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„Mich überrascht, wie leise wir uns um unsere Städte sorgen“

Schnaas, Dieter
·Lesedauer: 5 Min.

Dass wir uns um den Einzelhandel sorgen ist nicht neu, sagt Stadtsoziologin Martina Löw. Sie spricht über lustlose Verwaltung öffentlichen Raums, das Ende der Fußgängerzone – und die Wiederbelebung der Innenstädte.

Martina Löw ist überrascht, wie leise die Sorge um Städte artikuliert wird. Foto: dpa
Martina Löw ist überrascht, wie leise die Sorge um Städte artikuliert wird. Foto: dpa

Martina Löw, 56, ist Professorin für Soziologie an der TU Berlin und Leiterin des DFG-Sonderforschungsbereichs „Re-Figuration von Räumen“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Stadt-, Raum-, Planungs- und Architektursoziologie. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter: „Vom Raum aus die Stadt denken –Grundlagen einer raumtheoretischen Stadtsoziologie“, transcript verlag, 2018, 24,99 Euro.

WirtschaftsWoche: Frau Löw, der Lockdown in Deutschland wird abermals verlängert, „viele Einzelhändler werden das nicht durchstehen“, warnt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Tötet das Coronavirus den urbanen Raum? Sterben unsere Städte?
Martina Löw: Die Sorge um den Einzelhandel ist nicht neu, die Entwicklung zeichnet sich bereits seit zwei Jahrzehnten ab. Aber jetzt spitzt sich der Trend dramatisch zu. Und mich überrascht, wie leise die Sorge um unsere Städte noch immer artikuliert wird. Dass immer noch keine Debatte darüber entbrennt, wie wir unsere Stadträume künftig gestalten wollen. Und dass man immer noch häufig meint, der Leere und Monotonie einer Innenstadt etwa mit dem Bau eines neuen Shopping-Centers begegnen zu können.

Woher rührt die Fantasiearmut der Raumplaner?
Vielleicht daher, dass der öffentliche Raum schlicht vorhanden ist: Man muss ihn nicht schaffen, nicht erfinden – also kann man ihn verwalten. Aber auch die Theorie bekommt den epochalen Wechsel und Qualitätswandel dessen, was wir unter „Öffentlicher Raum“ verstehen, noch nicht in den Griff. Die Klassiker der Stadtsoziologie sind alle vor der Digitalisierung geschrieben worden.

Georg Simmel und Max Weber beschrieben moderne Großstädte vor gut 100 Jahren noch als Orte der „Nervosität“ und der „Verbrüderung“. Walter Benjamin setzte den Kaufhaus-, Passagen- und Schaufenstermenschen in hellichten Metropolen noch als „Flaneuren“ ein Denkmal...
...und auch Hans Paul Bahrdt hat sein Standardwerk „Die moderne Großstadt“ bereits vor 50 Jahren geschrieben. Sie alle konnten die heutige Situation nicht mal erahnen. Es geht es ja nicht nur darum, dass das Onlinegeschäft auf Kosten des stationären Einzelhandels blüht. Dass sich Kaufhäuser nicht mehr rentieren und Ladengeschäfte schließen. Sondern es geht etwa auch darum, dass junge Leute heute mit ihren digitalen Endgeräten durch die Straßen laufen, sich im öffentlichen Raum Videos ansehen, gewissermaßen blind auf den Straßen unterwegs sind. Dass die Zoom-Konferenz das Kaffeehausgespräch ersetzt. Und der Spaziergang im Wohnviertel am Stadtrand das Geschäftsessen im Zentrum. Was hier stattfindet, ist nichts weniger als eine grundlegende Reorganisation unseres sozialen Lebens.

Und das Ende der Stadt als Begegnungsraum?
Die historische Stadt war geprägt von der wechselseitigen Durchdringung der Dreimächtigkeiten Wirtschaft, Politik und Religion - von Marktplatz, Rathaus und Kirche. Viele moderne Städte in den USA und Asien sind schon länger funktional ausdifferenziert – denken Sie etwa an die Business-Cities, die spätnachmittags und abends leergefegt sind und die es jetzt bald womöglich auch tagsüber sein werden. Pandemie und Digitalisierung sorgen nun dafür, dass auch viele europäischen Städte als gewachsene, vergleichsweise komplexe und heterogene Räume durchlöchert werden. Unser Begriff und unser Gefühl dessen, was eine „Stadt“ ist und auszeichnet, ändert sich gerade von Grund auf.

Warum schauen wir dabei weitgehend tatenlos zu? Warum sind wir so träge und desinteressiert, wenn es um die Gestaltung unseres Lebensraumes geht?
Ich vermute erstens: Weil wir zu sehr mit der Gestaltung der Zeit beschäftigt sind. Moderne Gesellschaften wollen die Zukunft gewinnen, das Morgen erobern. Wir lesen gern Geschichtsbücher und Biografien, glauben an einen Fortschritt – denken bevorzugt linear, nicht räumlich. Zweitens handelt es sich bei der Refiguration des öffentlichen Raumes um einen fließenden, niemals abgeschlossenen Prozess – also um eine offene Fortsetzungsgeschichte, die sich oft erst im Rückblick einleuchtend in Kapitel einteilen ließe. Insofern können wir kaum anders, als der Entwicklung nachsteuernd hinterher zu hecheln.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier spricht davon, dass „Innenstädte wieder Lieblingsplätze“ werden sollen und kündigt ein Hilfsprogramm zu ihrer Modernisierung an. Was halten Sie davon?
Geld ist gut. Aber Geld benötigt Konzepte. Eine Fußgängerzone mit den immer gleichen Filialgeschäften erzeugt vor allem Monotonie und verwandelt sich spätabends...

... in eine unbelebte Furchtzone...
...jedenfalls in einen Raum, dem es an Achsen, Orten und Kreuzungspunkten mangelt, die belebend wirken: an Straßen und Restaurants, Hotels, Galerien und Kinos, wie sie etwa den Kudamm in Berlin auszeichnen, der von den Menschen tags und nachts angesteuert wird. In Zukunft müssen es ja nicht unbedingt nur Autostraßen sein, die eine Innenstadt beleben. Sondern etwa auch Fahrradwege.

Was können Bürgermeister sonst noch tun, um ihre Innenstädte lebenswert zu erhalten?
Ich denke, sie sollten versuchen, den Charakter ihrer Städte zu stärken. Sollten Ladenlokale ansiedeln, vielleicht auch subventionieren, für deren Erhalt die Menschen in der Stadt kämpfen würden. Sollten ein Angebot schaffen, dass sich seine Nachfrage schafft. Sollten sich vielleicht sogar spezialisieren, eine verlässliche Anlaufstelle für bestimmte Produkte sein. Das wäre vor allem für Kleinstädte wichtig, für die sich der Online- und Digitalisierungstrend ganz besonders bedrohlich darstellt. Und natürlich sollten Städte auch architektonisch versuchen zu punkten: mit neuen Plätzen und Gebäuden jenseits der Verwechselbarkeit, die durchaus auch etwas Reibung erzeugen dürfen im Ensemble des Bestands – und Räume schaffen, die der Charakterbildung einer Stadt dienen.

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