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Kann man den Umfragen trauen? – USA verzeichnen zwei Rekorde

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Liebe Leserinnen und Leser,

was ist, wenn die Umfragen falsch liegen? Anhänger des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden halten sich trotz seines soliden Vorsprungs mit Enthusiasmus vor dem Wahltag zurück. „Wenn man sich einmal verbrannt hat, hat man Angst vor dem Feuer”, sagt eine Biden-Unterstützerin in Washington in Anspielung auf 2016.

Damals rechneten die meisten Meinungsforscher mit einem klaren Sieg von Hillary Clinton. Im Rückblick mussten sie einräumen, dass nationale Umfragen kaum dazu taugen, die Stimmung in den einzelnen Bundesstaaten einzufangen.

Damals entschieden sich Endspurt zur Wahl genügend Menschen für Trump, um ihn ins Weiße Haus zu katapultieren. Doch genau so einen Last-Minute-Schwung scheint es in diesem Jahr nicht zu geben, analysiert die Washingtoner Denkfabrik Pew Research.

„Ein viel kleinerer Teil der Wähler ist unentschlossen, und die Wahlbeteiligung könnte im ganzen Land höher sein. Das gibt Trump weniger Spielraum, im letzten Moment aufzuholen.” Außerdem ist Bidens Vorsprung konstant höher als der von Clinton. Das heißt vereinfacht: Die Umfragen könnten ähnlich irreführend sein wie beim letzten Mal, und Biden hätte trotzdem gute Chancen auf einen Sieg.

Dies bestätigen auch die aktuellen Umfrageergebnisse. Dementsprechend kann Biden seinen Vorsprung mit 7,2 Prozent halten. Nichtsdestotrotz konnte Trump zuletzt in den in wichtigen „Swing States“, oder auch „Battleground States“ Trump leicht aufholen. In Nordkalifornien liegt Trump lediglich 0,3 Prozent hinter Biden. In Arizona sind es 1,2 Prozent und in Florida 1,4 Prozent die Biden führt.

Den Umfragewerten zufolge liegt Trump jedoch in Wisconsin mit 6,6 Prozent zurück, in Michigan sind es 5,1 Prozent. Auch in Pennsylvania hat Biden die Nase mit 4,3 Prozent vorn. Den für die Wahlen besonders wichtigen Bundesstaat besucht Trump jedoch am Montagabend – somit kann sich das Ergebnis hier auch noch wandeln.

Trotzdem spricht noch etwas für Biden: Der Wirtschaftseinbruch im Frühjahr hängt Trump nach, auch wenn sich die Lage zuletzt leicht erholte. Seit 1952 hat jeder amtierende Präsident den Kampf um seine Wiederwahl verloren, wenn es im Wahljahr zu einer Rezession kam. Ausgeschlossen ist Trumps Wiederwahl trotzdem nicht, zumal aufgrund des Wahlsystems auch der Kandidat mit den meisten absoluten Stimmen unterliegen kann.

Kurz vor den Wahlen gehen Trump und Biden in die Schlussoffensive, die Kampagnen kämpfen um jede Stimme. Entschieden wird am Wahltag, und der ist geprägt von Polarisierung und einer außer Kontrolle geratenen Pandemie.

Dazu kommen Befürchtungen vor Desinformation, Unruhen und einer Patt-Situation. In Städten wie New York, Washington und San Francisco verriegeln Läden, Büros und Restaurants ihre Fenster - für den Fall, dass es zu Ausschreitungen kommen sollte.

Ein Großteil der Wahlen ist allerdings schon gelaufen: Mehr als 90 Millionen US-Bürger haben bereits gewählt. Das ist eine absolute Rekordzahl und entspricht schon jetzt zwei Dritteln aller abgegebenen Stimmen von 2016.

Viele Bundesstaaten haben in der Pandemie die Vorschriften für Briefwahlen gelockert und zum Beispiel Einwurfboxen aufgestellt, damit die Unterlagen nicht per Post verschickt werden müssen. Stichproben zufolge sollen unter den Frühwählern um die zehn Prozent frühere Nichtwähler sein - was dafür spricht, dass die Mobilisierung in diesem Jahr besonders intensiv ist und die sonst eher magere Wahlbeteiligung insgesamt steigen könnte.

Ein anderer, trauriger Rekord ist an der Covid-Front zu verzeichnen. Binnen einer Woche haben die USA eine Million neue positive Fälle gemeldet. Das sind doppelt so viele wie im Wochenschnitt der Sommermonate. Anthony Fauci, Chef der US-Infektionsbehörde, hat der „Washington Post” ein Interview zur Gesamtlage gegeben.

Es ist ein aufschlussreiches, deprimierendes Lesestück, das die Zeitung ohne Bezahlschranke zur Verfügung stellt. Demnach hat Fauci seit einem Monat keinen Kontakt mehr zu Trump - die Corona-Task-Force des Weißen Hauses ist klinisch tot.

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What's next?

Pennsylvania, immer wieder Pennsylvania: Trump besucht den für den Wahlen extrem wichtigen Bundesstaat am Montagabend - und hält dort eine Late-Night-Rally in Scranton ab, dem Geburtsort von Joe Biden. Der Wetterbericht sagt Schnee voraus. Biden und Kamala Harris stimmen ihre Anhänger ebenfalls in Pennsylvania auf die Wahlen ein, sie treten mit John Legend und Lady Gaga in Pittsburgh und Philadelphia auf. Bidens Ex-Chef Obama tourt parallel durch Georgia und Florida. Obama hat im Endspurt so viele Auftritte, dass man fast vergessen könnte, wer zur Wahl steht.

Ansonsten bereiten die Kampagnen den letzten Schliff zur Wahlnacht vor. Nach aktuellem Stand wird Trump im Weißen Haus verbringen. Ursprünglich war eine Party im Washingtoner Trump-Hotel geplant, doch in der US-Hauptstadt herrschen strenge Regeln in Corona-Zeiten, deshalb drohte ein Verbot der Sause.

Sein Team hat außerdem einen „War Room” in der nahe gelegenen Stadt Rosslyn eingerichtet. Bidens Kampagne verschickte am Wochenende Einladungen für eine Rede in seiner Wohnstadt Wilmington im Bundesstaat Delaware. Schon den Parteitag der Demokraten hatte er dort verbracht, gefolgt von einer Open-Air-Rally im Autokino-Stil. Ein ähnliches Format ist für die Wahlnacht denkbar.