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Ole Scheeren entwirft spektakuläre Hochhäuser in Asien – jetzt baut er auch in Deutschland

·Lesedauer: 5 Min.

Der Deutsche galt viele Jahre als der Architektur-Shootingstar in Fernost. Nun will er andere Projekte umsetzen – erstmals auch in seiner Heimat.

Die geschwungene  „Welle“ ist 120 Meter lang und 60 Meter hoch. Foto: dpa
Die geschwungene „Welle“ ist 120 Meter lang und 60 Meter hoch. Foto: dpa

Hoch, höher, noch höher und das in China, Singapur oder Bangkok: Auf diese Formel ließ sich Ole Scheeren lange bringen, und mit ihr war er sehr erfolgreich. Mit seinen spektakulären Hochhäusern in Asien wie dem CCTV Tower für das chinesische Staatsfernsehen in Peking wurde der 49-Jährige in den vergangenen zehn Jahren zum neuen deutschen Stararchitekten in Fernost.

Doch der gebürtige Karlsruher, den Freunde wie Kritiker als Workaholic und Perfektionisten beschreiben, gibt sich damit nicht zufrieden. Ole Scheeren geht mit seinen Entwürfen nun in die Breite und will auch in Deutschland bauen. „Ich bin nicht daran interessiert, einfach so viele Projekte wie möglich zu realisieren. Ich möchte mich auf Bauwerke fokussieren, die eine Bedeutung haben können“, erklärt Ole Scheeren im Gespräch mit dem Handelsblatt.

In der südchinesischen Hafenstadt Shenzhen bekam er kürzlich den Zuschlag für die neue Zentrale des Telekommunikations- und Technologiekonzerns ZTE. Das Projekt heißt nicht ohne Grund „Shenzhen Wave“. Die geschwungene „Welle“ ist 120 Meter lang und 60 Meter hoch. Die Geschossplatten sind jeweils so groß wie eineinhalb Fußballfelder.

Bis zu 5000 Mitarbeiter sollen ins Gebäude passen, und sie sollen dort nicht nur arbeiten, sondern auch leben, „sich als soziale Wesen an einem pandemiefreundlichen Arbeitsplatz entfalten“, sagt Scheeren.

In Deutschland verwirklicht der Architekt seit diesem Jahr sein erstes Projekt. Es ist zwar nur ein Um- und kein Neubau, doch einer mit historischer Bedeutung und Signalwirkung. Scheeren gestaltet das 1977 von Albert Speer junior entworfene Union-Hochhaus in Frankfurt am Main um. Aus dem Büro- soll ein Wohnturm werden. Der sogenannte Riverpark Tower des Investors German Estate Group soll die bis dato düstere Gegend am Mainufer aufwerten.

Für den Kosmopoliten Scheeren, der schon in acht Ländern gelebt hat und dessen Vater schon Architekt war, ist dieses erste Projekt hierzulande wie eine Rückkehr. „Es gibt für mich kein Zuhause im klassischen Sinn. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber mein Begriff von Heimat ist heute viel weiter als Ländergrenzen.“ Das Projekt betreut er aus seinem bereits 2015 eröffneten Büro in Berlin-Moabit.

Um Scheeren hat sich eine Art Starkult entwickelt. Das hängt zum einen mit seinem Erfolg in Asien zusammen und auch mit seiner einige Jahre andauernden Liaison mit der chinesischen Schauspielerin Maggie Cheung. Zum anderen bedient er auch die Sehnsucht nach einem deutschen Stararchitekten von internationalem Format.

„Seine Gebäude sind perfekt geplant“

Dass sich Scheeren in Deutschland etabliert, beobachten Konkurrenten allerdings argwöhnisch. Sie fürchten eine „Chinaisierung der deutschen Architektur“, also eine beschleunigte und auf maximale Höhe und Flächennutzung ausgerichtete Bauweise.

