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Die Piraten sind zurück

Goebel, Jacqueline
·Lesedauer: 5 Min.

Die Zahl der Piratenattacken steigt, warnt Deutschlands größte Reederei Hapag-Lloyd. Häufig nehmen die Banden Seeleute als Geiseln. Die Reeder sehen sich am Rand ihrer Möglichkeiten – und fordern Hilfe von der Politik.

Ein Pirat posiert vor einem Schiff in Somalia. Dort ist die Zahl der Piratenangriffe mittlerweile gesunken. Doch nun melden Reedereien vermehrt Angriffe im Golf von Guinea vor Westafrika. Foto: dpa Picture-Alliance
Ein Pirat posiert vor einem Schiff in Somalia. Dort ist die Zahl der Piratenangriffe mittlerweile gesunken. Doch nun melden Reedereien vermehrt Angriffe im Golf von Guinea vor Westafrika. Foto: dpa Picture-Alliance

Der Golf von Guinea ist ein gefährliches Gewässer. In der Kolonialzeit durchquerten Schiffe den Atlantischen Ozean vor Westafrika, um hier mit Elfenbein, Gold oder Sklaven zu handeln. Heute legen die Schiffe in Nigeria oder Kamerun an, um Container mit Waren zu bringen oder Öl zu exportieren. Nur birgt das Geschäft ein wachsendes Risiko: Piraten. Nirgendwo gab es zuletzt so viele Angriffe auf Handelsschiffe wie im Golf von Guinea.

„Das ist für uns auch ein Problem“, sagt Rolf Habben Jansen, Chef von Deutschlands größter Reederei Hapag-Lloyd im WirtschaftsWoche-Podcast Chefgespräch. „Die Anzahl der Fälle, die es dieses Jahr gab, ist deutlich höher als die Zahl der Fälle, die es noch vor ein bis zwei Jahren gab.“

Das bestätigt auch das Internationale Schifffahrtsbüro IMB. Es verzeichnet für das vergangene Jahr 195 Piratenangriffe – im Vorjahr waren es 162 Attacken. Manchmal sind es nur Diebe, die an Bord gelangen, greifen, was sie greifen können und wieder verschwinden. Andere Überfälle enden tödlich für die Crewmitglieder. „Wir sind da nicht immun“, warnt Habben Jansen von Hapag-Lloyd.

Tatsächlich ist die deutsche Reederei erst in den vergangenen Wochen Opfer von Piratenattacken geworden. So gab es im Januar einen Angriff in Kolumbien: Als das Frachtschiff „Düsseldorf Express“ vor dem Hafen von Cartagena lag, näherte sich dort nachts ein Schlauchboot. Die Besatzung entdeckte es, verständigte die Küstenwache und versteckte sich im Schutzraum. Kurze Zeit später stürmte die kolumbianische Küstenwache das Schiff und nahm fünf Eindringlinge fest. Die Ermittler fanden später an Bord 21 Säcke mit Kokain im Wert von 60 Millionen Euro – anscheinend wollten die Eindringlinge die Drogen an Bord verstecken und später in Europa wieder von Bord holen.

Wesentlich mehr Sorgen machen den Reedereien Angriffe wie zuletzt auf die „MV Mozart“. Das Schiff gehört der Charterreederei Borealis Maritime und war für Hapag-Lloyd auf dem Weg von Nigeria nach Südafrika, als es vor der Insel Sao Tome von bewaffneten Piraten angegriffen wurde. Zwar hatte sich die Besatzung des Containerschiffs in einen Sicherheitsraum unter Deck geflüchtet. Doch die Piraten sprengten den Raum auf und töteten einen Seemann. Die Piraten nahmen 15 Besatzungsmitglieder als Geiseln. Diese seien unverletzt, um die Freilassung fänden Verhandlungen statt, berichtet der Schiffsdienst „G-Captain“ unter Berufung auf Borealis. „In dieser traurigen Zeit sind unsere Gedanken und Gebete bei allen Crewmitgliedern und ihren Familien“, schrieb die Reederei.

Rolf Habben Jansen will sich zu einzelnen Angriffen auf Schiffe seines Unternehmens nicht äußern. „Da bin ich vielleicht ein bisschen abergläubisch, dass wenn man sowas sagt, vielleicht gerade kurz danach etwas passiert, was man nicht haben möchte“, sagt er im Podcast Chefgespräch.

