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Razzia in der Fleischindustrie: Beschuldigte waren auch für Tönnies tätig

·Lesedauer: 3 Min.

Ein Firmen-Konglomerat soll Leiharbeiter illegal nach Deutschland geschleust haben. Die Beschuldigten vermittelten auch dem Schlachtkonzern Tönnies Arbeiter.

820 Behörden waren bei der Großaktion gegen illegale Leiharbeit im Einsatz. Foto: dpa
820 Behörden waren bei der Großaktion gegen illegale Leiharbeit im Einsatz. Foto: dpa

Fast zwei Wochen herrschte Funkstille auf dem Twitter-Account „Tönnies Dialog“, am Mittwoch setzte der Fleischkonzern gleich zwei Postings ab. Der eine bezog sich auf die Mitarbeiter, die Tönnies aufgrund des geplanten Verbots von Werkvertrags- und Leiharbeit in der Fleischbranche künftig direkt einstellen muss. Der andere war eine Stellungnahme zur Großrazzia in der Fleischindustrie. „Wir haben keine Infos, ob und wenn ja in welchem Maße unsere Dienstleister betroffen sind“, hieß es darin.

Wenige Stunden später war klar: Die Ermittlungen wegen Urkundenfälschung sowie der banden- und gewerbsmäßigen Einschleusung richten sich vor allem gegen die Berkana GmbH, die auch für Tönnies tätig ist. Sie hat ihren Sitz im niedersächsischen Twist. Der Geschäftsführer wohnt in Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Dort liegt auch der zweitgrößte Tönnies-Standort, den Berkana mit Arbeitskräften versorgte. Dabei sei es um „einige Dutzend“ Beschäftigte gegangen, wie ein Sprecher dem Handelsblatt bestätigte.

Berkana ist ins Visier der Ermittler geraten, weil es genauso wie die deutsch-polnische IRC Menschen aus Osteuropa mit gefälschten Dokumenten nach Deutschland geschleust haben soll. Die Firmen hätten zwar unabhängig voneinander, aber nach dem selben Muster agiert, sagt die Polizei. Am Mittwoch schlugen die Behörden zu: 820 Ermittler durchsuchten mehr als 60 Wohn- und Geschäftsräume in fünf Bundesländern. Die Razzia wurde monatelang geplant.

Die Ermittler beschlagnahmten Datenträger, Geschäftsunterlagen und Vermögenswerte in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Darunter befinden sich laut einem Sprecher der Bundespolizei mehrere Immobilien im Raum Niedersachen und in der Umgebung von Weißenfels. „Dabei handelt es sich nicht um Schrottimmobilien, die Gebäude dürften jeweils über 100.000 Euro wert sein“, so ein Polizeisprecher.

Außerdem wurden die Konten der Firmen Berkana und ICR eingefroren. Die Firma Certus GmbH, die in diesem Zusammenhang ebenfalls als verdächtige Firma genannt wird, gehört offenbar zu einem Firmen-Konglomerat des Unternehmens Berkana. Tönnies betonte, dass es bisher keinen Hinweis gebe, dass die am Konzernstandort in Weißenfels eingesetzten Mitarbeiter illegal eingeschleust wurden.

Das Handelsblatt wollte wissen, welche Konsequenzen Tönnies aus dem Fall Berkana zieht. Der Schlachtkonzern teilte mit, dass für Dienstleister grundsätzlich die Regel gelte, dass sie die „Beschäftigten im deutschen Arbeits- und Sozialrecht anmelden müssen“. Die Personaldaten müssten bei dem zuständigen Einwohnermeldeamt gemeldet werden, zusätzlich überprüfe Tönnies die Informationen.

Die Ermittlungen in den Fällen Berkana und IRC richten sich gegen zehn Hauptbeschuldigte im Alter von 41 bis 56 Jahren. Sechs konnten bisher vernommen werden. Wo sich die anderen vier aufhalten, ist der Polizei offenbar nicht bekannt. Sie werden auch in ihren Heimatländern, Polen und der Ukraine vermutet. Haftbefehle habe man gleichwohl nicht beantragt, so ein Polizeisprecher. Es sei zunächst darum gegangen, die Firmenstrukturen zu zerstören. Das sei durch die Vermögensbeschlagnahme gelungen.

Die Strategie der Polizei folgt damit einem Plan, der auch im Falle von Geldwäsche oder bei Drogengeschäften immer häufiger zum Einsatz kommt. Danach versuchen die Ermittler, vor allem die finanziellen Strukturen der mutmaßlichen Täter zu zerstören. Auf diese Weise wollen die Ermittler den Geschäften ihre Grundlage entziehen.

Dies hat eine gesetzliche Änderung möglich gemacht. Mutmaßliche Täter müssen etwa bei Geldwäschedelikten nun ihrerseits belegen, woher beispielweise das Geld für ihre Immobilien stammt.