Geschäftspartner Roland Bechmann, Vorstand beim Ingenieurbüro Werner Sobek und Partner beim Bau des Riverpark Towers in Frankfurt, loben Scheeren hingegen: „Er denkt Gebäude in allen Dimensionen. Was braucht der Nutzer? Wie wirkt es auf die Stadt? Was ist technisch machbar?“, erklärt Bechmann. Und weiter: „Seine Entwürfe zeichnen sich auf den ersten Blick vor allem durch ihre geometrische Komplexität aus, aber sie sind weit mehr als nur eine ästhetische Form. Ole Scheeren ist analytisch, emotional und technisch stark – seine Gebäude sind perfekt geplant.“

Der Start in der alten Heimat gelang Scheeren jedoch nicht ohne Weiteres. Den Wettbewerb für die neue Zentrale von Axel Springer gewann er 2013 zwar – doch nicht allein. Mit ihm gemeinsam belegten zwei Architekturgrößen den ersten Platz: der Niederländer Rem Kohlhaas (75) und der Däne Bjarke Ingels (45), der ein 400-Mann-Büro führt.

Am Ende entschied sich die Jury für den Entwurf des Grandseigneurs Kohlhaas. „Das war ein guter Start für unser erstes Projekt in Deutschland; wir haben den ersten Platz geteilt. Leider wurde aber ein anderer Entwurf verwirklicht“, erinnert sich Scheeren.

Die Tragikomik an der Geschichte: Scheeren und auch Ingels unterlagen damit am Ende ihrem früheren Lehrmeister Kohlhaas. In dessen Büro OMA in Rotterdam hatte Scheeren 1995 seine Karriere gestartet. Mit nur 31 Jahren wurde Scheeren dort Partner. 2002 ging er für OMA nach Peking, um dort eine Niederlassung aufzubauen. Mit seinem Entwurf für den CCTV-Tower gelang ihm der Durchbruch.

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2010 machte sich Scheeren schließlich vor Ort selbstständig. Heute beschäftigt er in Peking rund 50 Mitarbeiter. Mit seinem Erfolg ist er nicht nur der jüngste deutsche Stararchitekt. Der mittelgroße, schlanke Mann, der meist schlichte schmal geschnittene, schwarze Anzüge und weiße Hemden trägt und einen Jaguar XJS mit seinen Initialen im Kennzeichen fährt, zeigt seiner Branche auch ein alternatives Arbeitsmodell.

Sein Büro ist mit insgesamt nur 80 Mitarbeitern für die Größe und Relevanz seiner Projekte erstaunlich klein. Andere deutsche Büros, die ähnliche Projekte international verwirklichen wie RKW Architekten oder GMP, haben rund drei Mal so viele Angestellte. Scheeren schätzt diese überschaubare Größe sehr. Sein Büro soll nicht weiter wachsen.

Anstrengend für Bauherren

„Wir haben mit 80 Mitarbeitern und den Niederlassungen in Hongkong, Peking, London und Berlin eine perfekte Größe erreicht. Sie erlaubt es uns, Großprojekte durchzuführen, und mir zugleich noch, in allen Projekten den Entwurf gestalten zu können. Ich möchte nicht Quantität, sondern Qualität erschaffen“, sagt Scheeren. Und weiter: „Der Prozess der Architektur wird immer anspruchsvoller. Gerade die soziologischen und technologischen Aspekte werden immer wichtiger. Die Mehrdisziplinarität steigt.“

Als besondere Herausforderung sieht er gerade den Bau von Bürogebäuden und Firmenzentralen. „Die Corona-Pandemie stellt uns vor neue Herausforderungen, und wir müssen die Architektur von Arbeitsstätten neu und positiv denken. Es ist keine Lösung, nur noch von zu Hause arbeiten zu lassen oder zu wollen. Und es ist auch keine Lösung, sterile Bürohöllen mit melaminbeschichteten und abwaschbaren Oberflächen zu schaffen.“

Wie die Zukunft des Arbeitens und Lebens aussehen kann, will Scheeren erst einmal wieder in Asien zeigen – bei „The Wave“ in Shenzhen sowie den drei Hochhäusern der Empire City Towers in Vietnam.

Für Bauherren kann es mitunter anstrengend werden mit Ole Scheeren. Ulrich Höller, einst der Chef der German Estate Group und nun geschäftsführender Gesellschafter von ABG Real Estate, sagt: „Ole Scheeren ist ein sehr fordernder Typ. Er ist ein anstrengender Architekt. Er beharrt auf Ideen, als Bauherr muss man mit ihm kämpfen. Doch das Ergebnis lohnt den Aufwand.“

Scheeren gestaltet das 1977 von Albert Speer junior entworfene Union-Hochhaus in Frankfurt am Main um. Foto: dpa
Scheeren gestaltet das 1977 von Albert Speer junior entworfene Union-Hochhaus in Frankfurt am Main um. Foto: dpa