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Sparpläne bei Tuifly – der Flugkapitän in Turbulenzen

Der Chef der Ferienfluggesellschaft Tuifly steht vor schwierigen Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern. Es geht um bis zu 900 Arbeitsplätze.

Der Tuifly-Chef muss schwierige Gespräche mit den Arbeitnehmern führen. Die Flotte der Ferienfluggesellschaft soll halbiert werden. Foto: dpa

In Oliver Lackmanns Brust schlagen zwei Herzen. Das eine ist das des Piloten. Der Chef der Ferienfluggesellschaft Tuifly flog bis zur Corona-Pandemie selbst mehrfach im Monat Urlauber etwa nach Mallorca. Doch die Krise hat alle Pläne zunichte gemacht. Jetzt ist das andere Herz von Lackmann gefragt: das des Managers, der auch harte Entscheidungen durchsetzen muss.

Tuifly will die Flotte von 39 auf 17 Flugzeuge mehr als halbieren. Bis zu 900 der 2500 Stellen stehen zur Disposition – die meisten davon im fliegenden Bereich. „Unser ursprüngliches Ziel war es, die Kostensituation durch Wachstum zu heilen. Durch Covid-19 wurde jetzt alles zerschlagen“, begründet Lackmann, 51, die Maßnahmen. Man erwarte, dass die Nachfrage im Tourismus erst 2023 oder 2024 wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen werde. „Deshalb müssen wir unser Kapazitäten, die schon vor Covid-19 zu groß waren, anpassen.“

Das Problem von Tuifly: Das Unternehmen betreibt anders als die Tui-Airlines in Belgien und Großbritannien eine Flotte, die nur im reisestarken Sommer ausgelastet werden kann, nicht aber im Winter. Zudem hat Tuifly sieben Jets wieder auf den Hof gestellt bekommen, die bisher „leihweise“ für Eurowings unterwegs waren. „Die 17 Flugzeuge sind exakt die Größe, die die Tui auch im Winter auslasten kann“, sagt Lackmann.

Doch der Widerstand der Gewerkschaften ist groß. Markus Wahl, der Präsident der Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit, verweist auf die bereits wieder anziehende Nachfrage. Eine Aussage, die Lackmann für zu optimistisch hält. „Wir sind froh, dass wir wieder die ersten Flüge beginnen können. Aber wir haben weiterhin die gesamte Kapazität im Markt, also auch die von Condor oder Lufthansa. Der Wettbewerb wird eher zunehmen.“

Noch am Donnerstagnachmittag soll der Aufsichtsrat über die Situation befinden. Erwartet wird, dass dem Vorstand das Mandat erteilt wird, in die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern einzutreten. Dann geht die Arbeit für Lackmann und sein Team erst richtig los.

Erfahrener Krisenmanager

Der Flugkapitän kennt schwierige Situationen. Kaum hat er nach der Ausbildung in der Flugschule zunächst bei Augsburg Airways und dann bei Air Berlin im Cockpit Platz genommen, kamen die Terroranschläge vom 11. September 2001. Der Luftverkehr brach weltweit zusammen. Die Insolvenz von Air Berlin erlebte Lackmann als Managing Director der Tochter Niki. Um die stritten sich Lufthansa und der mittlerweile verstorbene Rennfahrer Niki Lauda über Wochen.

„Herr Lackmann vergisst nicht so schnell“, sagt ein Arbeitnehmervertreter. Gemeint sind damit vor allem die zähen Verhandlungen im vergangenen Jahr über die Rahmenbedingungen für den Aufbau einer eigenen Langstrecke aus Deutschland heraus. Unvergessen ist auch der lange Konflikt im Jahr 2016, als Mitarbeiter mit „wilden Streiks“ gegen den am Ende nicht realisierten Plan opponierten, Tuifly mit Niki zu fusionieren.

„Die Mitarbeitervertreter werden natürlich auch auf die Vorgänge im Jahr 2016 verweisen“, weiß Lackmann. Aber man werde anders als 2016 umfangreich und transparent informieren. „Dass die Situation für niemanden schön ist, ist klar. Auch uns bereitet das kein Vergnügen.“ Aber man sei professionell genug, die Dinge zu trennen.

Dennoch ist Lackmann, der mit seiner Frau in seiner Heimatstadt Essen lebt, zuversichtlich, dass er sich mit der Arbeitnehmerseite einigen kann: „Unser Ziel ist es, jetzt möglichst schnell in die Verhandlungen einzutreten, sobald der Aufsichtsrat uns dafür das Mandat erteilt. Das ist auch wichtig für die Mitarbeiter, die Klarheit brauchen.“

Dass sich mittlerweile auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann in den Konflikt eingemischt hat, empfindet er dabei nicht als störend. „Wir begrüßen, dass sich der Minister aus erster Hand informiert und sich bereit erklärt hat, weiterhin zur Verfügung zu stehen, etwa wenn es darum geht, Themen zu moderieren“, so Lackmann: „Aber er hat auch klar gemacht, dass Verhandlungen die Sache der Sozialpartner sind.“