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Wie der Lockdown die Wirtschaft bremst

Losse, Bert
·Lesedauer: 5 Min.

Eine exklusive Prognose sagt für das laufende Quartal ein Wachstumsminus von 0,7 Prozent voraus. Erst im Frühjahr dürfte es mit der deutschen Wirtschaft aufwärts gehen – ein bisschen. Und die Analyse offenbart noch mehr.

Zwei Tagen vor den Bund-Länder-Beratungen über die Corona-Maßnahmen zeichnet sich eine weitere Verlängerung des Lockdowns ab. Foto: dpa
Zwei Tagen vor den Bund-Länder-Beratungen über die Corona-Maßnahmen zeichnet sich eine weitere Verlängerung des Lockdowns ab. Foto: dpa

Lars Feld sieht die Lage nüchtern. „Wir könnten 2021 trotz der aktuellen Impfprobleme beim Wachstum eine Drei vor dem Komma schaffen“, sagt der Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Ihr Vorkrisenniveau werde die Wirtschaft allerdings erst Mitte 2022 erreichen, und zurück auf dem alten Wachstumspfad seien wir dann noch lange nicht. Das, so Feld, „dürfte noch bis mindestens 2024 dauern“.

Wie aber wird sich der aktuelle und erneut verlängerte Lockdown niederschlagen? Das IWH-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat jetzt eine neue Konjunkturprognose fertiggestellt. Der so genannte BIP-Flash-Indikator, den das Institut alle drei Monate exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt, sagt für das laufende Quartal einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,7 Prozent voraus. In das Barometer gehen rund 160 Einzelindikatoren ein. Ohne die „robuste Nachfrage aus dem Ausland“ wäre das Minus noch größer, schreiben die Ökonomen in ihrer Analyse. Die mittlerweile zugelassenen Impfstoffe brächten „keine kurzfristige Verbesserung der Situation, da sie wohl frühestens in einigen Monaten für die breite Masse der Bevölkerung verfügbar sein werden.“

Erst im zweiten Quartal dürfte laut BIP-Flash die deutsche Wirtschaftsleistung wieder zulegen, und zwar um 1,5 Prozent gegenüber der Vorperiode. Aber: „Je länger die derzeitigen Restriktionen die wirtschaftliche Aktivität der privaten Haushalte und Teile der Wirtschaft belasten, umso mehr werden Unternehmen Kapazitäten abbauen“, warnt IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller. Und damit, so der Ökonom, „könnten auch negative Effekte auf das Produktionspotenzial einhergehen, die die wirtschaftliche Erholung längerfristig belasten“.

Hier die aktuelle IWH-Analyse im Wortlaut:

„Seit November 2020 befindet sich Deutschland wieder im Lockdown. Dadurch konnte sich der Erholungskurs der deutschen Wirtschaft im vierten Quartal nicht weiter fortsetzen - das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte mit 0,1 Prozent nahezu. Durch die Mitte Dezember weiter verschärften Eindämmungsmaßnahmen wird die wirtschaftliche Aktivität in vielen Branchen im laufenden Quartal erschwert oder gänzlich verhindert. Auch ein weiteres Sinken der Anzahl der Covid-19-Infizierten dürfte daran so schnell nichts ändern, da die Furcht vor hochinfektiösen Corona-Mutationen groß ist. Ebenfalls versprechen die mittlerweile zugelassenen Impfstoffe keine kurzfristige Verbesserung der Situation, da sie wohl frühestens in einigen Monaten für die breite Masse der Bevölkerung verfügbar sein werden. Aufgrund der robusten Nachfrage aus dem Ausland dürfte die Wirtschaftsleistung laut IWH-Flash-Indikator jedoch im ersten Quartal 2021 nur um 0,7 Prozent zurückgehen und im zweiten Quartal, wenn die Corona-Eindämmungsmaßnahmen langsam zurückgeführt werden sollten, um 1,5 Prozent steigen.

Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte im vierten Quartal 2020 mit 0,1 Prozent nahezu, denn durch den erneuten Lockdown ab November konnten viele Dienstleistungen und Waren nicht mehr oder nur unter restriktiven Bedingungen nachgefragt werden. Insbesondere die Konsumnachfrage der privaten Haushalte war davon betroffen. So sank der Einzelhandelsumsatz im Dezember um 9,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Auch der kapazitätsmäßig bereits stark ausgeweitete Onlinehandel konnte den Rückgang nicht auffangen. Ebenso erlitten das Gastgewerbe und persönliche Dienstleistungen vielfach wieder dramatische Einbußen. Im Produzierenden Gewerbe hinterließ der erneute Lockdown hingegen nur geringe Bremsspuren. So legte die Industrieproduktion auch im Dezember weiter zu.

Die Auftragseingänge der deutschen Industrie sind allerdings zum Jahresende zum ersten Mal seit April 2020 etwas zurückgegangen. Besonders stark war der Einbruch bei Bestellungen aus dem Euroraum. Dies ist aber zu einem Großteil auf die ohnehin sehr volatilen Großaufträge zurückzuführen. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland (ohne Großaufträge) blieben weiter hoch, sodass nachfrageseitig die Voraussetzungen für eine weitere Ausweitung der Industrieproduktion gegeben sind. Die Bauinvestitionen dürften hingegen Ende des Jahres 2020 rückläufig gewesen sein.

Zu Beginn des Jahres 2021 rückten mit der Ausweitung der Pandemie-Restriktionen von Mitte Dezember und dem Bekanntwerden von vermutlich höherinfektiösen Coronavirus-Mutationen bei gleichzeitigen Impfstoffengpässen die Aussichten auf eine Normalisierung des täglichen Lebens in weitere Ferne. Dies führte laut GfK-Umfrage sowohl zu einer weiteren drastischen Verschlechterung des Konsumklimas als auch zu einem kräftigen Rückgang der ifo-Geschäftserwartungen bei den Unternehmen im Dienstleistungssektor, im Handel und im Baugewerbe. Die Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe waren davon aufgrund der robusten Exportaussichten unberührt.

Dies zeigte sich auch bei den befragten Unternehmen des IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI), die im Januar von einer steigenden Produktion und von Neuaufträgen berichteten und deren Geschäftsausblick dadurch auf einen langjährigen Höchstwert stieg. Auch der Earlybird-Indikator der Commerzbank liegt trotz eines kleinen Dämpfers im Januar weiterhin auf hohem Niveau – infolge guter weltwirtschaftlicher Aussichten und positiver Einflüsse der Geldpolitik.

Die internationale Konjunktur ist zu Beginn des Jahres weiter auf Erholungskurs, obwohl die Pandemie weltweit derzeit eine Rekordzahl an Opfern fordert. Die Wirtschaft hat sich an die neuen Umstände vielfach anpassen können. Das gilt besonders für das Verarbeitende Gewerbe, das im November global schon fast wieder so viel produziert hat wie im Jahr zuvor. Davon profitiert China besonders stark. Unter den größeren Volkswirtschaften ist die chinesische die einzige, in der das Produktionsniveau von vor einem Jahr schon Ende 2020 wieder übertroffen wurde. In den USA setzt sich die Erholung in verlangsamtem Tempo fort. Um immerhin ein Prozent hat die Produktion im Schlussquartal 2020 expandiert, laut Umfragen waren die Unternehmen auch im Januar recht zuversichtlich. Dagegen ist die Produktion im Euroraum im Schlussquartal um 0,7 Prozent gesunken. Die Lockdown-Maßnahmen belasten die Wirtschaft hier deutlich stärker als in den USA, was auch die aus Handydaten errechnete Personenmobilität zeigt. Sie ist in Europa viel stärker als in den USA gesunken.

Der IWH-Flash-Indikator basiert auf einer Fülle von Einzelprognosen. Um zusätzlich abzuschätzen, ob die im IWH-Flash-Indikator enthaltenen Indikatoren die Effekte von Pandemie und Lockdown adäquat wiedergeben können, werden aktuell auch Informationen aus den Mobilitätsdaten von Google integriert.“

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