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So hat sich der Arbeitskampf der IG Metall verändert

Krolle, Hannah
·Lesedauer: 4 Min.

Die IG Metall muss vor allem in jungen Unternehmen um Einfluss kämpfen. Früher waren die Rollen klar verteilt. IG-Metall-Veteran Jürgen Ladberg erinnert sich an ein Leben für den Arbeitskampf.

Ein Gespräch mit Jürgen Ladberg zu vereinbaren, ist nicht leicht. Über die alten Geschichten will er nicht sprechen, das „steht alles im Internet“. Die alten Geschichten, damit meint er vor allem eines der spektakulärsten Gerichtsverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte: den Fall Mannesmann. Vor mehr als 15 Jahren stand Ladberg gemeinsam mit damaligen Spitzen der deutschen Wirtschaft vor Gericht, weil er Zahlungen in Höhe von insgesamt 60 Millionen Mark an Topmanager des gerade von Vodafone übernommenen Mobilfunkkonzerns Mannesmann durchgewinkt hatte. Das Verfahren endete für Ladberg mit einer Geldstrafe.

Darum soll es nicht gehen. „Worum denn dann?“, fragt der 75-Jährige ungeduldig. „Es ist Samstag und Sie rufen während der Bundesliga an.“ Als er hört, dass seine Erfahrungen im Arbeitskampf und in der IG Metall interessieren, hält er kurz inne und vereinbart dann einen Gesprächstermin. Wer ihm zuhört, erlebt einen Mann, dessen Identität zutiefst vom Gewerkschaftsleben geprägt ist. Seit 60 Jahren ist Ladberg Mitglied der IG Metall, seit 40 Jahren gehört er der SPD an.

Im rheinischen Singsang berichtet der „echte Düsseldorfer Jong“, wie er sich selbst bezeichnet, von Höhepunkten wie dem „Marsch nach Bonn“ im Jahr 1993. Sternförmig strömten Gruppen von Demonstranten in die ehemalige Hauptstadt, um sich für Themen wie Arbeitsplatzerhalt, Lohnerhöhung, Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit und den Kampf gegen Rassismus einzusetzen. „Tausende haben teilgenommen, das ganze Werk war auf der Straße“, schwärmt Ladberg. Und er natürlich mittendrin.

Als er im Alter von 14 Jahren seine Lehre beim damals vor allem für seine Röhrenproduktion bekannten Mannesmann-Konzern begann, trat er sofort in die Gewerkschaft ein. Darüber nachgedacht habe er kaum, „das war gang und gäbe“, alle seine Freunde waren ebenfalls dabei, schon wegen des Gemeinschaftsgefühls.

Bis heute wirbt die Gewerkschaft mit klassischen Bildern, mit Motiven von Demonstranten, Arm in Arm, mit Trillerpfeife und roter Mütze, will sie Mitglieder gewinnen. „Die Beschäftigten brauchen eine Perspektive. Sie gehen vor die Tore“, heißt es in der IG Metall Zeitung, die einen guten Überblick darüber gibt, was Gewerkschaftsmitglieder gerade bewegt. In der Januarausgabe heißt es: „Dass betriebsbedingte Kündigungen derzeit fast überall noch ausgeschlossen sind, dafür haben Betriebsräte und IG Metall gesorgt.“ Oder: „Die IG Metall fordert in den laufenden Metall-Tarifverhandlungen Rahmenregelungen für betriebliche Zukunftstarifverträge. Damit die Beschäftigten in allen Betrieben ihre Zukunft gestalten und sichern können.“

Ihre Bindungswirkung von einst hat die Gewerkschaft jedoch längst verloren. Das liegt daran, dass sich klassische Milieus zunehmend aufgelöst haben – und die ganz großen Auseinandersetzungen fehlen. Ihren ersten großen Triumph erlebte die IG Metall 1956 mit der Durchsetzung der Fünftagewoche. Dann erwirkten die Gewerkschafter in einem 16 Wochen langen Streit die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber. Knapp dreißig Jahre später, 1984, erkämpften sie die 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie. Besonders beeindruckt haben Ladberg damals die Frauen, die bei den Demos mitliefen. „‘Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen‘, stand auf ihren Plakaten. Das Motto fand ich toll“, sagt er.

Ladberg denkt gerne an die alte Zeit, bei Mannesmann und der IG-Metall. Wie schön es war vor den Werkstoren, auf der Straße. Und wenn die „Kumpels“, so nennt er seine Gewerkschaftsfreunde, ein Werk vor der Schließung bewahrten, „war das ein großer Erfolg“.
Heute seien die Menschen anders. Die Mentalität in Großunternehmen habe sich verändert. Zwar fänden Kundgebungen nach wie vor statt, doch würden sie nur von wenigen Beschäftigten getragen. Junge Menschen seien älter, wenn sie ins Unternehmen einträten, und wollten Karriere machen. Da sei es schwer, sie zu motivieren, Arbeitnehmervertreter zu werden. „Das ist legitim“, räumt er ein, „sie wollen eben eine Familie gründen, sich selbstverwirklichen“.

„Das ist der Zahn der Zeit, der an uns nagt“, sagt Ladberg. Heute seien andere an der Reihe, „die sich mit den Herausforderungen der Zukunft beschäftigen müssen“. Lässt ihn das wirklich kalt? Nein, Arbeitnehmerrechte sind noch immer sein Thema, spätestens dann, wenn es um die Coronakrise geht. „Wenn die Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, dann gibt’s Bürgerkrieg, das brauchen wir nicht. Da muss etwas passieren!“, ruft er. Und klingt dabei so, als wäre er sofort bereit, wenn die Straße ruft.

Mehr zum Thema: Die technologischen Umbrüche in ihren Kernbranchen setzen die IG Metall unter Druck. Um ihre Macht zu sichern, wirbt die Gewerkschaft verstärkt um Akademiker.