten Quartal um 18,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen. Getragen wurde das Wachstum vor allem von den privaten Haushalten, deren Nachfrage mehr als 17 Prozent zulegte. Damit war sie nur noch gut zwei Prozent schwächer als 2019.

Ähnlich in Spanien: Die Wirtschaft des Landes ist im dritten Quartal um 16,7 Prozent gewachsen. Die spanische Wirtschaftsministerin Nadia Calviño hatte zuvor ein Wachstum von rund 13 Prozent in Aussicht gestellt und zeigte sich zufrieden. „Die Daten, die wir in dieser Woche gesehen haben, zeigen die starke Belebung von Wirtschaft und Beschäftigung im dritten Quartal des Jahres“, sagte sie.

Auch in Italien übertraf das Wachstum die Erwartungen. Die Regierung in Rom hatte mit einem Anstieg von 13,4 Prozent gerechnet. Wie das nationale Statistikamt Istat am Freitag mitteilte, liegt das geschätzte Wachstum im dritten Quartal jedoch mit 16,1 Prozent deutlich darüber. Damit übertreffen Italien wie auch die beiden anderen Länder den Durchschnitt der Euro-Zone, den Eurostat auf ein Plus von 12,7 Prozent beziffert.

Wirtschaft leidet unter erneuten Restriktionen

Doch das ist bereits ferne Vergangenheit, weil der kräftige Anstieg nach der Coronakrise nur ein Strohfeuer war. Im letzten Quartal wird die Wirtschaft unter den erneut verhängten Restriktionen leiden. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire erwartet für sein Land eine Schrumpfung des BIP um fünf Prozent. Seine Schätzung für 2020 hat er aktualisiert. Der Minister erwartet nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um elf Prozent.

Auf einen fast identischen Wert kommt Philippe Waechter vom Vermögensverwalter Ostrum Asset Management, der einen Rückgang um 10,8 Prozent erwartet. Bislang rechnete die Regierung mit einer Schrumpfung um zehn Prozent. Anders als von den Wirtschaftsverbänden gefordert, hat die Exekutive erneut alle Geschäfte schließen lassen, die keinen als lebenswichtig bezeichneten Bedarf verkaufen. Es gilt ein harter Lockdown: Ohne spezielle Genehmigung darf niemand seine Wohnung verlassen.

Le Maire versicherte am Freitag, dass die Regierung jeden Monat 15 Milliarden Euro für die Stützung der Wirtschaft aufwenden werde. Bereits am Donnerstag hatte Premierminister Jean Castex einen neuen Nachtragshaushalt im Umfang von 20 Milliarden Euro angekündigt. Den Unternehmerverband Medef überzeugt das nicht. Die Hilfszahlungen und Kreditbürgschaften der Regierung würden nicht die Pleitewelle aufhalten, die bereits im Anrollen sei.

In Spanien sind die Aussichten für das vierte Quartal wegen der steigenden Infektionszahlen und immer neuer Einschränkungen des öffentlichen Lebens düster. In Spanien hat die zweite Welle der Corona-Epidemie schon im Juli und damit früher als im Rest Europas begonnen.

„Wir erwarten jetzt, dass die spanische Erholung im vierten Quartal zu einem abrupten Stopp kommt“, schreiben die Analysten von Morgan Stanley. Sie gehen nun von einem Nullwachstum im Vergleich zum dritten Quartal aus, während sie ursprünglich ein Plus von neun Prozent prognostiziert hatten. „Die Stagnation kommt zu einer bereits schwachen Leistung hinzu und wird dazu führen, dass Spanien mit Abstand der schlechteste regionale Akteur sein wird“, erwarten die Volkswirte der Bank.

„Mit der zweiten Covid-19-Welle, die sich schnell im Rest Europas verbreitet (…), sieht es so aus, als würde die Erholung nicht in Form eines Nike-V verlaufen, sondern in Form eines W“, schreibt Spanien-Analyst Steven Trypsteen von ING. Für das Gesamtjahr rechnet er mit einem Minus von 15 Prozent für die spanische Wirtschaft. Dabei sind Spaniens Restriktionen bislang vergleichsweise sanft: Seit dieser Woche gilt ein nationaler Alarmzustand, der eine nächtliche Ausgangssperre von 23 bis 6 Uhr vorsieht. Fast alle 17 autonomen Regionen haben ihre Territorien inzwischen abgeriegelt.

Maßnahmen lassen sich nicht beliebig fortsetzen

Hilfsmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld oder staatlich garantierte Kredite haben zum Beginn der Pandemie die schwersten Folgen für die Wirtschaft abgefedert. Diese Maßnahmen lassen sich aber nicht beliebig fortsetzen. „Unternehmen werden nicht immer neue Kredite aufnehmen, schließlich müssen sie diese auch zurückzahlen können“, sagt José Ignacio Conde-Ruiz, Ökonom an der spanischen Business-School ESADE. „Einige werden eher schließen, wenn die Krise anhält.“

In Italien werden am 9. November zusätzliche Lockdown-Maßnahmen erwartet. Im Moment sind Kinos, Theater, Fitnessstudios und Schwimmbäder ganz und ab 18 Uhr Restaurants geschlossen.

Das unabhängige parlamentarische Kontrollgremium Upb, das die Staatsfinanzen überwacht, erwartet in seiner Konjunkturprognose von Oktober, dass eine zweite Corona-Welle einen neuen Wachstumseinbruch von -3,5 bis minus acht Prozent im Schlussquartal bringt. Bis jetzt geht die Regierung offiziell davon aus, dass es in diesem Jahr einen Wachstumseinbruch von neun Prozent geben wird.

„Vor der zweiten Welle lag meine Schätzung für das vierte Quartal bei 2,3 Prozent“, sagt der Ökonom Lorenzo Codogno, „jetzt gehe ich von minus 0,2 im Schlussquartal und minus 0,8 Prozent im ersten Quartal 2021 aus.“

Die guten Zahlen für das dritte Quartal seien keine Überraschung, aber man solle sich nicht täuschen lassen: „Ein Double Dip, also eine W-förmige Rezession, ist im Entstehen.“ Notenbank-Gouverneur Ignazio Visco hatte vor Kurzem gewarnt, dass es mindestens „ein paar Jahre“ dauern werde, bis die italienische Wirtschaft zurück auf dem Vor-Covid-Niveau sei.

Aufgrund der großen Bedeutung der drei Länder für Deutschland wird deren erneutes Versinken in der Rezession auch die deutsche Wirtschaft beeinträchtigen, dabei kommen die eigenen Anti-Corona-Maßnahmen noch oben drauf.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hofft noch auf ein Miniwachstum von 0,4 Prozent im vierten Quartal. Gabriel Felbermayr dagegen, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, rechnet mit einer Stagnation. Die Rückkehr zum Wohlstandsniveau von 2019 werde sich entsprechend verzögern.