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"Plötzlich waren wir nur die Russenbude": Wie die EU-Sanktionen einer Leipziger Oligarchen-Airline zum Verhängnis wurden

Dem russischen Oligarchen Alexey Isaikin gehörte die Fracht-Airline - Copyright: picture alliance / dpa | Lystseva Marina; picture alliance / NurPhoto | MI News; 	07_av
Dem russischen Oligarchen Alexey Isaikin gehörte die Fracht-Airline - Copyright: picture alliance / dpa | Lystseva Marina; picture alliance / NurPhoto | MI News; 07_av

"Wir haben drei Monate lang jeden Tag bis spät in die Nacht dafür gekämpft, dieses Unternehmen und die rund 100 Arbeitsplätze noch zu retten", sagt Anna Wilke, die mit ihrem Chef Lukas Flöther das Insolvenzverfahren der Leipziger Frachtairline Cargologic Germany (CLG) übernahm. Und das nicht etwa, weil das Geschäft der Airline schlecht lief: Mit seinen vier geleasten Flugzeugen des Modells 737 verdiente das Unternehmen bis zu 5000 Euro pro Stunde – bei bis zu 60 Frachtflügen pro Woche. Das Insolvenzverfahren wurde eingeleitet, weil die Maschinen von Cargologic Germany ab dem 11. März nicht mehr abheben durften.

Der Grund: ein Flugverbot der EU-Kommission für Airlines unter russischer Kontrolle. Anlass war der russische Angriff auf die Ukraine nur zwei Wochen vorher. Die Entscheidung der Kommision hatte auch direkten Einfluss auf das Geschäft von CLG. Denn das Unternehmen gehörte dem Oligarchen Alexey Isaikin. Der besitzt zwar einen zypriotischen Pass, aber eben auch einen russischen. "Von einem auf den anderen Tag konnte CLG plötzlich kein Geld mehr verdienen", erzählt heute Geschäftsführer Dierk Näther. "Plötzlich waren die russischen Sanktionen nicht mehr länger nur ein Problem Putins, sondern auch für die rund 100 Cargologic-Mitarbeiter, die um ihre Arbeitsplätze fürchten mussten. Ihnen drohte das Aus", sagt Näther.

Für die Frachtairline Cargologic, die sich mit Sitz am Flughafen Leipzig/Halle bisher als deutsches Unternehmen verstand, begann damit ein Wettlauf gegen die Zeit und das schwindende Budget. Bis zuletzt verhandelten die Insolvenzverwalter Flöther und Wilke mit dem Bundesverkehrsministerium, möglichen Investoren – und dem Oligarchen selbst.

Am 11. März meldet sich das Luftfahrtbundesamt mit einem Flugverbot für Cargologic

"Wir hatten damals die Hoffnung, dass die Sanktionierung ein juristisches Missverständnis ist und wir das rechtlich innerhalb weniger Tage regeln können", sagt Näther. Noch kurz zuvor habe er in einem Telefonat mit einem Journalisten betont: "Wir fliegen weiter und sehen überhaupt keine Probleme", so erzählt er es. Schließlich sei Cargologic auch auf Grundlage des zypriotischen Passes von Isaikin ein europäisches Luftverkehrstreiberzeugnis (im Flugfachsprache Air Operator Certificate, kurz AOC) für die Airline ausgestellt worden.

Der ehemalige Geschäftsführer der Frachtairline Cargologic Germany, Dierk Näther. - Copyright: Privat
Der ehemalige Geschäftsführer der Frachtairline Cargologic Germany, Dierk Näther. - Copyright: Privat

Doch die EU-Kommission sieht das eben anders: Zwar ist Alexey Isaikin als Person nicht sanktioniert. Doch weil er einen russischen Pass hat und ihm CLG gehörte, galt das Verbot auch für das Leipziger Unternehmen. Es durfte weder die Europäische Union überfliegen noch in ihr starten oder landen.

Die Verbindungen des ehemaligen CLG-Eigentümers Alexey Isaikin reichten bis in die deutsche Politik

Dabei ist Oligarch Isaikin keineswegs unbekannt: Mit einem Vermögen von 800 Millionen Dollar stand er 2019 auf Platz 128 der Forbes-Liste der 200 reichsten Russen. Seine Karriere begann in der Sowjet-Armee, wo er bis zum Oberst aufstieg. Später koordinierte er in der Großstadt Uljanowks unter anderem die staatlichen Aufträge der größten, russischen Antonow-Frachtflieger. Als das Sowjetreich zusammenbrach, setzte ihn die Moskauer Regierung schließlich als Vorstandsvorsitzenden der neu gegründeten Frachtfluggesellschaft Volga-Dnepr ein und ließ ihn die Mehrheitsanteile erwerben. Inzwischen ist es die größte russische Frachtfluglinie.

