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So will der Doctor-Box-Gründer einen zweiten Lockdown verhindern

Der Gründer von Doctor Box will mit lokalen Bluetooth-Geräten die Kontaktnachverfolgung Corona-Infizierter erleichtern – bald auch deutschlandweit.

Während sich Touristen über Pfingsten an der Ostsee bei Sonne, Strand und Dünen erholten, hatte Oliver Miltner dort vor allem kleine, grün-weiße Boxen im Blick. Miltner ist CEO des Berliner Start-ups Doctor Box, das den Badeort Ahrenshoop in Mecklenburg-Vorpommern zu einem Testlabor umfunktioniert hat. Rund 40 Bluetooth-Boxen, sogenannte Beacons, hängen dort seit Ende Mai in Hotels, Supermärkten und an öffentlichen Plätzen.

Sie sollen die Kontaktnachverfolgung von Menschen, die sich mit Covid-19 infiziert haben, in der anlaufenden Urlaubssaison auch ohne die Corona-Warn-App der Bundesregierung erleichtern und bald deutschlandweit zum Einsatz kommen. „Nur, wenn wir die Gesundheitsämter unterstützen, können wir einen erneuten Lockdown verhindern und damit die größtmögliche Freiheit bewahren“, sagt Miltner.

Dafür senden die Boxen ein Bluetooth-Signal aus, das von Personen im Umkreis von wenigen Metern mit ihrem Smartphone empfangen und als Ortsmarke gespeichert werden kann. Voraussetzung dafür ist, dass sie die dazugehörige App von Doctor Box installiert haben. Dort können sie auch Orte ohne Beacon eintragen, an denen sie sich aufgehalten haben.

Wird ein Nutzer positiv auf das Coronavirus getestet, erstellt das Programm aus den Tagebuch-Daten eine Übersicht, die an Gesundheitsämter weitergegeben werden kann. Sobald eine Schnittstelle zu den Behörden besteht, soll dies automatisch funktionieren. Zudem erhalten Kontaktpersonen auf ihrem Smartphone einen Hinweis, wenn sie sich zur gleichen Zeit an einem Ort mit dem später positiv getesteten Nutzer aufgehalten haben.

Einer, der am Test von Doctor Box teilnimmt, ist Oliver Schmidt. Er ist Inhaber des Hotels „The Grand“. Für ihn fühlten sich die vergangenen Tage wie „komplettes Neuland“ an, sagt er. Nach fast zwei Monaten Stillstand durch die Corona-Pandemie empfängt er mittlerweile wieder Gäste in seinem 164-Betten-Haus.

„Das ist, als würde ein Formel-1-Auto mit 300 Stundenkilometern aus der Boxengasse starten“, sagt er. „Uns überrennen die Gäste.“ Das Pilotprojekt soll dabei helfen, trotzdem die Abstands- und Hygieneregeln in der Coronakrise einhalten zu können. In Schmidts Hotel hängen elf Beacons, etwa im Fahrstuhl, in der Lobby und im Spa-Bereich. Er sehe täglich Gäste, die sich die App herunterladen. „Ich erhoffe mir davon, Neuinfektionen besser nachvollziehen zu können“, sagt er. 

19.000 Apotheken sollen ausgestattet werden

Nach Abschluss des Testlaufs in Ahrenshoop in dieser Woche wollen die Initiatoren die Technologie deutschlandweit ausrollen. „Schon jetzt lässt sich sagen, dass unser Test ein voller Erfolg ist“, sagt Miltner. Er habe gezeigt, dass die Technologie grundsätzlich funktioniere. Außerdem hätten sich 1700 Nutzer die App bislang heruntergeladen. „Das ist für einen so kurzen Zeitraum und einen so kleinen Raum ordentlich“, sagt Miltner. „Nun sind wir bereit.“

Mit Partnern wie Noventi, der Ideal-Versicherung und dem Medizinprodukte-Hersteller Medi seien deutschlandweit bereits über 30.000 potenzielle Standorte mit Beacons ausrüstbar. In der kommenden Woche wolle man damit beginnen, 19.000 Apotheken auszustatten, kündigt Miltner an.

Die Kosten von etwa 25 Euro je Beacon tragen dabei die jeweiligen Partner. Insgesamt würden sich in ganz Deutschland 1,3 Millionen Orte für Beacons anbieten. Das Start-up erhofft sich davon, einen zweiten Lockdown zu verhindern, und freut sich auch über mehr Nutzer für die eigene, digitale Patientenakte, das eigentliche Kerngeschäft von Doctor Box. Mit ihr lassen sich etwa Arztbriefe und Medikationspläne geschützt auf dem Smartphone speichern.

Für das Kontakttagebuch verspricht Miltner hohe Standards bei Datenschutz und -sicherheit. Die App käme ohne persönliche Daten aus und gleiche die IDs der Beacons mit einem lokal gespeicherten Verzeichnis ab, um den Standort zu identifizieren. Die Kommunikation mit den Gesundheitsämtern laufe einzig über den Nutzer. „Dieser bestimmt, welche Daten er wann weitergibt“, erklärt Miltner.

Auch Datenschützer halten das Konzept für unbedenklich. „Solange die Technologie die doppelte Freiwilligkeit erfüllt – und das scheint hier der Fall zu sein –, halte ich sie auch für datenschutzrechtlich unproblematisch“, sagt Jürgen Kühling, Professor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Regensburg.

Doppelte Freiwilligkeit bedeutet in dem Fall, dass weder ein Zwang zur App-Nutzung noch zum Handeln bei einer Infektion besteht. Bedenklich wäre es nur, wenn ein solches Angebot zur Pflicht würde, etwa für einen Zugang in eine Sauna oder einen Wellness-Bereich. Kühling warnt deshalb: „Die Gefahr eines solchen Einsatzes ist bei einem Erfolg der Technologie groß.“