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Softwarespezialist Forcam fordert Siemens heraus


Franz Gruber legt sich mit den ganz Großen an. „Wir sind in Sachen intelligente Fabrik die Alternative zu großen Anbietern wie Siemens und SAP“, sagt der Gründer des Softwarespezialisten Forcam. Seine Firma hat eine Plattform für den Anschluss von Maschinen an das Internet der Dinge entwickelt – und tritt damit zum Beispiel gegen Mindsphere von Siemens an.

Gruber ist der Ansicht, dass die Fabriksoftware-Angebote der Großen Schwächen haben und nach außen zu abgeschlossen sind. „Unsere Plattform dagegen ist kein Tresor, sondern ein offenes System.“

In der Industrie reden gerade alle vom Internet der Dinge (englisch: Internet of Things/IoT). Damit werden Maschinen an die Cloud angebunden. Die Auswertung der Daten ermöglicht zum Beispiel vorausschauende Wartung und ganz neue Geschäftsmodelle.

Derzeit gibt es mehrere Dutzend Plattformen. Experten rechnen mit einer Konsolidierung. Und Gruber ist überzeugt, dass seine noch kleine Firma im Konzert der Großen eine zentrale Rolle spielen kann. Einen Schub soll nun die Veröffentlichung der Schnittstellen bringen. Anwender könnten darauf zugreifen und Apps entwickeln. Bei der Konkurrenz sei das mit kostspieligen Lizenzgebühren verbunden.

Inzwischen hat Forcam mehr als 70 große Firmen als Kunden gewonnen von Lockheed Martin bis Borgwarner. „Wir haben mit Forcam Force während der viermonatigen Testphase eine Nutzungsgradsteigerung von elf Prozent erreicht“, berichtet Roland Sommer von der Krones AG.


Gruber ist überzeugt, dass seine Softwareplattform Forcam Force für die digitale Fabriksteuerung der Konkurrenz überlegen ist. Nur sie könne die Daten in der Cloud in Echtzeit validieren und mithilfe Künstlicher Intelligenz auswerten, mit Geschäftsdaten verknüpfen und visualisieren.

Die Berater von Gartner haben Forcam Force gerade erst als „Top Challenger“ eingeordnet. Auch in einer neuen Studie der Berater und Researcher von ISG wird Forcam neben Konkurrenten wie Bosch Rexroth, Siemens und SAP zu den führenden IoT-Plattformen gezählt. Konkurrenzangeboten wirft Gruber Schwächen in der Software-Architektur und eine rigide Lizenzpolitik vor.

Um ein Entweder-oder geht es bei den meisten Digitalisierungstechnologien heute nicht mehr. So lassen sich mit Forcam Force auch andere Plattformen wie Mindsphere oder Predix von General Electric und andere Lösungen integrieren. Das Familienunternehmen Kostal kombinierte zum Beispiel SAP-Anwendungen mit Forcam. „So können wir gezielt Schwachstellen der Standardsysteme überwinden und diese gezielt ergänzen, sagt Kostal-IT-Manager Patrick Saslona.

Nur eine Handvoll Anbieter wird überleben

Gruber hatte nach dem Abschluss als Wirtschaftsingenieur 1988 seine Karriere bei IBM gestartet, um dann bald zu SAP zu wechseln. Dort berichtete er lange an Gründer Dietmar Hopp. Als der 2003 den Aufsichtsratsvorsitz niederlegte, machte sich Gruber selbstständig.

Bereits ab 2001 hatte Gruber als einer der Ersten eine Cloud-Anbindung für Produktionsmaschinen entwickelt und ab 2008 namhafte Kunden wie Audi und Daimler gewonnen. Doch er erkannte schnell, dass seine Technologie in der Cloud nicht intelligent genug ist. Daher entschied er sich 2010, das Kernprodukt einzustellen und eine ganz neue Plattform zu entwickeln.

Internet-der-Dinge-Plattformen gibt es von vielen Anbietern, von US-IT-Konzernen über Industriespezialisten wie General Electric bis hin zu deutschen Anbietern wie Bosch und SAP. Teilweise stehen diese in direkter Konkurrenz, teilweise ergänzen sie sich.

Doch vor allem Siemens hofft darauf, eine dominierende Rolle spielen zu können. Die Münchener sind mit ihren Simatic-Automatisierungsanlagen in fast jeder Fabrik vertreten. Nun wollen sie die Maschinen auch mit Mindsphere an das Internet der Dinge anbinden.


Wettbewerber müssten aber feststellen, wie anspruchsvoll der Betrieb einer IoT-Plattform sei, sagte Siemens-Industrie-Vorstand Klaus Helmrich dem Handelsblatt. „Sie müssen die Plattform täglich pflegen und innovieren, Service zur Verfügung stellen und weltweit rund um die Uhr zur Verfügung stehen.“ Daher werde es eine Konsolidierung auf nur noch eine Handvoll Plattformen geben. „Siemens wird definitiv dazugehören.“

Die Einführung von Mindsphere laufe „sehr gut“, so Helmrich. „Der Umsatz entwickelt sich besser, als wir erwartet hatten.“ Inzwischen hätten 750 Anwender und Entwickler Mindsphere implementiert, und es gebe 250 Applikationen im Store. Der Nutzerklub Mindsphere World habe inzwischen in Deutschland 37 und in Italien 17 Mitglieder. Zu den 19 Gründungsmitgliedern der Nutzerorganisation hatten die Firmen Eisenmann, Festo und Trumpf gehört.

Forcam-Chef Gruber weiß, dass er mit seiner Firma schnell groß werden muss. Für 2018 peilt das Unternehmen 14 Millionen Euro Umsatz an. „So eine Plattform geht nur groß“, sagt Gruber. Für den Vertrieb in Regionen wie Europa und China hat er sich daher Distributionspartner gesucht.

Doch er ist auch offen für strategische Investoren. SAP-Gründer Hopp ist noch mit 35 Prozent beteiligt. Ob es den nicht störe, wenn Gruber mit seiner Firma SAP ärgere? „Als begeisterter Fußballförderer sieht Herr Hopp das sicherlich sportlich und setzt einfach auf Tabellenführer und Aufsteiger gleichzeitig. So gewinnt er in jedem Fall“, sagt Gruber.