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So soll Altmaiers Cloud-Initiative ein europäisches Projekt werden

Die Daten-Initiative von Wirtschaftsminister Peter Altmaier nimmt Formen an: 300 Unternehmen und Organisationen beteiligen sich mittlerweile an Gaia-X.

Videokonferenzen ersetzen Meetings, der Einkauf im Netz die Shoppingtour in der Innenstadt, der Filmabend auf der Couch den Kinobesuch: In der Coronakrise spielt sich das Leben vieler Menschen weitgehend digital ab. Davon profitieren Unternehmen wie Amazon und Microsoft, Zoom und Netflix, deren Dienste praktisch überall verfügbar sind. Das Cloud-Computing, bei dem Software und Services, Speicherplatz und Rechenleistung über die Datennetze angeboten werden, macht es möglich. Diesen Trend prägen größtenteils amerikanische Unternehmen.

Das will die deutsche Politik ändern: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat mit Gaia-X eine Initiative ins Leben gerufen, die eine europäische Dateninfrastruktur schaffen und so den Binnenmarkt stärken soll. Nach rund sechs Monaten Arbeit, an der sich Vertreter aus rund 300 Unternehmen und Organisationen beteiligt haben, wird sie am Donnerstag erste konkrete Ergebnisse des Großprojekts vorstellen.

Die Papiere, die dem Handelsblatt vorliegen, zeigen: Aus der deutschen Initiative soll ein europäisches Projekt werden. So siedelt das Konsortium die Steuerung in Form einer nicht kommerziellen Organisation in Brüssel an – neben den Akteuren aus Deutschland und Frankreich sollten sich weitere Unternehmen aus anderen Ländern beteiligen können. „Die Rechtsform unterstreicht das Bekenntnis zu einem transparenten europäischen Prozess, zur Offenheit und breiten Teilhabe“, heißt es in dem Papier. 

Auch Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt, sieht dringenden Handlungsbedarf: „In der Krise, in der der Einsatz digitaler Technologie besonders gefragt ist, spüren wir die Grenzen deutscher und europäischer digitaler Souveränität deutlicher denn je.“ Mit Gaia-X werde dieses Defizit angegangen. Das Projekt biete „eine leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur auf Grundlage europäischer Werte bietet, offen für Nutzer und Anbieter weltweit“.

Die Ambitionen des Projekts werden schon in seinem Namen deutlich: In der griechischen Mythologie ist Gaia eine Urgottheit der Erde. Letztlich geht es den Architekten der neuen Cloud-Infrastruktur darum, der amerikanischen und der chinesischen Tech-Sphäre einen eigenen wettbewerbsfähigen europäischen Datenkosmos entgegenzustellen – und die Innovationskraft Europas zu sichern.

Fehlendes Vertrauen bei US-Angeboten

Dahinter steckt die im Wirtschaftsministerium und im Kanzleramt gereifte Erkenntnis, dass ökonomische Effizienzgewinne künftig vor allem durch überlegene Software erreicht werden – und nicht mehr durch mechanische Weiterentwicklungen, auf die deutsche Tüftler spezialisiert sind. Gerade für den Mittelstand ist das ein Problem, da viele Betriebe nicht über die Datenmengen verfügen, die für digitale Innovationen nötig sind.

So wichtig Cloud-Dienstleistungen auch sind, so zögerlich sind viele Betriebe bei den bisher dominanten US-Angeboten: Es fehlt an Vertrauen. Eine während der Coronakrise vorgenommene Umfrage der Landesbank Baden-Württemberg hat ergeben, dass mehr als 80 Prozent der mittelständischen Unternehmen deutsche oder europäische Cloud-Dienste nutzen, die aber weit weniger zu bieten haben als die US-Konkurrenten.

Gerade einmal sechs Prozent der Firmen setzen auf US-Lösungen. Diesen Markt will Gaia-X bedienen und weiterentwickeln. Ziel ist es nicht, einen direkten Konkurrenten zu Amazon Web Services (AWS) oder Microsoft aufzubauen. Vielmehr soll Gaia-X „Interoperabilität und Portabilität von Infrastruktur, Daten und Diensten ermöglichen“.

Sprich: Die Initiative will es ermöglichen, bestehende europäische Angebote zu vernetzen, etwa mit Standards, Schnittstellen oder auch einem Identitätsmanagement und einem Abrechnungssystem. Daran können sich grundsätzlich Unternehmen aus aller Welt beteiligen. Allerdings nur, wenn sie sich europäischen Regeln unterwerfen, wie das Wirtschaftsministerium betont.

Nutzern verspricht Gaia-X einen wichtigen Vorteil gegenüber den Angeboten von Amazon und Microsoft: Daten im Gaia-X-System sollen im gleichen Format gespeichert werden. Das ermöglicht es Unternehmen den Cloud-Anbieter ohne größeren Aufwand zu wechseln. Auch firmenübergreifende Kooperationen, etwa bei Forschungsprojekten, sollen durch diese Kompatibilität erleichtert werden. Amazon und Microsoft verwenden dagegen eigene Datenformate, die Kunden auf ihre Dienstleistungen festlegen. Kritiker sprechen von einem Lock-In-Effekt. Amazon weist allerdings darauf hin, dass es durchaus Funktionen anbietet, die Datentransfers ermöglichen.

Altmaier hat seine politische Karriere als Beamter in der EU-Kommission begonnen, auch bei Gaia-X denkt er in europäischen Dimensionen. Das Projekt solle „zeitnah über die derzeitig starke deutsch-französische Kooperation hinaus auf weitere Mitgliedstaaten ausgedehnt werden“, schreibt das Wirtschaftsministerium. Damit soll das Vorhaben an Initiativen der EU-Kommission zur Verringerung der Abhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-Anbietern anknüpfen.

