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Ein Spitzen-Diplomat soll Schaeffler durch die Krisen helfen

Der frühere Botschafter in Washington und London wechselt in die Wirtschaft. In Zeiten von Corona und Protektionismus ist seine Expertise bei Schaeffler gefragt.

Zur ersten Begegnung kam es bei einem heiklen Termin im Weißen Haus: Klaus Rosenfeld, Chef des Schaeffler-Konzerns, und Peter Wittig, der damalige deutsche Botschafter in den USA, begleiteten Kanzlerin Angela Merkel, als sie im März 2017 zum ersten Mal den „America First“-Präsidenten Donald Trump traf. Auch als Schaeffler kurz darauf die Erweiterung seines Werks in Fort Mill feierte, war Wittig mit dabei.

Der Kontakt zu Rosenfeld, der bei der Werkserweiterung ebenso mit dabei war wie die Eigentümer Georg Schaeffler und Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann, riss nicht ab. Am Mittwoch verkündete Schaeffler, dass der deutsche Spitzendiplomat künftig als Senior Advisor für den Konzern arbeiten wird. Er soll den neuen Konzernbereich Global Affairs aufbauen und direkt an Rosenfeld berichten.

„Ich habe tolle 38 Jahre im Auswärtigen Amt gehabt“, sagte Wittig (65) dem Handelsblatt. „Jetzt ist es reizvoll, meine breit gefächerte Erfahrung als Diplomat in einem ganz anderen Zusammenhang bei einem global tätigen deutschen Unternehmen einzubringen.“ Es sei reizvoll für ein Familienunternehmen zu arbeiten, dessen Werte er teile.

Große geopolitische Herausforderungen gibt es derzeit reichlich: Trumps Protektionismus, der Brexit, die Grenzschließungen in Europa und die im Kampf gegen die Pandemie unterbrochenen Lieferketten. Da kann politischer Rat nicht schaden.

Wittig ist international bestens vernetzt. Er war neun Jahre lang deutscher Diplomat in den USA. Zunächst diente er als Deutschlands ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York, ab 2014 als Botschafter in Washington. Im Sommer 2018 wechselte er an die deutsche Botschaft in London. Nun endet seine diplomatische Laufbahn.

Analyse politischer Risiken

Das Auswärtige Amt ist informiert und hat keine Einwände. Anders als für Politikern gibt es für Beamte keine Karenzzeit, es steht ihnen frei, gleich nach ihrem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst einen Job in der Wirtschaft anzunehmen.

Wittig wird dem Vernehmen nach drei Tage in der Woche für Schaeffler arbeiten. In den neuen Konzernbereich soll die politische und Verbandsarbeit in Berlin integriert werden, hinzu kommen die Analyse politischer Risiken und makroökonomischer Entwicklungen sowie die Themen Innovations- und Forschungsförderung.

Schaeffler stehe als weltweit agierender Automobil- und Industriezulieferer vor großen Herausforderungen, betonte Vorstandschef Rosenfeld. „Das Verständnis für politische Entwicklungen und die globalen Risiken wird dabei immer wichtiger.“ Wittig könne mit seiner „herausragenden Expertise“ helfen.

Wittig, der nach eigenen Angaben eine „Familienkutsche“ führt, hatte sich schon als Botschafter in Washington für die deutschen Autoindustrie eingesetzt. Nach der Wahl von Trump war dabei besonders Fingerspitzengefühl gefragt.

US-Präsident Trump hatte immer wieder mit Zöllen gedroht, weil er im deutschen Exportüberschuss den Beweis dafür sieht, dass Amerika von seinen Handelspartnern über den Tisch gezogen wird. Das Argument, dass deutsche Unternehmen in den USA Millionen von Jobs geschaffen haben, scheint ihn nicht zu überzeugen. Die Coronakrise hat die Zollgefahr reduziert, aber nicht gebannt.

Existenzelle Herausforderungen

Wittig war nach Einschätzung in seinem Umfeld zu dem Schluss gekommen, dass sich die deutsche Außenpolitik oft zu sehr an einzelnen Brennpunkten abarbeitet, an festgefahrenen politischen Konflikten wie dem Patt in der Ostukraine, und den großen geopolitischen und geoökonomischen Trends zu wenig Ressourcen widmet. Welche Folgen hat die weltweite Verbreitung des Protektionismus für die exportabhängige Bundesrepublik, wie wird sich die Renationalisierung von Lieferketten auf die deutsche Industrie auswirken?

Diese Themen werden Wittig bei Schaeffler künftig beschäftigen. „Ich habe in Washington und London erlebt, wie sich unser Wirtschaftsleben grundsätzlich verändert. Protektionismus, Sanktionen, Kampf um die Vorherrschaft um Zukunftstechnologien – das sind existenzielle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft“, sagte er.

Schaeffler hat wichtige Werke in Großbritannien und in den USA. Der Autozulieferer leidet derzeit wie die Konkurrenz unter der Corona-Pandemie und der Krise der Automobilmärkte. Im vergangenen Jahr stagnierte der Umsatz des fränkischen Konzerns bei 14,4 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern brach auch wegen der Kosten für geplanten Stellenabbau von knapp 1,4 Milliarden Euro auf 790 Millionen Euro ein. Eine aktuelle Prognose für das laufende Jahr gibt es mit Verweis auf Corona nicht.