Deutsche Märkte geschlossen

Wie Siemens vom Großumbau des Konzerns profitiert

Fröndhoff, Bert Höpner, Axel
·Lesedauer: 9 Min.

Siemens kommt gut durch die Krise und die Börse feiert das Unternehmen dafür. Auf Joe Kaesers Nachfolger Roland Busch warten einige Herausforderungen.

Eine goldgeränderte Abschlussbilanz kann der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser seinem Nachfolger Roland Busch nicht übergeben. Wie auch! In Zeiten von Corona musste auch der sonst so zuverlässig liefernde Ex-Finanzchef Kaeser die Prognose im Frühjahr 2020 kassieren und später erstmals die Dividende senken.

Die Aktionäre dürften dennoch weitgehend zufrieden sein, wenn Kaeser sich am kommenden Mittwoch (3. Februar) den Anteilseignern auf der virtuellen Hauptversammlung stellen wird. Es wird seine letzte Amtshandlung nach gut sieben Jahren an der Siemens-Spitze sein – und sein Erbe kann sich durchaus sehen lassen.

Die Analyse der Siemens-Bilanz zeigt, dass der Konzern sehr robust durch die Krise gekommen ist, was auch an der von Kaeser angestoßenen Neuordnung liegt. Die Rendite im Industriegeschäft ist trotz Coronakrise stabil, im Vergleich mit Wettbewerbern steht Siemens besser da.

„Die Aktionäre können mit der Ära Kaeser zufrieden sein“, sagt Fondsmanagerin Vera Diehl von Union Investment. Nachfolger Busch muss nach Kaesers Portfoliopolitik verstärkt auf internes Wachstum durch Innovationen setzen – und die Schwächen ausmerzen, die sich in der Bilanz und im operativen Geschäft zeigen.

1. Strategie: Die Börse honoriert die neue Marschrichtung

Höhepunkt im Geschäftsjahr 2020 war für Siemens zweifelsfrei die Abspaltung der Energietechnik, die als Siemens Energy AG an die Börse ging. Der verbleibende Siemens-Konzern setzt vor allem auf die Digitalgeschäfte rund um die Digitale Fabrik und auf eigenständigere, agilere Geschäftseinheiten.

Busch ist wie Kaeser davon überzeugt, dass fokussierte Spezialisten besser auf disruptive Veränderungen in ihren Branchen reagieren können als schwerfällige Konglomerate alten Stils. Doch versprechen sie sich auch eine Höherbewertung der verbleibenden Siemens AG an der Börse mit der Vorzeigesparte Digitale Industrien und ihrem hohen Software-Anteil, weil diese ohne das ertragsschwache Kraftwerksgeschäft höhere Margen erzielt.

Das Momentum für die Amtsübergabe von Kaeser zu Busch ist gut. Denn auch der Start ins neue Geschäftsjahr ist gut gelungen, die Erwartungen von Analysten wurden im ersten Quartal 2020/21 dank guter China- und Digitalisierungsgeschäfte klar übertroffen.

An der Börse kommt die neue Marschrichtung an: Die Siemens-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten den Dax deutlich geschlagen und erreichte trotz Abspaltung von Siemens Energy kurz vor der Hauptversammlung neue Höchststände.

2. Operative Lage: Die neue Strategie stützt die Profitabilität

Die Coronakrise brachte den umgebauten Konzern nicht aus dem Tritt, wie die Ergebnisse 2019/20 zeigen. Für die Aktionäre sind vor allem die vergleichbaren Zahlen relevant, in denen das abgespaltene Energiegeschäft schon nicht mehr enthalten ist. Zwar sank der Umsatz da um vergleichbar zwei Prozent auf 57,1 Milliarden Euro. Damit wurde die ursprüngliche Prognose eines moderaten Wachstums der Erlöse deutlich verfehlt, was eine Folge der Wirtschaftskrise 2020 ist.

Doch im Vergleich zu anderen deutschen Konzernen zeigt sich, dass Siemens geringer von den Corona-Erschütterungen betroffen ist. Die Münchener hielten sich auch besser als Konkurrenten wie ABB (Schweiz) sowie GE und Honeywell aus den USA.

Die starke Entwicklung setzte sich in den letzten drei Monaten 2020 fort, die für Siemens das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres ausmachen. Das operative Ergebnis legte unter anderem dank einer starken Nachfrage in China deutlich zu und lag über den Analystenerwartungen. Die Zeichen für die nächsten Monaten stehen gut.

Schon 2019/20 hat sich die Rendite im operativen Geschäft robust gezeigt. Siemens misst hier die Profitabilität im Industriegeschäft, worin die Financial Services nicht enthalten sind. Der operative Gewinn lag mit 7,56 Milliarden Euro nur leicht unter Vorjahr, die Rendite war mit 14,3 Prozent fast gleich.

