Werbung
Deutsche Märkte schließen in 41 Minuten
  • DAX

    17.100,92
    +32,49 (+0,19%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.766,70
    +6,42 (+0,13%)
     
  • Dow Jones 30

    38.488,03
    -75,77 (-0,20%)
     
  • Gold

    2.039,80
    0,00 (0,00%)
     
  • EUR/USD

    1,0813
    +0,0001 (+0,01%)
     
  • Bitcoin EUR

    47.274,55
    -520,88 (-1,09%)
     
  • CMC Crypto 200

    885,54
    0,00 (0,00%)
     
  • Öl (Brent)

    77,42
    +0,38 (+0,49%)
     
  • MDAX

    25.654,32
    -103,99 (-0,40%)
     
  • TecDAX

    3.329,00
    -31,88 (-0,95%)
     
  • SDAX

    13.699,38
    -20,79 (-0,15%)
     
  • Nikkei 225

    38.262,16
    -101,45 (-0,26%)
     
  • FTSE 100

    7.658,81
    -60,40 (-0,78%)
     
  • CAC 40

    7.796,80
    +1,58 (+0,02%)
     
  • Nasdaq Compositive

    15.539,21
    -91,57 (-0,59%)
     

„Ich möchte mein normales Leben zurück“ – Münchner Gründer steckt in Gaza fest

Links sein "normales Leben" am Münchner Stachhus, rechts seine derzeitige Realität: Der Gründer Mahmoud Alwadia berichtet, wie er seit mehr als 100 Tagen im Gazastreifen feststeckt.
Links sein "normales Leben" am Münchner Stachhus, rechts seine derzeitige Realität: Der Gründer Mahmoud Alwadia berichtet, wie er seit mehr als 100 Tagen im Gazastreifen feststeckt.

„Tinkering" steht in seinem WhatsApp-Status, zuletzt geändert am 13. August 2023, am Basteln sei er. Und zwar an seinem ersten, eigenen Startup. Ein Gründer „in stealth mode“. Zwei Monate zuvor hatte Mahmoud Alwadia seinen Job als Senior Software Engineer bei Shopify in München aufgegeben, um zu gründen. Und es sah alles ziemlich gut aus für den 27-Jährigen. Er hatte es in das hochbegehrte Accelerator-Programm des internationalen Frühphaseninvestors Antler geschafft, sich gegen Tausende Konkurrentinnen und Konkurrenten durchgesetzt. In der Herbst-Kohorte 2023 in München wäre er dabei gewesen. Hätte er nicht vor dem Start dieses neuen Lebensabschnitts noch einmal seine Familie in Gaza Stadt besuchen wollen, wo er selbst geboren und aufgewachsen war. Sein Rückflug nach München war für den 10. Oktober 2023 gebucht. Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zerstörte seine Pläne jäh.

Jetzt steckt Mahmoud Alwadia im Gazastreifen fest – seit mehr 100 Tagen. Dabei hat Alwadia eine Daueraufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Er könnte jederzeit hier einreisen. Doch es gibt keine Möglichkeit für ihn, den Gazastreifen zu verlassen. Die deutschen Behörden könnten ihm derzeit nicht helfen, weil er zwar die Aufenthaltsgenehmigung hat, aber kein deutscher Staatsbürger sei.

Das hat uns einer der Antler-Investoren berichtet. Er hat auch den Kontakt zu dem Gründer aus seiner Münchner Antler-Residents-Kohorte hergestellt. Wir haben per Whatsapp mit Mahmoud Alwadia gechattet. Es vergingen mehrere Tage, bis er antwortet, Elektrizität und Netz würden ständig ausfallen, schreibt er. Wir haben ihm vorgeschlagen, zu telefonieren oder Sprachnachrichten zu schicken. Ob Textnachrichten denn auch okay wären?, antwortet er. „Ich bin hier in einem kleinen Haus mit 60 Menschen, es ist so laut hier.“

Das normale Leben in München plötzlich unerreichbar

Das, was wir hier berichten, schreibt uns der 27-Jährige. Von einer deutschen Handynummer und mit einem Profilbild, das ihn fröhlich lächelnd vor dem Münchner Karlstor am Stachhus zeigt. Sein Leben in München nennt er „sein normales Leben, in dem Land, das ich liebe und das ich als meine Heimat gewählt habe“. Er wünscht sich diese Normalität zurück.

„Ich bin am 10. September in Gaza angekommen“, berichtet Alwadia. „Ich besuche meine Familie regelmäßig. Meine Mutter ist schon recht alt und wir stehen uns sehr nahe, denn ich bin ihr jüngster Sohn. Ich habe ihr versprochen, sie nicht zu vergessen und besuche sie jedes Jahr einmal."

Seine Heimat Gaza Stadt hat Alwadia schon vor Jahren verlassen. Erst arbeitete er als Frontend Engineer in Dubai, 2020 kam er nach München. „Ich war 24, als ich nach Deutschland kam. Ich habe bei Finn in München angefangen zu arbeiten und mich sofort in die Stadt verliebt. Für mich ist München nun seit drei Jahren meine Heimat."

