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Lehrermangel befeuert Trend zur Privatschule – Ein Weg aus der Bildungsmisere?

Privatschüler schneiden im internationalen Vergleich nachweislich besser ab als andere. Gleichzeitig wird die Schulform immer beliebter.

Je höher der angestrebte Abschluss, desto höher fällt auch der Anteil der Privatschüler aus. Foto: dpa

Eigentlich könnten Hongkong, Taiwan und China unterschiedlicher nicht sein: demokratische Werte und Marktwirtschaft hier, Diktatur und Staatskapitalismus dort. Eines aber verbindet die drei asiatischen Staaten: ihr Bildungseifer. Bei der alle drei Jahre durchgeführten Pisa-Studie belegen sie regelmäßig Spitzenplätze.

Ähnlich wie in Korea oder Japan liegen die Leistungen 15-jähriger Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften weit über dem Mittelwert der OECD-Staaten − und weit über dem Kompetenzniveau ihrer Altersgenossen in Deutschland: Die viertgrößte Volkswirtschaft übertrifft nur knapp den internationalen Durchschnitt.

Selbst deutlich kleinere Wirtschaftsnationen wie Estland oder Irland schneiden erheblich besser ab als die hiesigen Schüler. Umgerechnet beträgt der Niveauunterschied zwischen deutschen Schülern und den Bildungssiegern in Europa und Fernost bis zu zwei Schuljahre.

Und noch etwas fällt auf: Vergleicht man die Testergebnisse von Schülern an privaten und öffentlichen Schulen direkt miteinander, schneiden Privatschüler in Deutschland ähnlich wie in vielen anderen Ländern nachweislich besser ab. Sind mehr Privatschulen also ein Weg aus der Bildungsmisere?

Ganz so einfach ist die Sache nicht. Fest steht aber: Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen. In den vergangenen 20 Jahren ist hierzulande die Zahl der Privatschüler kontinuierlich angestiegen, im Schuljahr 2018/19 wurde erstmals die Marke von einer Million geknackt.

Trotz des Booms ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Schule in freier Trägerschaft besuchen, hierzulande aber noch deutlich geringer als in Nachbarstaaten wie den Niederlanden oder Dänemark.

Bildung steigert Wohlstand

Für Ludger Wößmann, Professor für Volkswirtschaft an der LMU München und Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, sind gute Pisa-Ergebnisse mehr als eine Frage der nationalen Ehre: „Die moderne bildungsökonomische Forschung belegt, dass eine gute Bildung von zentraler Bedeutung sowohl für den wirtschaftlichen Wohlstand als auch für die Chancengleichheit in der Gesellschaft ist.“

Die in internationalen Tests gemessenen Leistungen seien ein entscheidender Faktor für langfristiges volkswirtschaftliches Wachstum, so der Experte. Eine Bildungsreform, die Deutschland aus dem Pisa-Mittelfeld in die Nähe der Spitzenreiter brächte, könne langfristig sogar das Wirtschaftswachstum um 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte pro Jahr erhöhen, sagt Wößmann.

Um die Bildungsleistung zu verbessern, bringe es aber kaum etwas, einfach nur die Bildungsausgaben zu erhöhen oder die Schulzeit zu verlängern. Vielmehr müssten mehr Leistungsanreize für die Schulen geschaffen werden, etwa durch eine größere Autonomie für die Schulen, mehr Vergleichbarkeit − und auch durch mehr Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen.

Der Experte schlägt vor, Schulen in freier Trägerschaft den öffentlichen finanziell gleichzustellen. Dann könnten Eltern sich unabhängig vom Einkommen die aus ihrer Sicht beste Alternative für ihr Kind aussuchen, schlägt der Experte vor.

Wohlstand fördert Bildung

Derartige wissenschaftliche Unterstützung für Privatschulen ist in Deutschland ungewöhnlich. Viele Bildungsforscher betonen eher, dass nicht etwa die höhere Leistungsfähigkeit der Privatschulen zu den besseren Pisa-Ergebnissen führe, sondern vielmehr die selektive Zusammensetzung der Schülerschaft.

Schulen in freier Trägerschaft würden viel häufiger von Jugendlichen besucht, die besonders günstige Lernvoraussetzungen haben, da sie aus bildungsnahen und sozial privilegierten Familien stammen, wie Lars Hoffmann vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität in Berlin sagt. Rechne man diesen Effekt heraus, verschwänden die Leistungsvorteile von Privatschulen nahezu vollständig.

Ähnlich sieht es auch die OECD: Länder mit einem höheren Anteil an Privatschulen seien nicht per se erfolgreicher, heißt es in einem Pisa-Forschungspapier aus dem Jahr 2011.

Für immer mehr Eltern, die sich für ihre Kinder eine gute Ausbildung wünschen, fühlt sich das im Schulalltag allerdings anders an. Während viele staatliche Schulen mit bekannten Hemmnissen wie Lehrermangel und unbefriedigender Ausstattung zu kämpfen hätten, könnten private Schulen teils mit sehr engagierten Lehrkräften für sich werben, beobachtet Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats, eine deutschlandweit organisierte Vertretung der Eltern aller Schulen.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Je höher der angestrebte Abschluss ist, desto höher fällt auch der Anteil der Privatschüler aus. An Gymnasien beträgt er laut Statistischem Bundesamt zwölf Prozent, an integrierten Gesamtschulen nur sechs Prozent.

Oft sind es besonders bildungsaffine, finanziell bessergestellte Eltern, die ihr Kind auf eine private Schule schicken – sei es auf Elite-Internate wie Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, die mit hohen Abiturquoten und guten Notenschnitten werben. Oder auf Schulen mit individuellen pädagogischen Konzepten wie die Kieler Lernwerft, bei der die Schüler vom Kindergarten bis zum Abschluss im Klassenverband zusammenbleiben, nicht sitzen bleiben und bis zur achten Klasse keine Noten erhalten.

Das Manko der sozialen Entmischung ließe sich durch eine vollständige Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft beheben, meint Experte Wößmann: „Mehr Wettbewerb führt zu einem höheren Leistungsniveau – gerade auch bei benachteiligten Kindern, die im jetzigen System keine Alternative haben.“