Um Volga-Dnepr baute sich Isaikin schließlich ein weitverzweigtes Luftfahrtimperium auf, zu dem unter anderem die Airbridge Cargo, die Tochtergesellschaft Atran Airlines, aber auch die britische Cargo-Logic Holding mit der hundertprozentigen Leipziger Tochter Cargologic gehörte.

Die Verbindungen des Unternehmensgeflechts reichten bis in die politischen Kreise Deutschlands: 2020 saß Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) im Aufsichtsrat der russischen Fracht-Airline Volga-Dnepr. Laut einer kleinen Anfrage der Grünen aus dem Jahr 2019 lobbyierte er in dieser Funktion auch für den Verbleib der Frachtfluglinie am Leipziger Flughafen, bat um Unterstützung für den Flughafen, und zwar in einem Brief an Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Tillich ehrte außerdem den russischen Präsidenten Wladimir Putin 2009 in Dresden mit dem "Sächsischen Dankesorden".

Bei Cargologic intern hingegen, so erzählen es der Ex-Betriebsleiter Thomas Beschle und Geschäftsführer Näther, habe sich der Ex-Eigentümer von Volga-Dnepr Isaikin nie politisch positioniert: "In unserer Zusammenarbeit ging es um rein unternehmerische Fragen", behauptet Näther. Sein Eindruck sei, dass Isaikin versucht habe, sich aus allen politischen Dingen weitestgehend herauszuhalten. Einen Eindruck, den auch Betriebsleiter Beschle teilt: "Uns war es beispielsweise verboten, grüne Kisten zu fliegen", sagt er. Also alles, was mit Militärmaterial zu tun gehabt hätte oder so ausgelegt werden hätte können, durfte nicht als Auftrag angenommen werden.

CLG-Chef Dierk Näther: "Niemand fühlte sich so richtig zuständig für uns"

Doch zurück zur Leipziger Frachtairline Cargologic. Wie ungewöhnlich der Sanktionsfall des Unternehmens mit Sitz in Deutschland war, zeigte zunächst auch die Reaktion der Behörden, als es darum ging, ob das Flugverbot wirklich Bestand habe: "Niemand fühlte sich so richtig zuständig für uns", erzählt Näther, der viele Jahre selbst den Leipziger Flughafen leitete. Das Luftfahrtbundesamt habe mit dem Finger nach oben gezeigt, in Richtung Verkehrsministerium. Das Verkehrsministerium habe wiederum gesagt, dass die EU-Kommission zuständig sei.

Bis heute ärgert sich ein leitender Mitarbeiter, der lieber anonym bleiben möchte, über dieses Hin und Her: Noch 2020 habe CLG in der Corona-Pandemie Flugzeuge bereitgestellt, um mit einer Luftbrücke Masken aus China zu holen, erzählt er. Auch Deutschland habe davon profitiert. "Auf der einen Seite waren wir einen anerkanntes, deutsches Unternehmen, solange wir Steuern gezahlt oder in der Pandemie Masken geliefert haben", erklärt der Mitarbeiter, "aber mit dem Ukraine-Krieg und den Sanktionen gegen Russland, war es egal, dass 100 Arbeitsplätze wegbrechen. Plötzlich waren wir nur die Russenbude." Seitens der EU-Kommission und der Behörden habe man alles über einen Kamm geschoren, obwohl CLG die Nachweise erbracht habe, dass es sich um ein deutsches Unternehmen in europäischer Hand handele, findet der leitende Mitarbeiter der Frachtairline.

Viele andere seiner Kollegen, so erzählt es der Mitarbeiter, hätten deshalb am liebsten persönlich den zuständigen Behörden geschrieben, um sich zu beschweren.

