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Peking statt Silicon Valley: Wie China sein eigenes Einhorn-Wunder erschafft

In China gibt es mittlerweile mehr Start-ups mit Milliardenbewertung als im Silicon Valley. Was Deutschland sich vom chinesischen Modell abschauen kann.

Gerade mal rund 200 Meter lang ist die Straße, die als Chinas Antwort auf das Silicon Valley gilt. Innoway heißt sie, und sie ist nicht etwa im modernen Shenzhen oder im internationalen Shanghai gelegen, sondern in Peking, dem Sitz der Zentralregierung Chinas.

Auf English, nicht auf Chinesisch, stehen mannshohe Buchstaben des Namens vor dem Eingang der breiten Gasse. Die Cafés, die dort zwischen den Bürogebäuden liegen, heißen „DotGeek“ und „3W“. Die Straße liegt im Pekinger Technikviertel Zhongguancun, wo milliardenschwere Konzerne wie das Suchmaschinenunternehmen Baidu und Tencent (Messengerdienst „WeChat“) angefangen haben.

Chinas Start-up-Szene hat in den vergangenen Jahren einen enormen Sprung gemacht. Besonders bemerkenswert ist die hohe Zahl an Einhörnern, also jungen Unternehmen, deren Wert mit mehr als einer Milliarde US-Dollar beziffert wird. Laut dem Schanghaier Medienunternehmen Hurun gibt es derzeit 206 chinesische Einhörner – und damit mehr als in den USA, wo es 203 dieser hoch bewerteten jungen Unternehmen gibt.

Andere zählen zwar weniger Erfolgsgeschichten im Reich der Mitte - die Analysefirma CB Insights kam im Oktober 2019 auf 99 chinesische Einhörner, aber 200 amerikanische Einhörner. Doch ohne Zweifel ist China ein rasanter Aufstieg in der Start-up Welt gelungen.

China ist nicht nur die Heimat von Baidu und Tencent, sondern auch von Didi, dem marktbeherrschenden Uber-Konkurrenten in China, sowie Bytedance, dessen Video-App Tiktok bei jungen Leuten auch im nicht-chinesischen Ausland immer beliebter wird. Allein im Pekinger Innoway sind seit der Einweihung der Straße vor fünf Jahren laut offiziellen Angaben 3451 Start-up-Teams beheimatet gewesen. Nach der Analyse des Medienunternehmens Hurun stammen insgesamt 82 Einhörner aus der chinesischen Metropole – Peking ist damit die Welthauptstadt der Einhörner, erst auf dem zweiten Platz folgt San Francisco. Doch woher kommt der Erfolg der chinesischen Start-up-Szene? Und was kann sich Deutschland abschauen? 

1. Größe des Marktes 

Die schiere Größe des Marktes ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren der chinesischen Start-up-Szene. China hat nach den USA den größten Verbrauchermarkt weltweit. 854 Millionen Menschen nutzen das Internet. Es gibt auch keine Sprachbarriere wie in Europa, eine Lösung kann von allen Kunden genutzt werden.

Hinzu kommt, dass die Chinesen als sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Geschäftsmodellen gelten. Laut einem Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group wachsen chinesische Start-ups auch deshalb wesentlich schneller zu Einhörnern heran als ihre Konkurrenten in den USA.


In einer Studie, die die Beratungsfirma gemeinsam mit den chinesischen Tech-Riesen Alibaba, Baidu und dem Fahrdienstleister Didi durchführte, wurden die Entwicklungszyklen von 175 Einhörnern aus den USA und China im vergangenen Jahrzehnt untersucht. Demnach braucht ein Einhorn in den USA im Durchschnitt sieben Jahre, um sich zu entwickeln. In China sind es dagegen nur vier Jahre. 46 Prozent der untersuchten chinesischen Einhörner hatten es sogar geschafft, die Milliardenbewertung innerhalb von nur zwei Jahren zu erreichen.

Gegenüber europäischen Start-ups haben sie zudem einen wichtigen Vorteil: Sie müssen nicht in allen, aber in vielen Bereichen keine übermächtige Konkurrenz aus den USA fürchten. Facebook, Twitter und Google etwa sind in China gesperrt.

2. Der Staat hilft

Zeng Pengxuan wirkt fast schüchtern, wenn er spricht. Beim Gespräch lässt er seine Jacke zunächst an. Er spricht erst auf Chinesisch, weil er sich darin sicherer fühlt, schaltet dann aber doch auf Englisch um. Zeng hat innerhalb von zwei Jahren das Pekinger Bildungs-Start-up Hetao101 aufgebaut. Zengs App bringt Kindern mithilfe eines kleinen Pinguins und der Programmiersprache Scratch das Coden bei.

650.000 zahlende Kunden nutzen die App inzwischen laut Unternehmensangaben. Von dem kleinen Konferenzraum aus kann Zeng auf einen Teil seiner mittlerweile rund 1100 Mitarbeiter schauen, die vor ihren Bildschirmen sitzen und mit den Schülern kommunizieren.

Die wichtigste Unterstützung, die Hetao101 laut Zeng bekam, war die vom Accelerator der renommierten staatlichen Tsinghua-Universität in Peking. Die Mitarbeiter dort kümmerten sich etwa komplett um die Abwicklung der Steuern von Hetao101. „Das war wirklich eine große Hilfe“, sagt Zeng. „Das ist eine Sache weniger, um die man sich Sorgen machen muss.“ Außerdem bekam das Unternehmen in den ersten sechs Monaten kostenlos einen Büroraum gestellt – eine große Kostenersparnis bei den enorm hohen Mieten in der chinesischen Hauptstadt.