Die Zurückhaltung hat noch andere Gründe als Aberglaube: Die Reeder wollen ihre Besatzungen nicht weiter gefährden. Für die Piraten vor der westafrikanischen Küste lohnen sich die Überfälle, weil sie Lösegelder für die Geiseln erpressen können. 135 Fälle von Geiselnahmen zählte das Schifffahrtsbüro IMB im vergangenen Jahr, 95 Prozent davon fanden im Golf von Guinea statt. Die Angreifer verschleppen die Geiseln oft an Land, halten sie dort über Wochen fest. Sprechen die Reeder über die Attacken oder Verhandlungen, könnten sie ihre Crews gefährden.

Das macht die Attacken vor dem Golf von Guinea für die Schifffahrt so brisant. Zwar gab es auch im vergangenen Jahrzehnt immer wieder mal Piratenattacken, vor allem vor dem Horn von Afrika nahe der somalischen Küste. Allerdings hatten es die Banden dort nicht zwingend auf die Crews abgesehen, sondern erpressten ihren Gewinn auch mit den Schiffen und der Ladung.

Die Piraten nähern sich den Schiffen meist nachts, manchmal nur in Schlauchbooten, manchmal auf kleineren Schiffen, doch die allerwenigsten davon sind hochseetauglich. „Die einfachste Sache ist, zu versuchen, so weit wie möglich von der Küste weg zu bleiben. Und das machen wir auch“, erläutert Habben Jansen. Allerdings scheinen auch die Piraten immer größere Risiken einzugehen: Mittlerweile gab es auch Angriffe bis zu 100 Seemeilen von der Küste entfernt. Es sei naiv zu glauben, man könne die Schiffe vor Attacken schützen, meint auch Habben Jansen. „Die Möglichkeiten sind leider nicht unbegrenzt.“

Die Reeder suchen nun nach politischer Unterstützung. „Wir sind in Diskussion mit einigen großen Reedereien in Europa und werden dann die Politiker ansprechen“, so der Hapag-Lloyd-Chef im Chefgespräch. Nur ist unklar, wie diese politische Unterstützung aussehen könnte. Bisher haben sich die Reedereien noch nicht auf gemeinsame Forderungen oder Maßnahmen geeinigt.

Die weltgrößte Reederei Maersk hat bereits öffentlich für eine militärische Mission plädiert. Eine solche Mission hatten die EU-Staaten bereits 2008 am Horn von Afrika gestartet, auch die Bundeswehr beteiligte sich mit bis zu 400 Soldaten am Einsatz und setzte zum Beispiel Flugzeuge zur Aufklärung aus der Luft ein. Die Mission hatte Erfolg: Die Piratenangriffe vor Somalia sind stark zurückgegangen.

Künftig sollen die Truppen der Mission Atalanta deshalb nicht nur die Handelsschifffahrt schützen, sondern auch ein Waffenembargo gegen Somalia durchsetzen und gegen den Drogenhandel vorgehen. In Deutschland muss darüber noch der Bundestag entscheiden.

Trotz des Erfolgs von Atalanta: Eine ähnliche Mission für den Golf von Guinea ist umstritten. Und im Gegensatz zu Somalia gibt es zum Beispiel in Nigeria sehr wohl eine funktionsfähige Regierung. Eine europäische Militärmission zum Schutz der Schiffe könnte die Regierung dort als Eingriff in ihre Souveränität verstehen und womöglich ablehnen. Einige Küstenstaaten erlauben es nicht mal, dass die Schiffe bewaffnetes Personal zum Schutz der Seeleute in ihre Hoheitsgewässer mitnehmen.

„Die Schifffahrt verlangt von den Anrainerstaaten schon seit langem, unbedingt mehr zu tun, um die Piraterie in ihren Gewässern nachhaltig zu bekämpfen“, sagt Ralf Nagel, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder. Doch bisher scheinen die Bemühungen der Anrainerstaaten wenig zu bringen. So heißt es in einigen Berichten, dass die Piraten auch die Uniform von Militär oder Behörden tragen können.

Den vollständigen Podcast mit Rolf Habben Jansen hören Sie hier.