Insolvenzverwalterin Anna Wilke: "Das größte Ziel war es, das Flugverbot für die CLG aufzuheben"

Im Mai - knapp zwei Monate, nachdem Geschäftsführer Näther das Schreiben des Luftfahrtbundesamtes erreicht hatte - bestellte das Insolvenzgericht Leipzig schließlich Lukas Flöther als vorläufigen Verwalter für Cargologic. Seine Kollegin Anna Wilke begann von da an den Prozess vor Ort am Leipziger Flughafen zu begleiten. Für die Rettung von CLG bedeutete das zunächst eine neue Chance.

Rechtsanwältin Anna Wilke begleitete das Insolvenzverfahren der Cargologic. - Copyright: privat
Rechtsanwältin Anna Wilke begleitete das Insolvenzverfahren der Cargologic. - Copyright: privat

"Das größte Ziel war es, das Flugverbot für die CLG aufzuheben", erzählt Wilke. Denn wenn die Flugzeuge länger am Boden bleiben, drohte der Airline der Verlust des AOC und damit eines ihrer wertvollsten Vermögenswerte.

Wilke und Flöther suchten deshalb umgehend den Kontakt zum Verkehrsministerium. Den Beamten erklärten sie, dass Lucas Flöther als vorläufiger Insolvenzverwalter und Deutscher offiziell die Kontrolle über die Vermögenswerte des Unternehmens übernehme. Und das hieße: Rechtlich unterläge die CLG nicht mehr länger der Kontrolle von Alexey Isaikin – russischer Pass hin oder her. "Dadurch", so Wilke, "wäre der Grund für eine Fortsetzung der Sanktionen entfallen." CLG hätte weiterfliegen können, das AOC wäre gerettet gewesen. Parallel habe man angefangen, einen neuen Investor für die Frachtairline zu suchen.

Doch Alexey Isaikin hatte plötzlich andere Pläne. Er installierte eine andere Geschäftsführerin, die den Insolvenzantrag wieder zurücknehmen sollte. Wilke erfuhr davon erst spät abends in einer Mail. "Das kostete uns in den Verhandlungen mit dem Ministerium mindestens drei Wochen", erinnert sich die Rechtsanwältin. Denn auf dieser Grundlage hätten sie nicht glaubhaft machen können, dass die CLG tatsächlich frei von russischer Kontrolle sei. "Zeitgleich mussten wir Herrn Isaikin klarmachen, dass seine Firma nur ohne ihn eine Überlebenschance hat", erzählt Wilke. Doch nach langen Gesprächen mit dem Oligarchen zog sich Isaikin komplett aus der CLG zurück. Auch sein Unternehmen Volga-Dnepr übergab er später an die Leitung seines Management-Teams.

Ende Juli fällt Cargologic Germany offiziell nicht mehr unter das Flugverbot

Das Verkehrsministerium folgte schließlich der Argumentation Flöthers und seines Teams. In einem Schreiben Ende Juli bestätigten sie der Insolvenzverwaltung, dass das Flugverbot nicht mehr für Cargologic gelte. Die Frachtflug-Airline und die rund 100 Arbeitsplätze rettete das trotzdem nicht.

Denn bis dahin waren alle Interessenten - Käufer wie Investoren - abgesprungen. "Die Situation ist zu unsicher für sie gewesen", sagt Wilke. Auch weil der Investor erstmal Kosten in Höhe von rund sechs Millionen Euro hätte übernehmen müssen, bevor die Airline Geld eingebracht hätte. Für Wilke hängt die missglückte Rettung deshalb auch an der fehlenden Zeit: Die CLG hätte einfach schneller wieder fliegen können müssen. Dann, so glaubt Wilke, hätten sie das Unternehmen viel besser auf dem Markt platzieren können. Immerhin, so schätzt der Ex-Betriebsleiter Thomas Beschle, hätten von den etwa 50 Piloten der rund 100 Mitarbeitenden inzwischen ein Großteil neue Jobs.

Geschäftsführer Näther treibt die Frage der Sanktionen trotzdem noch um. Es ginge ihm nicht darum, diese moralisch infrage zu stellen, sagt er. Diese würden alle bei Cargologic mittragen. "Aber", so Näthers Überlegung, "wischt man Herrn Putin tatsächlich eins aus, wenn man in diesem Umfang deutsche Arbeitsplätze wegbrechen lässt? Oder zahlt Deutschland am Ende selbst den Preis, wenn Menschen hier ihre Existenz verlieren?". Denn verdient hätte Alexey Isaikin bislang noch nichts mit der Cargologic-Airline. Die Profitabilität hätte sich frühestens im kommenden Jahr eingestellt.