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Nachfahren der Nadelbarone: Wie ein Aachener Mittelständler sich neu erfand

Aus einem Nadelhersteller formte die Familie Pavel einen Weltmarktführer im Maschinenbau für Zuführtechnik. So ist die Transformation gelungen.

Christopher und Klaus Pavel bauen den Aachener Mittelständler RNA um. Foto: dpa

Im Büro des Seniors Klaus Pavel hängt eine Hängematte, die noch täglich genutzt wird. Perspektivwechsel können hilfreich sein für Mittelständler die sich immer wieder neu erfinden müssen. Perspektivwechsel gehören aber auch zu Pavels Leben. Er verbrachte seine Kindheit in Brasilien, ist Honorarkonsul dieses Landes und setzt sich dort für die Armen ein. 

Bewegt war auch die Geschichte seines Unternehmens RNA Rheinnadel Automation. Die Ursprünge lassen sich bis ins Jahr 1654 zurückverfolgen, als der Nadlermeister Quirinus Chorus begann Hand-Nähnadeln herzustellen und zu vertreiben. 1861 wurde die erste Nadelfabrik gebaut, zu Beginn des 20. Jahrhunderts avancierte das Unternehmen zum größten Nadelhersteller der Welt.

Schon damals wurde fleißig zugekauft, Hersteller von Knöpfen, Nieten, Verschlüssen, Speichen und sogar das Automobilunternehmen Fafnir kamen hinzu. 1955 dann verkaufte der damalige Eigentümer Walter Hesse die Firma an die Brüder Herbert und Horst Pavel.

Jeder übernahm je 50 Prozent – beide hatten zuvor Karriere gemacht, Herbert als Vorstandschef beim Conde Matarazzo in Brasilien gearbeitet und sich den Traum, Unternehmer zu sein erfüllt, sein Bruder Horst, der für die Quandts gearbeitet hatte, führte den Beirat.

Herbert expandierte, orientierte sich mehr am Umsatz, weniger am Gewinn. Der Vollblutunternehmer dachte groß, war aber auch sehr sparsam. Als sein Sohn Klaus 1970 ins Unternehmen kam, nach erfolgreichen Karrieren bei Siemens und Mercedes, gerieten die beiden aneinander: „Mein Vater hat mich dreimal rausgeschmissen und am nächsten Tag wieder eingestellt“, erinnert sich der heute 83-Jährige.

Der Sohn wollte sich auf die gut laufende Nadelzuführung konzentrieren, der Vater sein Konglomerat an Firmen erhalten. Wie die beiden Brüder Horst und Herbert, teilten sich deren Söhne Klaus und Uwe die Führung, Uwe wird nach dem Tode des Vaters ebenfalls Beiratschef.

Rheinnadel war damals einer von acht Nadelherstellern in Aachen. Klaus Pavel warb dafür, sich zu verbünden, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Der erfahrene Manager hatte auf seinen Reisen nach China gesehen, dass die dortigen großen Fabriken sonst den Markt übernehmen würden. Die so genannten „Nadelbarone“ wollten nicht auf diesen Vorschlag eingehen. Und so kam es, wie von Klaus Pavel prognostiziert: Die Nadelindustrie in Aachen verschwand.

Mitarbeiter werden am Erfolg beteiligt

Auch Rheinnadel musste die Produktion schließlich einstellen. Was aber blieb war das Know-how, die Zuführtechnik. Klaus Pavel hatte bereits1972 das Unternehmen RNA (Rhein-Nadel Automation) gegründet und baute es zum weltweiten Marktführer aus. Das präzise Zuführen von Kleinteilen in Produktionsanlagen wurde für den Maschinenbauer zum Kerngeschäft.

In den 1980er und 90er-Jahren wurden die anderen Unternehmen der Gruppe allesamt verkauft. Statt Nadeln baute das Unternehmen nun spezialisierte Maschinen. Von der Schaeffler-Gruppe kaufte Klaus Pavel Patente und Vertriebsstätten hinzu.

„Langlebige Familienunternehmen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, sich in regelmäßigen Abständen neu auszurichten, sich neu zu erfinden“, sagt Tom Rüsen, Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen. Durch Firmengründungen und Zukäufe wächst aus dem einstigen Nadelkonglomerat ein Weltmarktführer der Zuführtechnik heran. Klaus Pavel scheut sich auch nicht, Fachkräfte aus der Kneipe vor der Haustür der Konkurrenten abzuwerben. „Mit Erfolg“, wie er sagt.

Denn das, was er zu bieten hatte, hatten damals nicht viele Familienunternehmen: Eine Beteiligung der Mitarbeiter am Erfolg. „Wir haben sie seit der Gründung des Unternehmens immer am Ergebnis beteiligt“, erzählt Klaus Pavel stolz. Man müsse etwas zurückgeben und er zitiert gern ein chinesisches Sprichwort: „Wenn Du Menschen führen willst, musst Du hinter ihnen gehen.“ 

Sich sozial zu engagieren gehörte für die Familie dazu. Im ärmsten Staat  Brasiliens  versucht das Unternehmen  mit der Stiftung „Pavel Children Foundation“ seit Jahrzehnten, tausenden Kindern und Jugendlichen eine Perspektive zu geben. So erhielt Klaus Frau Gudrun Pavel für ihr Engagement das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik und Papst Franziskus lud die Familie zu einer Audienz.

