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Wie ein Großmarkt bei Paris der Coronakrise trotzt

Hanke, Thomas
·Lesedauer: 6 Min.

Frankreich wird von der härtesten Rezession der Nachkriegszeit gebeutelt. Doch im Süden von Paris freut sich der Großmarkt von Rungis auch 2020 über gute Geschäfte.

Das Coronavirus hat ganz Frankreich wirtschaftlich in die Knie gezwungen. Ganz Frankreich? Ein kleines Gebiet südlich von Paris leistet Widerstand gegen die Covid-Krise. Rungis, der größte Markt für Frischprodukte der Welt, hat dem Virus im wahrsten Sinn des Wortes den Mund gestopft. Die Händler haben entweder nur geringe Einbußen erlitten oder ihren Umsatz sogar gesteigert. Ob Fisch-, Gemüse- Käse- oder Fleischhändler: Rückschläge haben die wenigsten erlitten.

Rungis ist ein Sonderfall. Aber kein marginaler: Zehn Milliarden Euro werden auf dem „Marché international du frais“ jährlich umgesetzt. Es gibt sie also, die Biotope, die selbst in der härtesten Depression der Nachkriegszeit den Kopf über Wasser halten. „Unsere Händler dachten: Oh je, wir haben zu viel Stopfleber, Rinderhälften oder Käse geordert, aber dann kommt ein Wunder namens Weihnachten, und die Rechnung geht doch auf“, stellt Stéphane Layani befriedigt fest.

Der Mann mit dem schlohweißen Haarschopf ist Präsident von Rungis. Aber so, wie er an diesem Morgen zwischen den Ständen herumwuselt, schon um fünf Uhr die ersten Austern mit Weißwein genießt und Geoffroy Roux de Bézieux, den Chef des Unternehmerverbandes Medef wortreich mit den Händlern ins Gespräch bringt, wirkt er eher wie ein Showmaster. Roux de Bézieux will sich vor Ort ein Bild machen. Er ist Kurzarbeit, Pleiten und Überbrückungshilfen gewohnt und kommt angesichts der prallen Aktivität aus dem Staunen kaum heraus.

Die Marktgesellschaft stellt den 1200 selbstständigen Unternehmen, die hier aktiv sind, die Infrastruktur zur Verfügung, inklusive einer Plattform für den Onlinehandel. Seit 1969 arbeitet der Großmarkt von Paris, der seit dem Mittelalter im Stadtzentrum angesiedelt war, in der Nähe des Flughafens von Orly. Mit dem Umzug expandierte die Fläche stark, heute hat sie die Ausmaße einer Kleinstadt. Die auf Straßenschildern ausgewiesenen Stadtteile haben hier keine historischen Namen, sondern heißen „Fleisch“, „Obst und Gemüse“, „ La Marée“ oder „Blumen“.

„Wir sind flächenmäßig größer als das Fürstentum Monaco“, sagt Bérengère Banquey, Mitglied der Geschäftsführung von Rungis. Man findet auf dem eingezäunten Gelände Hotels und Restaurants, Auto- und Lkw-Verleihe, Tankstellen und Polizeibüros. Das Gelände ist fast völlig ausgelastet: „97 Prozent der für die Händler verfügbaren Fläche sind derzeit belegt“, erläutert Banquey. Einkaufen darf nur, wer als Einzelhändler oder Gastronom eine Kundenkarte erhält.

Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Umschlagplatzes für alles Essbare?

Francis Fauchère, Chef des Fleischhändlers Eurodis, hat zwei Erklärungen. Die erste bezeichnet er als Teil seines Geschäftsmodells: „Wir bieten nur Qualität und gehen nicht in einen gnadenlosen Preiswettbewerb, unter dem die Landwirte leiden: Sie können mir sagen das sei eine Utopie, aber dann ist es eine, die seit 25 Jahren funktioniert und auch jetzt in der Krise.“ Mit seinen rosigen Pausbacken und den fleischigen Ohren, die vom Gummi der Maske weit nach vorne gezogen werden, wirkt der Franzose wie der beste Kunde seines Geschäfts.

Während Medef-Chef Roux de Bézieux für die Fotografen einen großen Kapaun auf den Arm nimmt, nennt Fauchère seinen zweiten Grund. Der hängt paradoxerweise mit den Lockdowns zusammen, die Frankreichs Regierung im Frühjahr und Herbst verhängte. Viele Branchen haben sie an den Rand des Ruins getrieben, nicht so die Händler von Rungis: „Die Leute waren zu Hause eingesperrt, das einzige Vergnügen, das sie hatten, war Einkaufen und Kochen.“ Die Restaurants waren geschlossen, da hätten viele wieder angefangen, selbst zu kochen und sich bei traditionellen Einzelhändlern zu versorgen.

