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Milliarden-Schuldenberg bedroht die türkischen Top-Fußballklubs

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Die türkische Wirtschaft leidet – und damit auch die Fußballvereine am Bosporus: Ihre Schulden sind inzwischen so hoch, dass bald Pleiten drohen.

Im Mai 2020 gab Loris Karius bekannt, seinen Leihvertrag mit Besiktas Istanbul sofort zu beenden. Der deutsche Torwart erklärte damals, der Verein habe vier Monate lang kein Gehalt bezahlt. Das ist kein Einzelfall – und kein Wunder: Allein die vier großen Vereine Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce aus Istanbul sowie Trabzonspor aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer sitzen derzeit auf einem Schuldenberg von mehr als 13 Milliarden türkische Lira.

Das zeigen die Handelsregisterauszüge der Vereine, die das Handelsblatt eingesehen hat. Die Summe entspricht umgerechnet fast 1,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2012 lagen die gesammelten Schulden der vier Klubs noch bei zwei Milliarden Lira.

Damit haben sich die Schulden innerhalb von acht Jahren in der Landeswährung mehr als versechsfacht. Bei Fenerbahce stiegen die Schulden in dem Zeitraum von 568 Millionen auf 5,2 Milliarden Lira (560 Millionen Euro). Besiktas hat laut Handelsregister 3,3 Milliarden Lira an Verbindlichkeiten ausgewiesen – nach 585 Millionen Lira im Jahr 2012. Bei Galatasaray stieg der Schuldenberg von 731 Millionen auf 3,3 Milliarden Lira (350 Millionen Euro), bei Trabzonspor von 178 Millionen auf 1,25 Milliarden Lira (130 Millionen Euro).

Der Präsident von Fenerbahce Istanbul, der Unternehmersohn Ali Koc, schließt jetzt sogar einen Verkauf der Vereine nicht mehr aus. „Ich will nicht, dass die Klubs verkauft werden“, sagte Koc im Gespräch mit Journalisten, „doch die wirtschaftliche Lage könnte uns dazu zwingen.“

In den vergangenen Jahren haben viele Vereine Euro- oder Dollar-Kredite aufgenommen, um ausländische Spieler einzukaufen. Dadurch wurde die türkische Süper Lig um einige bekannte Namen reicher, etwa den portugiesischen Verteidiger Pepe sowie Max Kruse, Wesley Sneijder, Didier Drogba, Robin van Persie oder eben Loris Karius. Zwischenzeitlich mussten sich die Vereine von ihren Fans sogar den Vorwurf gefallen lassen, dass immer weniger Spieler vor Anpfiff die traditionell abgehaltene Nationalhymne mitsingen.

Lira-Absturz macht den türkischen Vereinen zu schaffen

Im Jahr 2018 lag der Marktwert der Spieler in der türkischen Süper Lig bei mehr als einer halben Milliarde Euro, damals immerhin Platz sieben in Europa. Damals war der Wechselkurs der Lira gut, harte Währung war relativ günstig zu haben. Die Profivereine konnten sich die Fußballer aus Europa leisten.

Doch seit August 2018 hat die Lira zu Euro und Dollar rund zwei Drittel an Wert verloren. Die Profis wollten aber natürlich weiterbezahlt werden. Das hatte Folgen: Im vergangenen Jahr haben die türkischen Profivereine allein durch Wechselkursverluste 125 Millionen Euro verloren, nach 73 Millionen Euro im Vorjahr. Für die gesamte Süper Lig liegt das Minus bei 263 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Vereine aus der englischen Premier League generierten im selben Zeitraum einen Profit in Höhe von 382 Millionen Euro.

Bei den Zukäufen ging es weniger um umsichtige Finanzplanung. Vielmehr wollen die Funktionäre bei ihren Fans gut dastehen, indem sie bekannte Spieler in die Stadien holen. „Die Schulden werden dann häufig an die Nachfolger übergeben“, erzählt ein ehemaliger Funktionär von Besiktas Istanbul dem Handelsblatt.

Die Quittung kommt spät, aber sie kommt immer. Bereits im vergangenen Jahr löste der Verein den Vertrag von Pepe vorzeitig auf. Innerhalb von zwei Jahren hatte Besiktas dem Spieler Berichten zufolge elf Millionen US-Dollar versprochen – bis er den Funktionären zu teuer geworden war.

Der europäische Fußballverband Uefa hatte bereits im Oktober 2018 eine Strafe an Galatasaray verhängt, weil der Verein wiederholt die Finanzregeln des Verbandes gebrochen hatte. Zwei Jahre zuvor war Galatasaray deswegen bereits von den europäischen Spitzenturnieren ausgeschlossen worden.

Im Juni dieses Jahres wurde aus demselben Grund Trabzonspor ausgeschlossen. Und damit gehen dem Verein weitere Einnahmen verloren. Ein Teufelskreis.

Die Coronakrise hat bestehende Probleme nochmals verschärft

Der türkische Fußballverband TFF hatte noch Anfang 2019 mit lokalen Banken ein Restrukturierungspaket in Höhe von zehn Milliarden Lira ausgehandelt, damals waren das rund 1,3 Milliarden Euro. „Der Deal wird die finanzielle und administrative Struktur stützen“, hatte TFF-Präsident Yildirim Demirören damals erklärt. Doch die Schulden waren damit nicht getilgt, sondern nur in günstigere Konditionen zur Rückzahlung transferiert.

Und dann kam Corona. Mit den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus wurde die letzte Lebenslinie der Vereine gekappt: die vollen Stadien. Bereits im April war klargeworden, dass den Vereinen rund 30 Prozent Einnahmen verloren gehen würden. Als bekannt wurde, dass die Stadien bis mindestens zum Sommer geschlossen bleiben würden, setzte der lokale Pay-TV-Anbieter Bein Sports die Lizenzzahlungen an die Vereine aus. Es soll um rund 500 Millionen US-Dollar gegangen sein.

Die Regierung hatte die Spitzenklubs bislang immer protegiert und ihnen quasi einen Sonderstatus zugesprochen. So konnten sie ihre Vereinsstruktur behalten, ohne die Schulden aktiv begleichen zu müssen. Inzwischen sieht es jedoch nicht so aus, als würde die Regierung den großen altehrwürdigen Klubs noch einmal aus der Klemme helfen. Wenn die Vereine zur Tilgung gezwungen werden, wären auch Insolvenzen nicht mehr ausgeschlossen.

Fenerbahce-Präsident Koc hatte angekündigt, dass der Verein jetzt die Hälfte der VIP-Logen im Stadion wieder öffnen dürfe. „Das ermöglicht denen, die es sich leisten können, die Spiele wieder live zu verfolgen.“ Nach Gesprächen mit der türkischen Bankenvereinigung hätten die Geldgeber der Topklubs außerdem einen Aufschub geduldet. Die nächste Tilgungszahlung in Höhe von 561 Millionen Lira (62,23 Millionen Euro) steht demnach erst im Oktober nächsten Jahres an.

Es gibt übrigens auch schuldenfreie Profivereine in der Türkei. Dazu zählen die Klubs Kasimpasa, Basaksehir und Göztepe aus Istanbul sowie Sivasspor aus Ostanatolien. Vor allem dem Verein Basaksehir wird eine Nähe zur Regierung nachgesagt. In diesem Jahr hat der Klub zum ersten Mal die Meisterschaft gewonnen.