Klaus Pavel zog sich 2003 aus der Geschäftsführung zurück, zwei familienfremde aber firmeneigene Führungskräfte – Jack Grevenstein und Benedict Borgreve – führten das Unternehmen. Die Eigentümer Uwe und Klaus hatten sich darauf geeinigt, dass kein Nachkomme die Firma führen sollte. „Wir wollten keinen Streit, nicht im Unternehmen und auch nicht in der Familie“ sagt Klaus Pavel.

Familie in der Führung

Er kümmert sich gern um den Aachen-Laurensberger Rennverein, den Ausrichter des Reitsportturniers Chio. 17 Jahre war er Präsident des Vereins. Auch dieser war einst ein Sanierungsfall, den er mit seinem unternehmerischen Gespür auf eine solide Basis gestellt hat. Unter seiner Leitung wurde auch der Chio zu einer Art Weltmarktführer – und gilt als die größte Reitsportveranstaltung weltweit. „Das war damals ein Sanierungsfall mit zerstrittenen Parteien und Klüngel.“ Heute ist Pavel Ehrenpräsident. Er bekam unter anderem den Goldenen Ring der Stadt Aachen, das Reiterabzeichen in Gold und den Verdienstorden des Landes NRW.

Im Jahr 2012 fragten die Geschäftsführer, ob nicht doch ein Nachfolger aus der Familie kommen möge, schließlich gab es drei Söhne. Es brauche als Garant für Kontinuität und Strategie, sowie für das Vertrauen der Mitarbeiter in das Unternehmen, wieder ein Familienmitglied an der Spitze. Zudem war die Unternehmensgruppe zu groß geworden, so dass die Geschäftsführung erweitert werden musste. Der zweite Sohn Christopher wurde gefragt, ob er in die Geschäftsführung eintreten würde. „Ich habe nicht lange überlegt“, sagt dieser.

Nach dem Abitur in einem Schweizer Internat, einem BWL-Studium in Paris und diversen Erfahrungen im Management und Maschinenbau bei anderen Unternehmen, war er für die Position gerüstet. Er hatte für SKF und die SMS Gruppe gearbeitet und zuletzt die Geschäfte in Deutschland bei Greengas International geführt. Summa summarum 15 Jahre Erfahrung im Maschinenbau. Seine ersten Amtshandlungen: Das Logo erneuern und auch nach außen zu kommunizieren, dass man Weltmarktführer ist.

Das Unternehmen RNA hat heute 400 Mitarbeiter und erwirtschaftet 61 Millionen Euro Umsatz. Neben dem Hauptsitz gibt es noch sieben weitere Produktionsstätten im In- und Ausland. An einer der letzten Unternehmensgründungen, der PSA Zuführtechnik GmbH (familienintern: „Pavel Sortiert Alles“), welche Kleinteile unter Reinraumbedingungen zuführt, wurde auch die Geschäftsführung beteiligt.

Neue Geschäfte im Internet der Dinge

Nahezu die Hälfte aller Kleinteile, welche im Haushalt verwendet werden wie Sprühköpfe von Fensterreinigern, Steckdosen, oder Verschlüsse von Quetsch-Apfelmus oder Orangensaft bis hin zu Teilen von Elektrogeräten liefen heute durch RNA-Maschinen, sagt Christopher Pavel.

Doch auch der erfolgreiche Mittelständler muss sich mit den veränderten Anforderungen der Industrie auseinandersetzen. „Uns stehen Herausforderungen bevor, wenn viele Verpackungen sich durch das größere Umweltbewusstsein der Verbraucher ändern“, sagt Christopher Pavel. Darüber hinaus wächst der Innovationsdruck. Entwicklungszyklen im Maschinenbau seien heute auf fünf bis zehn Jahre verkürzt, weiß Mittelstandsexperte Rüsen.

Natürlich spielt bei RNA auch das Thema Industrie 4.0 eine wichtige Rolle, 2018 kaufte RNA ein Start-up mit einer vielseitig einsetzbaren Technologie. Mittels Sensorik werden erfasst eine Box die Daten von Maschinen und überträgt sie in eine digitale Plattform. Mit dem Internet der Dinge will der Mittelständler ein neues Geschäft erschließen. Denn Gerät sei branchenübergreifend einsetzbar und könnte damit auch an andere Maschinenbauer verkauft werden.

Christopher Pavel indessen kann als junger Familienvater seine unternehmerische Ader auch im Nebenjob nicht verleugnen. Gemeinsam mit einem Freund hat der 44-Jährige das Start-up Bobby.baby gegründet, das ein portables Gerät zum automatischen Anstupsen von Babyschalen entwickelt hat. Eine Technologie, die Babies beruhigen und Eltern entlasten soll, in dem sie den unter einjährigen Nachwuchs in der Babyschale anwippt.

Christopher trat damit in der Show für Start-ups „Das Ding des Jahres“ bei Pro7 auf. Seine Hauptaufgabe aber liegt bei RNA. „Es ist schon schön, dass man selbst entscheiden kann“, sagt er. Dabei sind die beiden Fremdgeschäftsführer noch immer an seiner Seite. Sie hatten sich ja ein Familienmitglied an der Spitze gewünscht – und bekommen.