Deutsche Märkte geschlossen

Paul Achleitner verlässt Daimler-Aufsichtsrat

Der Banker zieht sich im April aus dem Kontrollrat des Autobauers zurück. Sein Nachrücker könnte schon bald zur Konkurrenz für Dieter Zetsche werden.

Paul Achleitner dürfte am 1. April einigen Wehmut verspüren. Letztmalig wird der Banker an diesem Tag auf der Hauptversammlung von Daimler auf dem Podium sitzen. Sein Kontrollratsmandat bei dem Autobauer läuft dann aus – und er wird es nicht verlängern, wie das Handelsblatt aus dem Aufsichtsrat von Daimler erfahren hat.

„Nach zehn Jahren im Aufsichtsrat ist für ihn Schluss, da dann andere das Mandat übernehmen sollen.“ Der 63-jährige Österreicher fokussiert sich damit letztlich noch stärker auf sein Amt als Chefaufseher bei der Deutschen Bank. Weder Daimler noch Paul Achleitner wollten sich dazu äußern.

Der Abgang von Achleitner bei Daimler markiert eine weitere Lockerung der Bindung zwischen der Deutschen Bank und dem Autobauer. Das Finanzinstitut war über viele Jahre hinweg größter Aktionär der Stuttgarter, heute sind die Frankfurter aber nur noch ein Partner von vielen. Achleitner ist der einzige Aufsichtsrat, der seinen Posten zum 1. April räumen wird.

Der große Umbruch in der obersten Hierarchie der Daimler AG steht erst ein Jahr später an. Dann wird das Mandat von Aufsichtsratschef Manfred Bischoff auslaufen. Der heute 77-Jährige führt das Gremium seit 2007 an, die vergangenen Jahre davon nur dank einer Satzungsänderung. Im September 2018 läutete Bischoff seine Nachfolge frühzeitig ein. Damals verkündete er, Dieter Zetsche 2021 als künftigen Aufsichtsratschef in Stuttgart empfehlen zu wollen.

Zetsche war bis Mai 2019 Daimler-Chef. Mit Bischoff hat er Insidern zufolge eine Übereinkunft getroffen, nach einer zweijährigen Abkühlphase zu dem Mercedes-Hersteller zurückzukehren. Doch der Masterplan der beiden hat einen Haken. Eine Reihe von Investoren lehnt eine Rückkehr von Zetsche mittlerweile kategorisch ab.

Gegen den ehemaligen Daimler-Chef haben sich beispielsweise Union Investment, die Deka Bank oder die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) positioniert. Sie sehen Zetsche als einen der Hauptverantwortlichen für den massiven Gewinneinbruch bei Daimler und fühlen sich durch seine Aussagen im Zuge des Dieselskandals („Bei uns wird nicht betrogen“) getäuscht.

Mangel an Optionen

Im bestehenden Daimler-Aufsichtsrat gibt es zu Zetsche aber kaum eine Alternative, heißt es in Unternehmens- und Finanzkreisen. Das Durchschnittsalter der zehn Räte auf der Kapitalseite liegt bei stolzen 67,5 Jahren. Einzig der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser (62) hätte sowohl das nötige Alter, das Format und die Erfahrung, um einen Generationenwechsel an der Spitze des Gremiums zu vollziehen, meinen Insider. Zugleich ist der öffentliche Geltungsdrang des umtriebigen Managers nicht allen in Stuttgart geheuer. Kaeser sehen viele in der Mercedesstraße daher künftig eher als Leiter des Prüfungsausschusses denn als Aufsichtsratschef.

Sofern 2021 weder Zetsche noch Kaeser infrage kämen, braucht es einen oder eine Alternativkandidatin für die Nachfolge von Manfred Bischoff als Aufsichtsratschef. „Mit dem Abgang von Achleitner besteht jetzt die Chance, eine Person in den Aufsichtsrat zu holen, die auch in der Lage ist, das Gremium zu leiten“, konstatiert ein Insider.

Als eher unrealistisch gilt, dass ein Vertreter der chinesischen Aktionäre Geely oder BAIC das Mandat von Achleitner übernehmen könnte. Ganz ausgeschlossen, ist das aber nicht. Geely-Gründer Li Shufu ist vor dem Staatsfonds von Kuwait der größte Anteilseigner; zusammen mit BAIC könnte der Konzern mit seinen Stimmen auf einer Hauptversammlung einen gewünschten Kandidaten durchdrücken – wenn es denn gewollt wäre.

Aktuell plant Daimler aber weiterhin damit, dass Ex-Chef Zetsche 2021 den Vorsitz des Aufsichtsrats übernimmt. Die Debatte um seine Person werde vorwiegend am Finanzmarkt und in den Medien geführt, im Aufsichtsrat spiele sie noch keine so große Rolle. Dafür sei es auch schlichtweg zu früh, heißt es im Umfeld des Kontrollgremiums.

Das könnte sich aber rasch ändern, falls der Widerstand gegen Zetsche auf Investorenseite in den nächsten Monaten weiter anhält oder bis zur Hauptversammlung 2021 gar noch weiter zunimmt. Daimler äußerte sich nicht dazu.