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Marco Boglione: Italiens erfolgreicher Nerd

Der Gründer hat mit Basicnet eine für Italien außerordentlich innovative Internetfirma in der Modebranche aufgebaut. Seine Nachfolge hat er vorausblickend geregelt.

„Als Pionier würde ich mich nicht bezeichnen, eher als Entdecker – aber auch als Nerd, einer der ersten in Italien“, sagt Marco Boglione. Entspannt sitzt der Chef von Basicnet im Büro in Turin und greift wie zur Bestätigung an seine Vintage-Brille aus hellem Kunststoff. „Ich bin ein Entdecker, der ein Risiko eingeht, der Probleme bewältigt, und für den es nur das Ziel gibt“, ergänzt der hochgewachsene Manager im dunkelblauen Pullover mit K-Way-Logo.

Heute sei er angekommen: „Ich mache mit 63 Jahren immer noch das, was ich schon mit 15 wollte: Unternehmer sein.“

Boglione ist ein Unternehmer, der in Italien aus der Reihe fällt. Der Gründer steht zwar an der Spitze eines soliden Familienunternehmens, das so charakteristisch ist für die italienische Industrielandschaft, aber er hat ein innovatives Geschäftsmodell, das eher nach Kalifornien als ins Piemont passt.

1994 gründete er Basicnet – eine Plattform vergleichbar mit Amazon, Airbnb oder Uber, ein Marktplatz für Lizenznehmer und Produzenten von Mode. Die Idee sei auf einem Stück Papier entstanden, in der Pizzeria. „Ich habe das Papier noch“, sagt er heute.

In einem ersten Schritt kaufte er nacheinander vier Marken für Sportkleidung und Freizeitschuhe: Roba di Kappa, K-Way, Superga und Sebago. Dann kam noch Jesus Jeans dazu, die Marke, die durch ein Foto einer weiblichen Rückansicht in Jeans-Hotpants bekannt wurde. Das Foto schoss Starfotograf Oliviero Toscani, von dem auch die Benetton-Kampagnen stammen, und hängt heute über Bogliones Schreibtisch.

Als Nächstes ersteigerte er die Fabrik und das Lager eines insolvent gewordenen Sportbekleidungsunternehmens, von dem er zuvor einige der Marken übernommen hatte. „Wir haben nicht wiederaufgebaut, sondern etwas anderes gemacht, das Geschäftsmodell komplett geändert, unsere eigene Revolution gemacht“, erklärt er.

Als er das erste Mal mit dem Auto zu einem Treffen mit künftigen Lizenznehmern gefahren sei, habe er ein flaues Gefühl im Magen gehabt. „Ich hatte nichts hergestellt und kein Produkt zu verkaufen, sondern bot nur einen Marktplatz an“, erinnert er sich.

Börsengang im Jahr 1999

Doch sein Geschäftsmodell funktionierte. 1999 brachte er Basicnet an die Mailänder Börse. Heute verbindet sein Marktplatz die Hersteller seiner Marken mit 400 Firmen und 200 Distributoren weltweit. Kappa ist die wichtigste Marke und in 130 Märkten. Am meisten Potenzial habe K-Way, sagt er. Und Deutschland sei ein sehr wichtiger Markt.

„Die Produktionspartner sind unabhängige Unternehmer, die wir sorgfältig auswählen“, erklärt der Chef, „wir geben ihnen eine Lizenz, und sie zahlen uns einen Prozentsatz, aber wir haben das Copyright auf die Marken und das Design.“

Basicnet berechnet eine Kommission in Höhe von acht Prozent für den Hersteller und zehn Prozent für den Distributoren. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte Boglione die Zahlen für die ersten neun Monate: 235,8 Millionen Euro Umsatz, mit einem Plus von 55,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. „Innerhalb von weniger als 20 Jahren haben wir den Umsatz verfünffacht“, sagt Boglione stolz, „und wir haben keine Schulden.“

Doch ihn interessiert etwas anderes viel mehr: die Milliardenmarke. Die will er 2020 knacken. Eine Milliarde bei einem Neunmonatsumsatz von 235,8 Millionen? „Wir kapitalisieren nur einen kleinen Teil unserer Aktivitäten, denn wir sind heute acht- bis neunmal so viel wert“, erklärt er.

