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Lilium bekommt einen mächtigen Partner

·Lesedauer: 5 Min.
„Die Zusammenarbeit mit Honeywell begann schon vor zwei Jahren“, heißt es von Lilium.
„Die Zusammenarbeit mit Honeywell begann schon vor zwei Jahren“, heißt es von Lilium.

Kurz vor dem Börsengang präsentiert das E-Flugtaxi-Unternehmen Lilium einen der wichtigsten künftigen Techniklieferanten. Der US-Konzern Honeywell wird nicht nur die Flugsteuerung und Avionik für den Senkrechtstarter mit 36 Motoren liefern, sondern sich in einem ungewöhnlichen Schritt auch selbst an dem deutschen Unternehmen beteiligen.

Lilium-Programmchef Yves Yemsi wollte im WELT-Gespräch den Zeitpunkt der Bekanntgabe nicht einzig als idealen Wegbereiter für den im Juli anvisierten Börsengang verstanden wissen. „Um ehrlich zu sein, ist es ein guter Zufall“, sagt Yemsi.

Tatsächlich habe sich der Zeitpunkt wegen technischer Meilensteine und dem engen Zeitplan ergeben, weil das Projekt voranschreite. Wörtlich: „Die Zusammenarbeit mit Honeywell begann schon vor zwei Jahren.“ Damals erfolgte schon die Auswahl des nach Ansicht von Lilium besten Lieferanten für die Flugsteuerung und Avionik. Bereits seit 18 Monaten gebe es eine Kooperation.

Über die künftige Höhe der Honeywell-Beteiligung werden noch keine Angaben gemacht. Yemsi sagt lediglich: „Honeywell ist nicht nur ein Lieferant, sondern auch ein Investor.“ Zuvor hätten die Verantwortlichen des US-Konzerns zahlreiche Fragen gestellt. Das Investment sei nun „ein Zeichen des Vertrauens“.

Branchenkenner gehen von einem symbolischen Anteil aus, mit dem der US-Konzern sein Bekenntnis zu Lilium sichtbar untermauere. Nach bisherigen Angaben wird Lilium über ein Finanzvehikel mit 3,3 Milliarden Dollar (2,8 Milliarden Euro) bewertet und möchte über eine Kapitalerhöhung 830 Millionen Dollar an frischem Geld einnehmen.

Die Mittel braucht Lilium, um sein Geschäftsmodell voranzutreiben. In der Branche ist von einer Milliardenwette die Rede, ob das vom Mitgründer und Vorstandschef Daniel Wiegand forcierte besondere technische Konzept samt Geschäftsmodell aufgeht.

Lilium kann mit Honeywell zumindest jetzt auf einen weiteren renommierten Zulieferer verweisen, während Kritiker an den ambitionierten Plänen zweifeln. Die Firma kündigte im März an, im Sommer über ein Finanzvehikel an die US-Technologiebörse Nasdaq zu gehen.

Experten sprechen von einer SPAC-Transaktion. Bereits 2024 soll dann ein Sieben-Sitzer-E-Flugtaxi für einen Piloten plus sechs Passagiere im kommerziellen Einsatz sein. Lilium hat auch Pläne von einem späteren 16-Sitzer veröffentlicht.

Das Unternehmen positioniert sich im Wettbewerbsvergleich nicht als Großstadt-Flugtaxi, sondern als Ersatz für ICE- oder Autobahnverbindungen für bis zu 250 Kilometer Entfernung. Im Jahr 2027 sollen bereits 1000 der E-Senkrechtstarter im Einsatz sein. Für jeden Jet sollen dann jährlich 30.000 Tickets bei fünf Millionen Dollar Einnahmen verkauft werden.

Nächster Flugtest soll in Kürze starten

Lilium bezeichnet sich bereits als „Marktführer im Bereich der regionalen elektrischen Luftmobilität“, obwohl noch kein einziges Modell in einer bemannten Version geflogen ist. Dass es seit März 2020 keinen einzigen Flugtest mit einem Demonstrator mehr gab, gibt das Unternehmen zu.

Aber der nächste Flug soll „in Kürze erfolgen“, sagt Yemsi. Dieser Demonstrator, eine Art Vor-Prototyp, sei nicht mit den Vorgängern zu vergleichen und mit zahlreichen Testgeräten ausgestattet. Wettbewerber wie der US-Konkurrent Joby haben nach eigenen Angaben jedoch bereits Hunderte Testflüge absolviert.

Lilium trifft auf harte Konkurrenz. Weltweit ist von weit über 100 E-Flugtaxi-Projekten die Rede, von denen nach Ansicht von Branchenexperten sicher nicht alle ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Honeywell ist vom Erfolg des E-Lufttaxi-Marktes überzeugt und gründete dafür 2020 einen eigenen Geschäftsbereich.

Der US-Konzern, der zu den Pionieren in der Flugzeug-Autopilottechnik gehört, hat bereits mit mehreren E-Flugtaxi-Unternehmen Kooperationen vereinbart. Dazu gehören auch Volocopter aus Deutschland, der slowenische Fracht-Drohnen-Anbieter Pipistrel oder der britische Lufttaxi-Hersteller Vertical Aerospace. Soweit bekannt, gibt es aber keine Beteiligung an der Finanzierung wie jetzt bei Lilium.

Bemerkenswert ist, dass Honeywell im Bereich E-Flugzeugmotoren mit dem japanischen Autozulieferer Denso kooperiert, während Lilium noch nicht verkündet hat, wer die speziellen Flugzeugturbinen für das Modell liefert. Lilium-Produktionschef Yemsi hält sich in diesem Punkt noch bedeckt. „Kein Kommentar“, sagt der Luftfahrtexperte, der seit knapp zwei Jahren bei Lilium tätig ist und dort für den Anlauf der Serienproduktion und die Technik des Programms zuständig ist.

Zuvor war der Franzose weit über ein Jahrzehnt bei Airbus und hatte eine Schlüsselstellung in der Qualitätssicherung des Langstreckenjets A350. Es gehört zu den Besonderheiten von Lilium, dass dort mehrere Personen aus renommierten Firmen der Luftfahrtbranche in Top-Positionen tätig sind und enorme Gelder investiert werden, obwohl letztlich der Erfolg noch nicht gesichert ist.

EASA-Chef hält Start in Europa bis 2024 für möglich

Eine Schlüsselstellung beim Lilium-Erfolg haben die Flugsicherheitsbehörden EASA in Europa und FAA in den USA. EASA-Chef Patrick Ky hält es für realistisch, dass 2024 E-Flugtaxis zertifiziert im europäischen Luftraum im kommerziellen Flugbetrieb mit Piloten unterwegs sind.

Bis es vollautomatische Flüge gebe, würden noch weitere Jahre vergehen. Eine im Mai veröffentlichte EASA-Studie gibt eine Vorstellung über den Markt, der als „Urban Air Mobility“ bezeichnet wird, also eher Kurzstreckenverbindungen mit E-Flugtaxis. Danach könnte es beispielsweise im Jahr 2030 im Großraum Paris zwischen 3000 und 3500 E-Flugmodelle für Passagiere oder Fracht geben.

Bemerkenswert an der Studie ist, dass die Marktbefragung eine höhere Akzeptanz und einen höheren Bedarf an Frachtmissionen als am Passagiertransport sieht. In Paris werden 2030 nur 160 bis 180 Passagierflugtaxis, aber bis zu 3300 Frachtmodelle erwartet. Lilium hat bisher Frachtflüge mit seinem Modell noch nicht stärker thematisiert. Tatsächlich gibt es aber auch Planungen für Lilium-Frachtlieferungen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.