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In der Modebranche werden Engpässe wegen des Coronavirus in der Herbst-Winter-Saison erwartet

Die Epidemie setzt die Bekleidungsindustrie unter Druck. Denn China gilt als wichtiger Lieferant in der Modebranche.

Gerd Oliver Seidensticker kommt zur Pressekonferenz des Modeverbands German Fashion über das Coronavirus mit ganz frischen Eindrücken von seiner Reise aus Asien nach Düsseldorf. „Wir haben in unseren Werken in Indonesien und Vietnam quasi von Woche zu Woche entschieden, wie wir unsere Warenströme umsteuern müssen“, erzählt der Präsident des Verbands und Mitinhaber des gleichnamigen Hemden- und Blusenherstellers aus Bielefeld. Denn obwohl Seidensticker seine Hauptfertigung nicht in China hat, ist er bei seinen Vorlieferanten zum Teil auf Materialien aus der Volksrepublik angewiesen – wie viele andere in der Modebranche auch.

Für die Frühjahrs- und Sommerkollektion befürchten mehrere deutsche Modefirmen noch keine größeren Engpässe. Das sagten zumindest 46 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage, die German Fashion jetzt veröffentlichte. Sie beruht zwar auf einer Erhebung, die schon vor zweieinhalb Wochen stattfand. Doch Seidensticker versichert, dass sich „an diesem Trend nicht viel verändern würde, wenn die Befragung erst vor Kurzem stattgefunden hätte“.

Für die Herbst-Winter-Kollektion sind die Unternehmen wesentlich pessimistischer. Nur 27 Prozent erwarten keine Auswirkungen auf die Lieferungen aus Asien. 56 Prozent der Unternehmen rechnen hingegen mit Verzögerungen von mindestens einem bis zu mehr als zwei Monaten.

Viele der befragten Modefirmen haben einen ordentlichen Puffer, um Probleme in der Lieferkette aufzufangen. Bei 40 Prozent der Unternehmen reichen die Lagerbestände der Umfrage zufolge, um etwa zwei bis sogar drei Monate zu überbrücken.

Dennoch versucht ein Teil der Firmen, auf andere Märkte für die Bekleidungsproduktion auszuweichen. Doch Seidensticker ist davon überzeugt, dass China seine zentrale Position für die Modebranche behalten wird. „China ist und bleibt wichtigstes Importland für die deutsche Modebranche“, sagt der Familienunternehmer.

China liegt immer noch mit 8,2 Milliarden Euro auf Platz eins der Rangliste. Danach folgen Bangladesch (5,5 Milliarden Euro) und die Türkei (3,3 Milliarden Euro). Andere Länder liegen noch deutlich zurück, holen aber auf. Vietnam (Platz sechs) legte um sieben Prozent, Pakistan (Platz acht) um gut neun Prozent und Myanmar (Platz elf) sogar um mehr als 27 Prozent zu.

Wenig Spielraum

Die Spielräume, die Warenströme in der Lieferkette zu verändern, sind kurzfristig gering. Das liegt daran, dass solche Veränderungen Zeit brauchen und dass es zum Beispiel in Europa nicht genügend freie Kapazitäten gibt, um den Abzug von Fertigung aus Asien aufzufangen.

Kurzfristig versuchen aber immerhin 33 Prozent der Befragten, zehn Prozent des Beschaffungsvolumens nach Europa zu verlagern. Doch mittelfristig wollen noch viel mehr Modefirmen wenigstens Teile der Produktion aus Fernost nach Europa verlegen.

Denn anders als vielfach bekannt ist von dem Produktionsausfall in China nicht nur der mittlere Teil des Landes betroffen. Die Mitglieder von German Fashion berichten, dass in weniger als einem Drittel aller Produktionsstätten zurzeit mit voller Belegschaft gearbeitet wird. Ein großes Problem für viele Modefirmen in Deutschland ist es, in Corona-Zeiten die Warenströme zu steuern und zu überwachen. Das gilt insbesondere für Modefirmen, die ihre Kleidung weder selbst produzieren noch selbst in Asien beschaffen, sondern über Handelsagenturen beziehen.

Es ist zu erwarten, dass deshalb manches Unternehmen seine Einkaufsstrategie verändert, um von solchen Unwägbarkeiten wie der Corona-Epidemie unabhängiger zu werden.

Viele Unternehmen befürchten, so ein Ergebnis der Umfrage, dass die Produktionsausfälle den Beschaffungspreis für Textilien in den nächsten sechs Monaten steigen lassen werden. Ob auch die Preise in den Geschäften steigen werden, ist noch offen.

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