Deshalb habe er auch beschlossen, sein Startup in der bayerischen Landeshauptstadt zu gründen: „Es fühlt sich nach einem Zuhause an, gibt mit Energie, hilft mir, fokussiert zu bleiben. Die Stadt ist zunehmend international und in der Startup-Szene geht viel, viele junge Leute, die guten Universitäten und Firmen dort – ich sehe da ganz viel Potenzial, dass München global ein wichtiger Tech-Hub wird.“

Geplant war ein voller Fokus auf die Gründung

Seinen Besuch in Gaza mache er für gewöhnlich gegen Ende des Jahres. „Nachdem ich aber in das Antler-Programm aufgenommen wurde, das Anfang Oktober starten sollte, habe ich meine Reise vorgezogen“, schreibt Alwadia. „Ich wollte mich ab dann voll und ganz auf meine Gründung konzentrieren.“

Bis zum 7. Oktober verbringt Mahmoud Alwadi seinen Besuch als Gast im Haus seiner Familie. Doch bereits einen Tag nach den Überfällen der Hamas auf Israel flüchtet er mit seiner Familie. Das Haus sei auf dem Land, nahe der israelischen Grenze, schreibt er. Mittlerweile sei es von Bomben teilweise zerstört. Zunächst kommt er bei anderen Familienmitgliedern im Zentrum der Stadt Gaza unter. „Am sechsten Tag des Krieges sind wir nach Rafah City, nahe der ägyptischen Grenze, geflohen.“

„Unsere größte Sorge ist: Wir riskieren unser Leben in einer Situation, für die wir uns nicht entschieden haben. Wir haben nichts mit dem zu tun, was passiert, wir trauern um die Toten auf beiden Seiten und wir möchten einfach nur, dass es aufhört.“

Mahmoud Alwadia vor den Ruinen zerbombter Häuser in unmittelbarer Nähe seiner Unterkunft.  - Copyright: privat
Mahmoud Alwadia vor den Ruinen zerbombter Häuser in unmittelbarer Nähe seiner Unterkunft. - Copyright: privat

Er schreibt, dass er und seine Familie bereits mehrfach nur knapp der Lebensgefahr entkommen sind und schickt ein Foto, das ihn neben einem zerbombten Haus zeigt. Dazu schreibt er: „Dieser Luftangriff war so nah, weniger als 150 Meter von meiner Unterkunft. Wir konnten das Blut und die brennenden Körper förmlich riechen und die Schreie derjenigen hören, die getroffen worden waren – es war schrecklich."

"Wir leben in der Ungewissheit, ob wir im nächsten Augenblick tot sind"

Er beschreibt auch, wie belastend die extreme Situation ist: „Wir leben in der Ungewissheit, ob wir im nächsten Augenblick tot sind oder nicht. Es fehlt uns an allem, an Obhut, Schlaf und Essen.“ Für Trinkwasser müssten sie vier bis sechs Stunden anstehen. Er habe inzwischen zehn Kilo abgenommen. „Die einfachsten Dinge werden zum Luxus“, schreibt er, „sich zu duschen, etwa.“ Sie lebten mittlerweile seit 105 Tagen ohne Elektrizität. Ohne Verbindung zum Internet und andere Kommunikationskanäle fühlten sie sich zunehmend isoliert.

Darüber hinaus ist er zutiefst traurig und enttäuscht, schreibt der Gründer: „Ich war kurz davor, meinen Traum zu verwirklichen und etwas Wertvolles zu schaffen, mein Unternehmen nämlich.“ Bis vor dem Krieg arbeitete Alwadia an einem Ed-Tech-Startup. Eine von Experten kuratierte Bildungsplattform, die an bestehenden Internetinhalten anknüpft, erklärt er. In einer Art vernetztem Klassenzimmer sollte eine direkte Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern möglich sein, ohne auf traditionelle Institutionen angewiesen zu sein. „Darüber hinaus verfolgt die KI dahinter aktiv die Fortschritte der Schüler, um sicherzustellen, dass sie gut vorankommen, und um die Zugänglichkeit der Lerninhalte zu verbessern“, schreibt er. Aber jetzt steckt er im Gazastreifen fest. Und ist frustriert: „Ich konnte nicht in mein normales Leben in München zurückkehren. Und das Land, das ich liebe, meine Wahlheimat, hat nicht die Hilfe geleistet, die ich mir erhofft hatte.“

„Trotz aller Qualen hier halte ich durch und versuche es als eine weitere Herausforderung zu sehen, die es zu bestehen gilt“, schreibt der 27-Jährige. „Meine größte Sorge ist jedoch, dass die Menschen im Gazastreifen die Hoffnung auf Menschlichkeit verlieren. Das würde es noch schwieriger machen, das alles hier zu ertragen. Ich erinnere meine Familie und Freunde immer wieder daran, dass wir einfach nur überleben müssen. Denn es gibt ein wunderschönes Leben, das auf uns wartet. Die Welt ist groß, voller Liebe und Glück, und jeder verdient einen Teil davon.“

Alwadia schickt uns ein Foto: Das sei er am Strand von Rafah, nach 50 Tagen Krieg während der 6-tägigen Waffenruhe. - Copyright: privat
Alwadia schickt uns ein Foto: Das sei er am Strand von Rafah, nach 50 Tagen Krieg während der 6-tägigen Waffenruhe. - Copyright: privat