Die Kommunistische Partei Chinas hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Volksrepublik bis 2049 führend in verschiedenen Technologiebereichen wird – und von Peking bis in die Provinzen arbeiten alle eifrig daran, dass dieser Plan auch Realität wird.

China hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Programme zur Unterstützung von Gründern aufgestellt. Bereits im Jahr 1988 startete Peking eine Initiative zur Unterstützung von Start-ups, das sogenannte „Torch-Programm“. Fast 1000 staatliche Accelator gibt es inzwischen landesweit, hinzu kommen laut Angaben des chinesischen Technologieministeriums rund 5000 staatliche Inkubatoren.

Allein auf nationaler Ebene gibt es zudem insgesamt 89 verschiedene Steuererleichterungen für Gründer und Start-ups in allen Phasen der Entwicklung, allein von Januar bis April sparten chinesische Start-ups laut staatlichen Angaben dadurch umgerechnet 50 Milliarden Euro. Zugleich gibt es Hunderte staatliche Fonds auf Provinz- und nationaler Ebene zur Finanzierung innovativer Geschäftsmodelle.

Allerdings könnte genau dieser staatliche Einfluss den erfolgreichen Tech-Unternehmen nun zum Verhängnis zu werden. Grund ist der in allen Bereichen Chinas zunehmende Eingriff der Kommunistischen Partei, der auch die Privatwirtschaft betrifft. In Hangzhou, einem von Chinas Technologie-Hubs, hat die lokale Regierung erst kürzlich Staatsbedienstete in 100 örtliche Unternehmen entsendet – darunter auch der Onlinehandelsgigant Alibaba.

3. Viel, viel Kapital 

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die chinesische Start-up-Landschaft ist der Zugang zu Kapital. Allein von 2005 bis 2015 verzehnfachte sich laut einer Analyse der Stockholmer Unternehmensberatung Kairos Future die Anzahl von Wagniskapitalfirmen in China von 500 auf 5000. Inzwischen ist China einer der größten Märkte für Wagniskapital. 2018 gingen laut Daten der Datenfirma Pitchbook rund 34 Prozent des gesamten weltweiten Venture-Capitals nach China.

Allerdings hat sich der Boom 2019 aufgrund der Unsicherheiten in Verbindung mit dem Handelsstreit zwischen den USA und China deutlich abgekühlt. Laut den aktuellsten Zahlen investierten chinesische Wagniskapitalgeber statt 100 Milliarden US-Dollar wie im Jahr 2018 nur noch 43 Milliarden US-Dollar.

2019 sind auch deutlich weniger chinesische Start-ups in die Riege der Einhörner aufgestiegen als noch im Jahr zuvor. Einige Unternehmen wie die KI-Firma Sense Time oder der Display-Hersteller Royole verschoben wegen der schlechten Marktlage laut Medienberichten sogar ihre Kapitalaufnahme. Neben den staatlichen Fonds sind unter den wichtigsten zehn Geldgebern der Start-ups laut einer Umfrage der Beratungsfirma PwC die chinesischen Internetgiganten Tencent, Alibaba und Baidu.

4. Was Deutschland von China lernen kann

Die deutsche Wirtschaft blickt mit Sorge auf die Erfolge der chinesischen Konkurrenz. „Deutschland und Europa dürfen den Anschluss nicht verlieren“, mahnt Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Sie fordert bessere Rahmenbedingungen für Start-ups in Europa, etwa durch einen digitalen europäischen Binnenmarkt.

Auch sollte die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Start-ups stärker finanziell gefördert werden“, sagt sie dem Handelsblatt. Hier leiste China mit seinen an den Eliteuniversitäten angeschlossenen Inkubatoren- und Accelerator-Programmen ausgezeichnete Arbeit, so Plöger.

Natürlich stünden deutsche Startups auch im Wettbewerb mit chinesischen Startups, sagt auch Achim Berg, Präsident des IT-Verbands Bitkom, dem Handelsblatt. Chinesische Startups hätten einen riesigen Heimatmarkt und klare Wettbewerbsvorteile, wenn es um die Nutzung von Daten geht, so Berg – und die wiederum sind zum Beispiel die Grundlage für Künstliche Intelligenz und innovative Geschäftsmodelle, mahnt er.

„Es fehlt hierzulande immer noch an einer konsistenten Datenpolitik“, so Berg. „Es macht keinen Sinn, viel Geld in die KI-Förderung zu pumpen und ihr gleichzeitig ihre wichtigste Ressource zu entziehen: Daten.“ So wäre ein Algorithmen-Tüv, wie er derzeit in Berlin diskutiert wird, insbesondere auch für Tech-Start-ups auf jeden Fall mit zusätzlicher Bürokratie verbunden und würde die Entwicklung und Vermarktung innovativer Technologien in Deutschland erschweren, so Berg.

Auch Florian Nöll, bis Dezember Chef des Bundesverbands Deutsche Start-ups, sieht ein Problem der deutschen Start-up-Branche darin, dass zu wenig Geld im Markt ist. Er fordert zudem, dass sich die deutsche Start-up-Szene mehr auf ihre Stärke konzentrieren sollten.

„Wir haben keinen einheitlichen Massenmarkt, und Europa wird das auch in naher Zukunft nicht sein“, glaubt er. „Wir werden nicht die Digitalgeneralisten sein, sondern müssen in Zukunft eher auf Deep-Tech-Start-ups setzen, also etwa Industrieleichtbauroboter oder den Lithium-Ionenjet.“ Tatsächlich ist Deutschland in dem Bereich China noch weit voraus. Studien zeigen, dass chinesische Unternehmen etwa bei Industrierobotern hinterherhinken.