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Neuer Intensivmediziner-Präsident: Können weiteren Anstieg der Infektionszahlen „kaum verkraften“

Olk, Julian
·Lesedauer: 3 Min.

Gernot Marx übernimmt die Spitze der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Der Klinikdirektor warnt: Die deutschen Intensivstationen seien ihrem Limit nahe.

Der Druck in seinen ersten Tagen könnte größer kaum sein. Mitten in der wohl herausforderndsten Phase für die deutsche Intensivmedizin tritt Gernot Marx an die Spitze des Fachgebiets. Er übernimmt das Amt des Präsidenten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), einem Zusammenschluss aus 3500 persönlichen Mitgliedern und 19 ärztlichen Fachgesellschaften.

Der Leiter der Klinik für Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen weiß, dass jetzt nicht die Zeit für eine gemächliche Eingewöhnung in das neue Amt ist. Tag für Tag behandelt er in seiner Klinik selbst schwer erkrankte Covid-19-Patienten. Und ihre Zahl wächst unaufhörlich – wie fast überall in den deutschen Krankenhäusern.

Es sei gut möglich, dass es in den nächsten Tagen infolge der Weihnachtsfeiertage noch mal einen sprunghaften Anstieg der Covid-19-Fälle geben könne. „Dabei brauchen wir aktuell schon jedes Bett, und die Mutation des Virus könnte uns auch noch gefährlich werden. Einen Anstieg könnten wir nur sehr schwer verkraften“, sagt Marx dem Handelsblatt. Über die verschärften Kontaktbeschränkungen sagt er deshalb: „Ich bin sehr froh über die Beschlüsse der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten.“

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Der Facharzt für Anästhesie- und Intensivmedizin kennt ein weiteres Mittel gegen die drohende Überlastung, und dieses soll zentraler Baustein für seine DIVI-Präsidentschaft werden: die Digitalisierung. Dass die Anzahl der Intensivbetten knapp wird, ist nur eine Seite des Problems.

Schwerwiegender ist häufig das fehlende Personal zur Behandlung der Beatmungspatienten, insbesondere in kleineren Kliniken. Marx hat deshalb das Projekt virtuelles Krankenhaus initiiert. Planungen dafür gab es schon länger, doch wegen der Corona-Pandemie zog der 54-Jährige den Projektstart gemeinsam mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung vor.

Beim virtuellen Krankenhaus wurden die Unikliniken Aachen und Münster mit den rund 200 Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung in Nordrhein-Westfalen digital vernetzt, indem man stabile und sichere Möglichkeiten für Videoverbindungen und die Übertragung von Vitaldaten in Echtzeit einrichtete. Die Spezialisten aus den großen Kliniken können ihre Expertise so in die kleineren Krankenhäuser bringen, ohne vor Ort zu sein. Gleichzeitig werden die Unikliniken vor einem hohen Patientenandrang geschützt.

Eine Blaupause für das gesamte Gesundheitssystem soll das virtuelle Krankenhaus aus Marx’ Sicht werden, der die DIVI-Präsidentschaft turnusgemäß für die nächsten zwei Jahre übernommen und damit Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für innere und Intensivmedizin am Sankt-Antonius-Hospital in Eschweiler, abgelöst hat.

„Ein besonderer Schwerpunkt meiner DIVI-Präsidentschaft wird sein, bestehende intensivmedizinische Versorgungsstrukturen zukunftsfähig, interdisziplinär und digital unterstützt zu gestalten“, sagt Marx, der in Hannover Medizin studiert hatte und seit 2016 auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DG Telemed) ist.

Vom virtuellen Krankenhaus sollen bald auch Patienten mit Herzproblemen und seltenen Erkrankungen profitieren. „Ich will aus dem virtuellen Krankenhaus eine digitale Verknüpfung des gesamten NRW-Gesundheitssystems schaffen“, erklärt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Mit Blick auf die Pandemie hält Marx neben der Digitalisierung vor allem das Impfen für ein entscheidendes Vehikel, um die Intensivstationen vor der Überlastung zu schützen. Es sei jetzt entscheidend, möglichst viel zu impfen. Die Kritik an der Impfstrategie – EU-Kommission und Bundesregierung hätten nicht genügend oder bei den falschen Herstellern Impfstoff bestellt – hält er für nicht hilfreich: „Dass jetzt immer nur das Vergangene bemängelt wird, hilft auf unseren randvollen Intensivstationen auch nicht weiter.“