Für diese europäische Datenstrategie könnten etwa zwei Milliarden Euro aus dem EU-Budget mobilisiert werden, sagte Binnenmarktkommissar Thierry Breton bei der Vorstellung im Februar. Nationale Regierungen und Industrie sollten weitere vier bis sechs Milliarden beisteuern.

Europäische Cloud-Betreiber hätten nur geringe Marktanteile, heißt es in dem Strategiepapier, „was die EU in hohem Maße von externen Anbietern abhängig und anfällig gegenüber Bedrohungen von außen macht“.

Kein europäische Cloud-Riese

Von den Summen, die Breton vorschweben, ist Altmaier noch weit entfernt. Für Gaia-X sind im laufenden Bundeshaushalt 27 Millionen Euro eingeplant. Dazu kommen zweistellige Millionenbeträge für ausgewählte Innovationen im Bereich Künstlicher Intelligenz. Weitere Mittel sollen aus der Wirtschaft kommen, unter anderem von den Dax-Konzernen SAP und Telekom.

Breton will – genau wie Altmaier – keinen europäischen Cloud-Riesen schaffen, sondern die vielen kleineren Anbieter besser vernetzen. Diese würden auf dem Markt oftmals zu wenig wahrgenommen, zudem hätten die Kunden häufig Probleme mit der Interoperabilität mehrerer Dienste, so die Analyse der Kommission.

Brüssel will daher mit der Industrie einen neuen Marktplatz für Cloud-Dienste schaffen, der Ende 2022 startbereit sein soll. Dort sollten gerade kleinere Unternehmen und Behörden unter Speicher- und Softwarediensten auswählen können, die hohe Standards für Datenschutz, Datensicherheit und Energieeffizienz erfüllen. 

Aus Sicht Bretons sind solche Infrastrukturen eine Voraussetzung, um in der anstehenden „Schlacht um Industriedaten“ bestehen zu können. Um gegen die USA und China bestehen zu können, brauche die EU einen funktionierenden Binnenmarkt für Daten, sagt Breton, der zuvor Vorsitzender des IT-Konzerns Atos war.

Der CDU-Digitalpolitiker im Europaparlament, Axel Voss, mahnt, den Worten jetzt Taten folgen zu lassen: „Es ist dringend nötig, dass wir hier vorankommen.“ Auch die Milliarden aus dem Wiederaufbauprogramm der Kommission sollten dafür eingesetzt werden, die digitale Souveränität Europas zu verbessern und auf wichtigen Technologiegebieten führend zu werden.

In Berlin setzt sich das Wirtschaftsministerium dafür ein, zusätzliche Mittel aus dem Konjunkturprogramm zur Stärkung der digitalen Souveränität zu nutzen. Altmaier kann auf den Rückhalt des Kanzleramts zählen: „Wir werden auch die deutsche Ratspräsidentschaft nutzen, um Themen der digitalen Souveränität und der Datenpolitik voranzutreiben“, kündigt Staatsministerin Dorothee Bär an.

Wie das konkret aussehen kann, soll am Donnerstag das deutsche Start-up Cloud & Heat vorstellen. Es hat in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie der Deutschen Telekom und NTT Data eine Art Konfigurator entwickelt, mit dem Kunden nach Kriterien wie Datensicherheit, Datenschutz und auch ökologischer Nachhaltigkeit verschiedene Anbieter auswählen können – ein Programm namens Krake orchestriert anschließend die Datenübertragung und -speicherung. Unternehmen sollen so die Stärken der verschiedenen Dienstleister nutzen können.

Viele offene Fragen

Die Ziele sind groß, doch die Umsetzung ist bislang jedoch unklar: Die Informationen seien bislang sehr allgemein, kritisiert René Buest, Analyst des Marktforschungsunternehmens Gartner. Der Spezialist fürs Cloud-Computing wirft mehrere Fragen auf, die das Konsortium in den nächsten Wochen und Monaten noch im Detail beantworten muss.

Stichwort Interoperabilität: „Es klingt natürlich gut, dass Kunden ihre Daten und Anwendungen beliebig durch die Gegend manövrieren können“, sagt Büst. Die Umsetzung sei jedoch sehr komplex. So bieten die großen Cloud-Anbieter AWS und Microsoft, im Branchenjargon Hyperscaler genannt, eine Vielzahl an sogenannten Plattform-Services an, mit denen sich IT-Prozesse abbilden lassen.

Dazu, so Büst, gebe es oft keine Alternativen: „Mit innovativen Services schaffen die Hyperscaler eine Bindung.“ Welchen Nutzen bietet Gaia-X also konkret?
Stichwort Standards: Um das reibungslose Zusammenspiel zwischen verschiedenen Systemen zu gewährleisten, braucht es zentrale Komponenten wie Identitätsmanagement, Schnittstellen und Benutzeroberflächen – die Entwicklung, so Büst, sei eine „Herkulesaufgabe“: „Es ist extrem schwierig, die Abstimmung zwischen so vielen Unternehmen vorzunehmen“, urteilt Büst.

Auch wenn Gaia-X auf bestehende Standards zurückgreifen wird, etwa im Bereich Industrie 4.0, dürfte eine langwierige und komplexe Arbeit anstehen. Wie gut gelingt es dem Konsortium also, die Arbeit der Community, an der zahlreiche Akteure beteiligt sind, zu organisieren?

In den nächsten Monaten müssen die Organisation Antworten liefern, denn schon Ende 2020 sollen erste Prototypen mit dem neuen Standard bereitstehen. Zu spät für die Coronakrise, aber vielleicht noch rechtzeitig, um Europa für die nächste Innovationswelle zu rüsten.