„Der Zuwachs kommt von unseren Lizenzgebühren, aber der Wert der Marken ist nicht darin enthalten.“ Das Ziel liegt nahe, denn der aggregierte Umsatz der Lizenznehmer betrug in den ersten neun Monaten 777 Millionen Euro.

Bis zu 30-mal im Jahr war Boglione, der aus einer wohlhabenden Turiner Unternehmerfamilie stammt und vier Kinder hat, seit den 70er-Jahren in den USA. Er ist ein Fan von Bill Gates und Steve Jobs, die seine Altersgenossen sind und waren.

Er fühlt sich als Revolutionär wie die Pioniere aus Kalifornien. „Ich bin Legastheniker, farbenblind und war schlecht in der Schule, liebte aber Mathematik und Computer“, erzählt er freimütig mit einem Grinsen, „also perfekt für eine der drei großen Passionen der Zeit damals: Politik, Musik oder Informatik. Che Guevara, die Beatles oder IT. Für uns Kids war das eine Revolution. Wir wollten die Welt ändern.“

Ein Andenken an die Zeit steht im Eingang der Firma auf einem Sockel: ein Apple IIc. „Ich bin weltweit der größte Sammler von Vintage-Computern“, sagt Boglione. Den ersten seiner Sammlung hat er gerade ausgeliehen für eine Ausstellung in Cupertino.

Und auch der Firmennamen „Basicnet“ verrät den Nerd: Es ist die Abkürzung für „Beginner‘s All-purpose Symbolic Instruction Code“, eine Programmiersprache von 1988. Ohne das Internet würde es sein Unternehmen nicht geben, gibt er zu, „dann wäre ich gescheitert“. „Heute ist Basicnet das Amazon – vielleicht auch ein bisschen das Alibaba – der Sportswear-Hersteller und -Distributoren.“

Er habe Glück gehabt, sagt er und breitet die Arme aus, „ein paarmal war ich in Situationen, hätte ich da zwei Schachzüge falsch gemacht, wäre ich heute nicht hier“.

Im Erdgeschoss stehen auch die Server, das Allerheiligste des Unternehmens. Der Sitz von Basicnet ist ein Stück Industriegeschichte der Autostadt Turin, perfekt restauriert. Noch immer steht neben Basicnet auch „Maglificio Calzificio Torinese“ auf einem Schild am Eingang, „Turiner Strick- und Strumpfwarenfabrik“.

Boglione hat einen guten Ruf in Italien. „Basicnet ist für Turin ein sehr wichtiges Unternehmen, Boglione hat aus einer alten Fabrik ein erfolgreiches modernes Unternehmen gemacht, praktisch eine „Google-Fabrik“, die sich in einem extrem wettbewerbsorientierten Umfeld behauptete, sagt Vincenzo Illotte, der Präsident der Industrie- und Handelskammer von Turin. „Und er hat das ganze Viertel reurbanisiert, er ist für mich ein großer Visionär.“

In dem historischen Gebäude arbeiten rund 400 der 811 Angestellten, die Verwaltung, IT-Spezialisten und -Entwickler sowie Designer. Die Zukunft hat der Gründer perfekt durchgeplant. 19 Topmanager, die über 60 waren, wurden in den vergangenen sieben Jahren ausgetauscht, „die komplette erste Reihe, und ich selbst bin der 20.“, sagt Boglione.

Im Verwaltungsrat sei das Durchschnittsalter um zehn Jahre gesunken. Der neue CEO Federico Trono ist Jahrgang 1973.

Das sei normal für die USA, aber ungewöhnlich für Italien. Ein Familienunternehmer ist er trotzdem: Zwei Söhne, Lorenzo und Alessandro, sitzen seit diesem Jahr im Verwaltungsrat. Und er hat eine Familienholding geschaffen, Basicworld, die das Familienvermögen verwaltet und Immobilienprojekte verfolgt.

Zwei Jahre will er das Unternehmen noch führen, auch wenn Businesspläne ihm fremd geblieben sind. Er habe nie einen gemacht oder einen gelesen. „Das ist doch nur ein Zusammen von richtigen Summen und falschen Zahlen“, meint er. „Wir haben keinen Plan, sondern eine Business-Vision und wissen, wo wir in 20 Jahren sein wollen.“ Jetzt wird der Nerd ernst. „Ich glaube an den Marktplatz, an das Netz, und ich glaube, dass ich zum Amazon meiner Branche werde.“