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McKinsey-Deutschlandchef: „Man darf sich nicht von Angst leiten lassen“

Cornelius Baur ist überzeugt: Die mutigen Unternehmen werden am besten aus der Krise kommen. Dazu müssen sie sich aber verändern.

Das Frühjahr war für Cornelius Baur eine anstrengende, aber auch lehrreiche Zeit. Die Corona-Kontaktbeschränkungen griffen tief in den Arbeitsalltag des Deutschlandchefs der Strategieberatung McKinsey ein. Im Homeoffice mit ständigen Videokonferenzen zu arbeiten – das war er nicht gewohnt.

Seit einem Monat ist Baur wieder draußen bei den Klienten, um Strategien für die Zeit nach dem Lockdown zu besprechen. „Ich erlebe, wie die Unternehmen sich neu ausrichten. Einiges davon ist Krisenmanagement, aber ich höre auch vieles, das uns Mut machen sollte“, sagt der Berater.

Tatsächlich befinden sich viele deutsche Unternehmen noch im Krisenmodus, vor allem in den Branchen, in denen die Corona-Pandemie einen abrupten und immer noch anhaltenden Umsatzeinbruch ausgelöst hat – etwa in Luftfahrt und Touristik. Aber auch in den meisten anderen Bereichen gilt für Unternehmer die Maßgabe: Liquidität sichern, wo immer es geht, um nicht in Schieflage zu geraten.

Doch die Firmen müssen sich zugleich auf die nächste Wachstumsphase vorbereiten – denn die kommt garantiert. Das gilt auch für die Beratungsgesellschaften, die vom Lockdown und den Sparbemühungen der Mandanten unterschiedlich getroffen sind. Einige Projekte wurden ausgesetzt, viele gestreckt oder nach hinten verschoben. Dabei ist der Beratungsbedarf groß.

McKinsey ist nach eigener Einschätzung bislang robust durch die Krise gekommen. Deutschlandchef Baur richtet den Blick nach vorn, das rät er allen Führungskräften. „Schon frühere Krisenphasen haben eines gelehrt: Man darf sich nicht von Angst leiten lassen“, sagt der 58-jährige Betriebswirt. McKinsey hat dafür international den Begriff „Through cycle perspective“ geschaffen.

Das heißt: Entscheidungen sollen nicht allein aus kurzfristigen Erwägungen getroffen werden, sondern es zählt die mittel- bis langfristige Orientierung. Praktisch bedeutet der Ansatz, dass ein Unternehmen in einer Boomphase nicht wahllos investiert und alles auf Wachstum setzt, sondern auch in Schönwetterzeiten Kostendisziplin bewahrt. In der Krise wiederum gehört dazu, trotz der Belastungen und Unsicherheiten Geld in künftiges Wachstum zu stecken.

Dieser Maßgabe folgt auch McKinsey selbst. Investieren bedeutet für eine Beratung vor allem, neues Personal einzustellen, denn Consulting ist ein „People’s Business“, wie es im Beraterjargon heißt. Vor der Krise hatte McKinsey angekündigt, in Deutschland bis zu 850 neue Mitarbeiter einstellen zu wollen. An diesem Plan will die Gesellschaft trotz Pandemie festhalten.

„Wenn wir aus Furcht vor der Krise aufhören würden, guten Nachwuchs zu rekrutieren, würden wir das später zu spüren bekommen – sobald die Wirtschaft wieder floriert und wir die Talente brauchen“, sagt Baur.

Produktive Mentalität entwickeln

Denn wenn die Wirtschaft wieder wächst, steigt auch die Zahl der Beratungsprojekte. Dann müssen die Consultingfirmen für die Mandanten schnell Kapazitäten bereitstellen. Keine einfache Aufgabe: Die Fluktuation in der Branche ist generell hoch, viele gute Berater wechseln zum Beispiel in die Industrie. Deshalb müssen Talente immer wieder neu aufgebaut werden.

Neue Mitarbeiter in der Krise einstellen – dazu gehört Mut. Den wünscht sich Baur nicht nur in der eigenen Beratung, sondern für die deutsche Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt: „Für das Land ist es jetzt eine ganz wichtige Phase: Wir müssen es hinbekommen, die Sicherheit der Menschen zu schützen und gleichzeitig wieder eine produktive Mentalität zu entwickeln“, sagt er – und schiebt eine Warnung hinterher: „Wir müssen die wirtschaftlichen Lücken selber wieder schließen – sonst tun das andere“, erklärt Baur.

In der ersten Phase hat Deutschland die Krise aus seiner Sicht sehr gut gemeistert. Baur beschreibt dies als einen Mix aus Disziplin, Vernunft, einem belastbaren und funktionierenden Gesundheitssystem sowie einer handlungsfähigen politischen Führung. Jetzt komme es darauf an, mit Schwung den ökonomischen Schaden einzugrenzen.

„Die mutigen Unternehmen werden am besten aus der Krise kommen. Corona hat uns vor Augen geführt, wo wir ansetzen können“, erläutert der Berater. Vielen Managern sei deutlich geworden, dass die Entscheidungswege im Normalbetrieb viel zu komplex waren.

Plötzlich musste sehr schnell entschieden werden, ohne die aufwendigen internen Abstimmungsprozesse. Das hat nach Baurs Beobachtung gut funktioniert. „Wenn wir über das ,Next Normal‘ nachdenken, dann gehören agile und schnelle Entscheidungsprozesse dazu.“

Doch er erwartet auch strukturelle Veränderungen: Um in der Schwächephase ebenfalls investieren zu können, werden die Unternehmen ihre Mittel sehr gezielt einsetzen müssen – die viel zitierte Fokussierung könnte an Fahrt gewinnen. Baur erwartet, dass viele Unternehmen ihr Geschäftsmodell klarer und präziser fassen werden: „Darin liegt eine riesige Chance.“ Das werde zu einer neuen Welle von Übernahmen und Teilverkäufen führen, prognostiziert Baur.

Innovationen gefragt

Den Weg raus aus der Krise, hin zu Wachstum könne die deutsche Wirtschaft nur mit Innovationen schaffen. „Deutschland wird nie günstiger als andere produzieren – nur wenn wir die Produkte und Herstellungsverfahren weiterentwickeln, halten wir die Qualitätsspitze“, rät der Strategieberater. Die Fähigkeiten dazu hätten die Unternehmen allemal.

Im Zentrum wird nach Baurs Ansicht weiterhin die Digitalisierung stehen. Der Corona-Lockdown hat in vielen Bereichen die Defizite deutlich gemacht, in Schulen, aber auch in Unternehmen. Doch zugleich war und ist die Lernkurve steil, wie etwa das lange Zeit kritisch beäugte und nun akzeptierte Arbeiten im Homeoffice zeigt. „Wir haben in Sachen Digitalisierung in drei Monaten so viel gelernt wie sonst in fünf Jahren“, sagt Baur. „Das sollte zum Motor der Veränderung werden.“

Mut braucht aber auch Vertrauen, etwa ins Krisenmanagement. „Mich macht es ein Stück weit stolz, wie weit wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen in Europa sind.“ Auch die Unternehmen hätten in der kritischen Phase sehr pragmatisch zusammengearbeitet, etwa mit der Bereitstellung von Testkapazitäten oder dem Auftreiben von Schutzmasken.

Im derartigen Zusammenarbeiten sieht Baur einen weiteren Weg aus der Krise: Kräfte bündeln, gemeinsam Innovationen entwickeln und Größenvorteile realisieren, statt immer alles nur allein zu versuchen.

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