Das gelang dem Management, obwohl man bei den Forschungsausgaben keine Abstriche machte und die Verwaltungs- und Vertriebskosten leicht stiegen. Unterm Strich blieb dennoch ein deutliches Minus: Das Nettoergebnis aus den fortgeführten Aktivitäten sank um ein Viertel auf 4,2 Milliarden Euro. Das lag auch am deutlich geringeren Ergebnis aus Beteiligungen, etwa aus dem Joint Venture mit dem Autozulieferer Valeo, dessen Wert deutlich gemindert werden musste.

Problematisch entwickelt sich bei Siemens weiterhin die Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE). Dort hat sich der Konzern eigentlich ein langfristiges Ziel von 15 bis 20 Prozent gesetzt. Doch dies verfehlte Siemens einmal mehr. Wegen der Übernahmen der vergangenen Jahre ging der ROCE von 11,1 auf 7,8 Prozent zurück (lesen Sie mehr dazu in den „Siemens-Schwächen“).

3. Sparten: Wo Siemens das meiste Geld verdient

Obwohl Siemens sich mit der neuen Ausrichtung fokussiert, profitiert der Konzern von der weiterhin recht breiten Aufstellung mit vier Segmenten und sehr unterschiedlichen Geschäften. Das stützte den Gesamtkonzern.

In der Sparte Digital Industries sank der Umsatz um sechs Prozent auf 15 Milliarden Euro. Hier machte sich im Krisenjahr die Investitionszurückhaltung der Kunden bemerkbar, denen Siemens Software und Automatisierungssysteme für Fabriken verkauft.

Die anderen Sparten konnten ihre Umsätze aber weitgehend stabil halten. In der Bahntechnik (Mobility), die sehr langfristige Aufträge abarbeitet, legten die Erlöse sogar um zwei Prozent auf gut neun Milliarden Euro zu. Im Medizintechnikgeschäft der Healthineers stagnierten die Erlöse bei 14,5 Milliarden Euro, bei der Gebäudetechnik-Sparte Smart Infrastructure sanken sie leicht um zwei Prozent.

Für die Aktionäre lohnt sich ein genauerer Blick auf die Gewinne in den Segmenten. Schon die Abspaltung der Energie hat das Industriegeschäft insgesamt profitabler gemacht. Denn die schwachen Ergebnisse vor allem im Geschäft mit Gaskraftwerken drückten die Margen des Gesamtkonzerns.

Künftig dürfte vor allem das starke Softwaregeschäft zum Renditetreiber werden. Siemens hat sich dank zahlreicher Übernahmen zum Weltmarktführer bei Industriesoftware gemausert.

Dass dort die Profitabilität höher ist als im Maschinenbau, zeigt sich bereits: Im Segment Digital Industries verbesserte sich trotz des Umsatzrückgangs die operative Marge – auch dank Sondereffekten – von 17,9 auf sehr gute 21,7 Prozent. Damit lag die Sparte klar im vom Management vorgegebenen Margenband von 17 bis 23 Prozent.

Anders sieht es bei Smart Infrastructure aus, deren Rendite auf 9,1 Prozent sank und die Vorgaben von zehn bis 15 Prozent nicht erreichte. Das Geschäft von SI ist teils sehr kleinteilig, Vorstand Matthias Rebellius soll den Software-Anteil erhöhen und stärker auf digitale Vernetzung von Gebäuden und Infrastruktur setzen.

Die Medizintechniksparte Healthineers verfehlte die Vorgaben von 17 bis 21 Prozent, was auch an den coronabedingt verschobenen Routineuntersuchungen bei Ärzten und Kliniken lag. Grundsätzlich dürfte sich die Sparte aber zum guten Geschäft für Siemens entwickeln. Die Bahntechnik hat dies schon bewiesen: Sie ist vom Sorgenkind zum Ertragsbringer geworden. (lesen Sie mehr dazu in den „Siemens-Stärken“).

4. Cashflow: Komfortable Lage dank starken Kapitalflusses

Die neue Aufstellung bringt Siemens mit Blick auf den Kapitalfluss in eine komfortable Lage. Die zeigt sich in der guten Entwicklung des Free Cashflows. Der Wert zeigt an, über welche finanziellen Mittel ein Unternehmen frei verfügen kann und die es nicht für Investitionen oder betriebliche Tätigkeiten braucht.

Er ist ein klares Signal dafür, ob ausreichend Kraft erwirtschaftet wird, um Dividenden zu bezahlen und Schulden abtragen zu können. Bei Siemens stieg der Free Cashflow insgesamt von 5,8 Milliarden auf 6,4 Milliarden Euro. Laut Siemens war dies der höchste Wert seit zehn Jahren.

