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ROUNDUP 2: ProSiebenSat.1 kürzt nach Gewinneinbruch Dividende - Kursrutsch

(neu: weitere Aussagen zu Gewinnentwicklung 2023, Jochen Schweizer, aktualisierte Kursreaktion)

UNTERFÖHRING (dpa-AFX) - Der Medienkonzern ProSiebenSat.1 DE000PSM7770 streicht nach einem Gewinneinbruch im abgelaufenen Jahr die Dividende drastisch zusammen. Statt Profite im großen Stil an die Aktionäre zu verteilen, will Vorstandschef Bert Habets lieber Geld in das laufende Geschäft investieren und die Schulden im Griff halten. So erwartet der Vorstand für 2023 im Tagesgeschäft einen weiteren Gewinnrückgang. Und zum 1. Mai bekommt der Konzern mit dem bisherigen United-Internet-Manager Martin Mildner nach gut einem Jahr schon wieder einen neuen Finanzchef. An der Börse wurden die Nachrichten mit einem Kursrutsch quittiert.

Die ProSiebenSat.1-Aktie sackte am Freitagmorgen zeitweise um fast 19 Prozent ab. Am Nachmittag lag das Papier zuletzt noch mit mehr als 16 Prozent im Minus bei 8,18 Euro und war damit immer größter Verlierer im MDax DE0008467416, dem Index der mittelgroßen Werte. Die bisherigen Kursgewinne seit dem Jahreswechsel wurden damit mehr als aufgezehrt.

Analysten hatten zwar mit einer sinkenden Dividende gerechnet. Doch das tatsächliche Ausmaß der Kürzung hatten sie nicht auf dem Zettel. So will das Management für das abgelaufene Jahr nur noch 5 Cent je Aktie ausschütten, nachdem die Anteilseigner ein Jahr zuvor noch 80 Cent erhalten hatten. Analysten hatten diesmal im Schnitt immerhin 66 Cent erwartet. Nach Ansicht eines Aktienhändlers zerstört der Medienkonzern damit seinen Ruf als Dividendenbringer, denn die Dividendenrendite sinke von 6,8 Prozent auf fast null.

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Vorstandschef Habets begründete die Kürzung mit einer veränderten Dividendenpolitik. Der Konzern bringe die Erwartungen der Anteilseigner "in Einklang mit angemessenen Bilanz-Relationen und finanziellem Spielraum für notwendige Investitionen in unser Geschäft". Künftig will die Gesellschaft 25 bis 50 Prozent des bereinigten Jahresüberschusses an die Aktionäre ausschütten. Damit wird die bislang gewohnte Quote zur Obergrenze.

Wie viel Geld die Anteilseigner künftig erhalten, will der Vorstand auch von den Schulden des Konzerns abhängig machen. So soll die Verschuldung zum Jahresende zwar generell weiterhin das 1,5- bis 2,5-Fache des bereinigten operativen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (bereinigtes Ebitda) ausmachen. Doch Ende vergangenen Jahres lag der Verschuldungsgrad bereits beim 2,4-Fachen. Und für Ende 2023 geht das Management von einem Anstieg auf das 2,5- bis 3-Fache aus, sofern der Konzern die Mitte seiner Gewinnprognose im laufenden Geschäft erreicht.

Im vergangenen Jahr bekam ProSiebenSat.1 die verschlechterte Konsumlaune der Verbraucher infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und der hohen Inflation deutlich zu spüren. Weil viele Unternehmen ihre Ausgaben für Werbung kürzten, sank der Umsatz des Medienkonzerns um fast siebeneinhalb Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro. Der um Sonderposten bereinigte operative Gewinn (Ebitda) brach um knapp ein Fünftel auf 678 Millionen Euro ein. Der für die Dividende maßgebliche bereinigte Überschuss gab um mehr als 17 Prozent auf 301 Millionen Euro nach.

Der tatsächlich auf die Aktionäre entfallende Nettogewinn brach infolge von Abschreibungen auf Firmenbeteiligungen sogar von 456 Millionen Euro im Vorjahr auf nur noch 5 Millionen Euro ein.

Und die Aussichten bleiben vorerst trübe. Nach Einschätzung des Managements dürften die Verbraucher in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Region) 2023 wegen der hohen Inflation insbesondere in der ersten Jahreshälfte weiterhin stark aufs Geld schauen. Die schwierige Wirtschaftslage dürfte somit auch auf die Werbeeinnahmen drücken. Für die zweite Jahreshälfte geht der Vorstand von einer Erholung aus.

Für das Gesamtjahr rechnet die Konzernspitze mit einem Umsatz von 3,95 bis 4,25 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2022 ist damit sowohl ein Anstieg als auch ein Rückgang denkbar. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen dürfte der Prognose zufolge auf jeden Fall weiter sinken - und zwar auf 550 bis 650 Millionen Euro. Der um Sonderfaktoren bereinigte Gewinn dürfte "in einem mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag unter dem Vorjahresniveau" liegen.

Zudem befürchtet Vorstandschef Habets noch erhebliche finanzielle Belastungen aus den behördlichen Untersuchungen der Vorgänge beim Tochterunternehmen Jochen Schweizer mydays. Die Staatsanwaltschaft München habe einen Beobachtungsvorgang eingeleitet. Eine interne Untersuchung durch eine Rechtsanwaltskanzlei laufe "mit dem Ziel, etwaiges Fehlverhalten aufzuklären", teilte ProSiebenSat.1 mit. Der Erlebnisanbieter Jochen Schweizer mydays habe sein Angebot inzwischen angepasst, um Bedenken der Finanzaufsicht auszuräumen. Es ging dabei um die Verbuchung von Gutscheinen.

ProSiebenSat.1 hatte wegen der bei Jochen Schweizer aufgetauchten Fragen die Vorlage der Bilanz bereits um zwei Monate verschieben müssen. Die Zahlen für das erste Quartal 2023 sollen erst Ende Mai folgen, die Hauptversammlung wurde auf den 30. Juni verlegt.

Überwachen und managen soll die Konzernfinanzen künftig Martin Mildner. Der 53-Jährige löst zum 1. Mai Ralf Gierig ab. Mildner war zuletzt Finanzchef von United Internet DE0005089031 (1&1, GMX, Web.de) und hatte das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur Ende März auf eigenen Wunsch verlassen.

Der bisherige ProSiebenSat.1-Finanzchef Gierig hat sein Amt laut einer Mitteilung des Konzerns "in gegenseitigem Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat niedergelegt". Aufsichtsratschef Andreas Wiele und Vorstandschef Habets dankten dem 57-jährigen Gierig für seinen Einsatz für ProSiebenSat.1. in mehr als 20 Jahren. Gierig hatte den Vorstandsposten erst Anfang vergangenen Jahres übernommen.