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Pandemie der Kurzsichtigkeit: Augenärzte sorgen sich um zunehmend schlechte Augen bei Kindern

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Den trüben Monat Januar braucht eigentlich niemand. Draußen ist es kalt, grau und regnerisch, in den meisten Regionen Deutschlands bleibt auch der Schnee aus – nicht einmal Gelegenheit zum Rodeln gibt es also. Das hat besonders für Kinder Konsequenzen, denn sie kommen kaum raus. In der sich hinziehenden Pandemie saßen sie ohnehin schon länger als jemals in ihrem Leben vor Bildschirmen aller Art, an Smartphones oder Tablets.

Nun machen sich Augenärzte um die Sehkraft der Kinder Sorgen. Denn durch die viele Bildschirmzeit tritt bei ihnen vermehrt Kurzsichtigkeit auf. Leonie Troeber, Augenärztin und Leiterin der Smile Eyes Klinik in Trier sagt zu Business Insider: „Die Zunahme der Kurzsichtigkeit ist vor allem ein großes Thema in den letzten Jahren, weil sich sozusagen fast eine Pandemie der Kurzsichtigkeit entwickelt hat.“ Auch vor Corona haben sich die Stunden, die Kinder vor den Screens verbracht haben, vervielfacht.

„Die große Anzahl von Kurzsichtigen lässt sich nicht mehr alleine durch genetische Faktoren erklären, sondern viel durch Zunahme der Nutzung von Smartphones und Tablets bereits im Kindesalter. Es ist inzwischen bewiesen, dass diese ,Naharbeit' die Kurzsichtigkeit fördert – was nicht bedeutet, dass schlussendlich jeder davon betroffen ist“, erläutert Troeber.

Was die Expertin sagt, zeigen auch verschiedene Studien. So untersuchte ein US-amerikanisch-chinesisches Forschungsteam 2020 in einer Studie, wie sich die Isolation in der Corona-Pandemie auf das Kurzsichtigkeits-Risiko bei fast 125.000 sechs- bis achtjährigen auswirkte. Ihr Ergebnis: Es stieg signifikant. Die Untersuchung wurde im Fachmagazin „Jama“ veröffentlicht.

Dass die viele Bildschirmzeit für Kinderaugen schädlich sein kann, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen bekommt das Auge nicht genügend Licht, denn Tageslicht ist viel heller als das Licht in Innenräumen. Zum anderen steigert die Arbeit bei kurzer Sehentfernung das Risiko für Kurzsichtigkeit. „Besonders ausschlaggebend ist die intensivere Lichtexposition. Während in geschlossenen Räumen die Beleuchtung einen Wert von 200 Lux erreicht, sind es draußen an trüben Tagen bereits 2000 bis 3000 Lux und an sonnigen Tagen 20.000 bis 30 000 Lux,“ so Troeber.

Das Wahrscheinlichkeitsverhältnis für das Auftreten einer Myopie, wie Kurzsichtigkeit in der Fachsprache heißt, ist bei geringer Tageslichtexposition um den Faktor fünf erhöht. Durch ein zusätzlich hohes Maß an Naharbeit kann sie bis auf das bis zu 16-fache ansteigen.

„Jede Stunde, die ein Kind im Freien verbringt, senkt das Risiko für Kurzsichtigkeit. Als positiv wirkt sich jedoch nicht nur der Blick in die Ferne aus. Die unter Augenärzten allgemeine Empfehlung lautet somit, dass Kinder idealerweise täglich zwei Stunden draußen verbringen,“ empfiehlt die Ärztin. Zwei Stunden draußen, werden viele Eltern nun gestresst denken. Welches Kind kommt im Januar oder Februar auf diese Stundenanzahl beim Spielen im Freien?

Kurzsichtigkeit ist keine Lappalie

Doch es lohnt sich. Denn der Blick in die Ferne, auf entlegene Bäume, Personen, Seen, Berge oder Gebäude entspannt das Auge. Netzhaut, Muskulatur und Linse benötigen unterschiedliche Blickentfernungen, um sich normal zu entwickeln. Dass das helle Tageslicht draußen das Risiko für Kurzsichtigkeit bei Kindern senkt, konnten auch Forscherinnen und Forscher aus Australien in einer Studie zeigen. Sie hatten den Zusammenhang zwischen draußen verbrachter Zeit und dem Risiko für Myopie untersucht. Ihre Arbeit wurde im Fachmagazin „British Journal of Ophthalmology“ veröffentlicht.

Kurzsichtigkeit ist ein immer größer werdendes Problem. Vor allem im asiatischen Raum sind mittlerweile bis zu 90 Prozent der Menschen kurzsichtig. Und auch in Europa, Nordamerika und dem Mittleren Osten ist das Augenleiden auf dem Vormarsch. In Schätzungen gehen Fachleute davon aus, dass bis zum Jahr 2050 fast die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird.

Es handelt sich bei Kurzsichtigkeit nicht um eine Lappalie. Sie ist eine der Hauptursachen für das Entstehen von Blindheit und schweren Sehschäden durch Netzhauterkrankungen. „In Deutschland leben mehr als vier Millionen Menschen, die stark kurzsichtig sind. Bereits in jungen Jahren können bei diesen Betroffenen Netzhautschäden auftreten“, sagt Mike Francke, der am Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig tätig war. Risse und Löcher in der Netzhaut können entstehen, die Netzhaut wird nicht mehr richtig versorgt und kann sich ablösen. Eine Netzhautablösung kann zur Erblindung führen, sie muss in jedem Fall gelasert oder sogar operiert werden.

Ärzte raten daher, Pausen während der Naharbeit und helle Beleuchtung in Innenräumen zu ermöglichen. Tageslichtlampen strahlen mit einer deutlich höheren Luxzahl Licht in Räume. Wenn die Kinder also nicht zwei Stunden draußen spielen, sollten die Räume, in denen sie sich aufhalten, zumindest sehr hell ausgeleuchtet sein.

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