Rechnet man die Energiesparte heraus, ergibt sich im fortgeführten Geschäft ein noch größerer Anstieg auf 6,6 Milliarden. Den höchsten Beitrag dazu lieferte Digital Industries, aber auch die Medizintechnik erwirtschaftete mehr frei verfügbare Mittel.

Die geplante Dividende kann Siemens aus dem Free Cashflow allemal zahlen, zumal die Ausschüttung erstmals in der Amtszeit von Kaeser sinkt. Für 2020 zahlt Siemens 3,50 Euro, im Vorjahr waren es 3,90 Euro (lesen Sie mehr dazu in den „Siemens-Schwächen“).

5. Finanzkraft: Höhere Schulden, aber genug flüssige Mittel

Bei der Verschuldung liegt Siemens derzeit nicht im Zielrahmen. Maßstab ist hier der Quotient aus der industriellen Nettoverschuldung und dem operativen Ergebnis (Ebitda) der fortgeführten Aktivitäten. Dieser Wert soll nach Vorgaben bei 1,0 liegen, stieg aber bis Ende des Geschäftsjahres auf 1,3.

Denn die industrielle Nettoverschuldung ist kräftig von 6,4 Milliarden auf 10,2 Milliarden Euro gestiegen. Das lag vor allem an der Übernahme des US-Konzerns Varian, eines weltweit führenden Anbieters in der Diagnose und Behandlung von Krebs. 16 Milliarden Dollar haben die Münchener auf den Tisch gelegt und die Akquisition zum guten Teil fremdfinanziert.

Weitere solcher Schritte wird Siemens erst mal nicht angehen können. Nach Einschätzung von Ratingagenturen ist der Spielraum für größere Akquisitionen in den nächsten Jahren eingeschränkt. Beim Blick auf die flüssigen Mittel muss sich Siemens keine Sorgen machen: Der Konzern verfügt über ein weiter gestiegenes Liquiditätspolster von 15,3 Milliarden Euro aus Zahlungsmitteln und -äquivalenten. Damit wäre der Konzern selbst für eine neu entflammende Krise gut gerüstet.

6. Konkurrenzvergleich: Wettbewerber sind härter betroffen

Auf der Habenseite kann Siemens zudem verbuchen, dass Konkurrenten 2020 schlechter abschnitten. Wobei der direkte Vergleich nach der Siemens-Neuausrichtung mit alten Rivalen wie General Electric und ABB schwieriger wird.

Beim Schweizer Konkurrenten ABB sank der Umsatz in den ersten neun Monaten 2020 um zehn Prozent, der operative Gewinn war 13 Prozent niedriger. Bei GE brachen die Umsätze in den ersten neun Monaten um 16 Prozent ein, der Gewinn im Industriegeschäft war um mehr als die Hälfte niedriger.

An dem einstigen Vorbild GE orientieren sie sich in München aber kaum noch. Wichtiger ist der Vergleich mit fokussierten Wettbewerbern in den Geschäftsbereichen. So verbuchte der US-Automatisierungsspezialist Rockwell, auf den die Siemens-Manager sehr genau schauen, 2019/20 (30. September) einen Umsatzrückgang um sechs Prozent und einen um 15 Prozent niedrigeren operativen Gewinn. Die Amerikaner entwickelten sich zumindest bei der Rendite schlechter als die Siemens-Sparte Digital Industries.

7. Ausblick: Herausforderung für Kaesers Nachfolger

Insgesamt übernimmt der neue CEO Roland Busch ein gut bestelltes Haus. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Siemens ein moderates Umsatzwachstum. Der Auftragseingang soll höher ausfallen als der Umsatz. Auch der Gewinn nach Steuern von zuletzt 4,2 Milliarden Euro soll moderat zulegen. Nach dem starken Start überprüft der Konzern die Prognosen.

Dennoch wird die Nachfolge für Busch herausfordernd, vor allem, wenn er an der Aktienkursentwicklung in der Ära Kaeser gemessen wird. Im Kalenderjahr 2020 betrug das Kursplus trotz Corona – einschließlich des Siemens-Energy-Effekts – rund zwölf Prozent. Von Ende Januar 2020 bis heute sind es sogar 26 Prozent.

Union-Fondsmanagerin Diehl spricht von einer „herausragenden“ Wertentwicklung. „Mit der Aufspaltung von Siemens hat Herr Kaeser nicht nur geliefert, was er selbst versprochen hat, sondern auch umgesetzt, was der Kapitalmarkt von ihm erwartet hat.“