Das bestätigen auch Fauchères Kollegen in anderen Hallen. Jean-Pierre Blanc zum Beispiel, Geschäftsführer des gleichnamigen Meeresfrüchte-Spezialisten. In der Halle für Fisch und Schalentiere geht das Geschäft bereits um zwei Uhr nachts los, gegen fünf ist der mit Wasserlachen und Eisstücken übersäte Boden nur noch zur Hälfte mit Styropor-Kisten bedeckt. Darin aber findet sich noch alles, was das Herz eines Gourmets höherschlagen lässt: Steinbutt, Seeteufel, Steinköhler, Gambas und kleine Langusten, Jakobs-, Pilger- Pfahl- und Miesmuscheln und vor allem: Austern in jeder Größe und aus jedem Gebiet Frankreichs.

„Was die Gastronomie weniger geordert hat, das haben Einzelhandel und Export mehr abgenommen, insgesamt hat das unseren Absatz nach oben gezogen“, sagt Blanc zufrieden, während er eine Auster aus Marennes mit dem Messer aufhebelt, das Innere von der Schale löst und zum Probieren anbietet. Austern um fünf Uhr auf leeren Magen? Jetzt nicht kneifen! Der Mut wird belohnt: Sie schmeckt wie Meer mit Atlantikbriese, mineralisch, nicht milchig-labberig. „Wir können uns nicht beschweren“, fügt Blanc hinzu. Für einen Händler ist das schon fast exaltiert.

Auf der Suche nach dem Erfolgsrezept von Rungis stoßen wir auf Monsieur Chireau, „in vierter Generation Geflügelhändler auf den Wochenmärkten von Paris“, so stellt er sich vor, während er sich mit frischer Ware eindeckt. Für ihn hat die Coronakrise die Menschen verändert: „Die Leute sind zu den einfachen Dingen zurückgekehrt, haben gemerkt, dass es wichtig ist, etwas auf dem Teller zu haben, und dass der kleine Händler von nebenan für sie da ist, auch während der Epidemie, nicht teurer, aber vielleicht besser als die riesigen Supermärkte, in denen die Ansteckungsgefahr größer ist.“

Während er seinen Einkauf fortsetzt, erläutert er, warum der individuelle Händler seiner Ansicht nach im Aufwind ist: „Wir sprechen noch mit den Kunden, sagen ihnen, wo unsere Produkt herkommen, bei uns stehen sie nicht vor einer Maschine, die Barcodes einscannt, sondern vor Menschen, die sie beraten.“

Rungis-Chef Layani bestätigt: „Die Händler um die Ecke haben enorm an Marktanteilen zugelegt, sie spielen ihre Vorteile aus.“ Und die seien eben Nähe und Beratung. Der Großmarkt von Rungis profitiere jetzt davon, dass „wir fast keine Convenience-Fertigware anbieten, sondern gehobene Qualität. Die industrielle Landwirtschaft zählt nicht zu unseren Lieferanten.“ Auch veränderte Verbrauchsgewohnheiten wie der Verzicht auf Fleisch setzten dem eigenen Geschäft nicht zu: „Die Menge geht leicht zurück, der Umsatz steigt jedes Jahr um drei bis vier Prozent.“

Ist Rungis also eine Insel der Glücklichen im Meer der Corona-Epidemie? Nicht ganz, wenn man sich die Arbeitsbedingungen ansieht. Dicht an dicht stehen die Arbeiter, die 50 Kilogramm schwere Fleischstücke bei Temperaturen knapp über null Grad in die Lieferwagen wuchten oder Paletten mit Gemüse in hohem Tempo durch die Hallen zerren. Distanz wird hier kaum gewahrt. Der Großmarkt von Paris war stets der Ort, an dem arme Zuwanderer, die keine andere Chance hatten, einen Job fanden. Heute sind es vor allem Schwarze und Maghrebiner, sieht man einen Weißen, ist er in der Regel der Chef.

Obwohl sie sich 2020 gut geschlagen haben, setzt auch den Rungis-Händlern ein Problem zu. „Unser wichtigster Kunde ist dummerweise Großbritannien, und wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen der Warenverkehr mit der Insel ab Januar laufen wird“, sorgt sich Layani. Was passiert nach dem Brexit? Da kann dem Rungis-Chef im Moment niemand eine Auskunft geben. Die überraschende Blockade der Insel Anfang der Woche ist ein böses Omen.