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"In Peking knallen die Sektkorken": Warum China mit der Taliban zusammenarbeitet und sich doch vor Anschlägen an der Grenze fürchtet

·Lesedauer: 4 Min.
Taliban-Vertreter Abdul Ghani Baradar und der chinesische Außenminister Wang Yi am 28. Juli in Tianjin
Taliban-Vertreter Abdul Ghani Baradar und der chinesische Außenminister Wang Yi am 28. Juli in Tianjin

Angesichts der chaotischen Bilder, die die Welt vom Kabuler Flughafen erreicht, die Menschen zeigen, die mit aller Entschlossenheit der Schreckensherrschaft der Taliban zu entkommen versuchen, ist es schwer vorstellbar, dass es Ausländer gibt, die in Afghanistan bleiben wollen. Während viele Länder ihre Botschaften geschlossen und ihre Mitarbeitenden evakuieren haben, bleiben die Diplomaten der Volksrepublik China weiterhin im Land. Das ist kein Zufall, die Volksrepublik verfolgt handfeste Interessen in ihrem Nachbarland.

Der chinesische Außenminister Wang Yi traf sich bereits Ende Juli mit Vertretern der Taliban, um mit ihnen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sondieren Zu dem Zeitpunkt glaubte sein deutscher Kollege Heiko Maas, gestützt auf Informationen, die er vom Bundesnachrichtendienst erhalten hatte, dass es zu einer Einnahme Kabuls nicht kommen werde. Die Grenze zwischen Afghanistan und China ist zwar nur 76 Kilometer lang, aber sie liegt an der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Das ist der Teil Chinas, in dem die kommunistische Führung über eine Million Menschen, Uiguren islamischen Glaubens, aufgrund ihrer Ethnie und Religion in Lager eingesperrt hält, um sie dort “umzuerziehen”. Peking muss sich die Gotteskrieger jenseits der Grenzen geschmeidig halten, damit von dort aus keine islamistischen Zellen Vergeltung planen wegen des Genozids an ihren Glaubensgeschwistern. Die Taliban sind Willens, Peking zu versprechen, dass es auf ihrer Seite ruhig bleibt, sollte China wiederum in Afghanistan investieren. Peking hat dies gerne zugesagt.

China denkt in Dekaden voraus

Doch damit der Interessen nicht genug: die Volksrepublik hat sich bereits im Jahr 2011 Bohrrechte für zwei Ölfelder in dem Land gesichert. Daneben birgt der Boden des Landes Seltene Erden und Lithium. Es gibt keinen Handychip und keinen LED-Bildschirm auf der Welt, der ohne diese Materialen, die wie der Name sagt, rar sind, produziert werden könnte. Der Kampf darum ist bereits in vollem Gange. Wenn China sich die Reservate, die die afghanische Erde sicher birgt, aneignen kann, macht es nicht nur ein Bombengeschäft, sondern hält auch einen geopolitischen Trump in der Hand.

Daneben könnten Silber und Gold gefördert und Marmor gebrochen werden. Nicht heute, nicht morgen, da viele dieser Schätze in unwägbarem Gelände liegen und die Förderung, im Moment jedenfalls, noch zu teuer käme. Die Strategen der Volksrepublik aber denken in Dekaden und möchten jetzt aussähen, was in einer noch nicht bestimmten Zukunft wird geerntet werden können.

Unweit der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan verläuft ein wichtiger Korridor der Neuen Seidenstraße, Pekings Prestige-Investitionsprojekt. Die KP fördert überall auf der Welt Infrastrukturprojekte, die Chinas Position als Wirtschafts- und Militärmacht festigen sollen. Das chinesische Gesetz schreibt die Doppelnutzung solcher Investitionen vor. Die Arme der "Belt & Road Initiative”, wie die Neue Seidenstraße auch genannt wird, ziehen sich über die ganze Welt, bis nach Europa hinein. “Alle Wege führen nach Rom”, war gestern. Nun führen sie in das Neue Imperium China. Jener Arm, der von Pakistan aus dorthin führt, ist besonders prestigeträchtig. Peking möchte mit allen Mitteln verhindern, dass eine Destabilisierung Afghanistans diese Route beeinträchtigt.

Das Einwanderungsland USA geht mit "leuchtendem Beispiel" voran – Deutschland nicht

Gotteskrieger und Diktatoren verstehen sich gut, sie eint die Verachtung, mit der sie auf Menschenrechte und Freiheit herabblicken. Während in Washington, London, Paris und Berlin auf den Schock angesichts der kampflos verlorenen Aufbauleistung der vergangenen zwanzig Jahre und der Trauer um die Menschenleben, die dafür umsonst gelassen wurden, die Wut folgt, knallen in Peking die Sektkorken. Nicht nur da: auch die russische Diktatur hat ihre Botschaft nicht geschlossen und die autokratische Türkei möchte ebenfalls das nächste Kapitel mitschreiben, das in Afghanistan verfasst wird.

Während die despotischen Siegermächte Afghanistans Bodenschätze unter sich aufteilen, kann es für die freie Welt nur darum gehen, so schnell es geht die wahren Schätze Afghanistans zu heben: die Menschen, die an einem neuen, freiheitlichen Land mitgebaut haben, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sein und die Schule besuchen sollen. Das Einwanderungsland USA geht mit leuchtendem Beispiel voran, indem es kurfristig und unbürokratisch Möglichkeiten für diese Menschen schafft, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Die Bundesregierung will da beschämender Weise nicht mitgehen. Im Wahlkampf verweigert vor allem die konservative Union, deren Kandidat Armin Laschet zu Protokoll gab, dass sich “2015 nicht wiederholen dürfe”, die Aufnahme derjenigen, die der Bundeswehr Sachverstand, Arbeitsleistung und Loyalität zur Verfügung gestellt haben. Was soll nun aus diesen Menschen werden? Die Volksrepublik China jedenfalls, das zeigt der Umgang der Nomenklatura mit den Uiguren nebenan, wird sich nicht für die Würde und das Leben der Afghaninnen und Afghanen verwenden.

Dr. Alexander Görlach ist Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs. Zuletzt erschien von ihm: “Brennpunkt Hongkong: Warum sich in China die Zukunft der freien Welt entscheidet” (Hoffmann&Campe, 2021).

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