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Lanserhof Sylt: Deutschlands luxuriösester Hotel-Neubau feiert Richtfest

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Der österreichische Unternehmer Christian Harisch treibt den 100 Millionen Euro teuren Neubau trotz Corona voran. Im kommenden Sommer will er eröffnen.

Christian Harisch ist Tiroler. Aber wenn man ihn auf Brandschutz und Entwässerung von nordfriesischen Reetdächern anspricht, auf Fragen des Küstenschutzes oder die Zusammensetzung von Sylter Strandsand, dann kann es sein, dass man mit Vorträgen konfrontiert wird, gegen die sich Sturmfluten wie tropfende Wasserhähne ausnehmen.

Wer es nett mit Harisch meint, nennt ihn detailverliebt. Aber vielleicht ist er auch besessen. Nicht von der Nordsee an sich, aber davon, auch dort jetzt Perfektion zu liefern wie bei all seinen Projekten.

Es geht um seinen Lanserhof in List auf Sylt, bei dem er am Freitag, nach drei Jahren Bauzeit, endlich Richtfest feiern kann. Das Reetdach wird übrigens mal 8500 Quadratmeter umfassen. Das größte in Europa. Mindestens. Klar.

Zwar werden die ursprünglich veranschlagten 100 Millionen Euro Baukosten nicht mehr ganz reichen, aber das ist jetzt auch schon egal. Hauptsache fertig werden und dann im nächsten Sommer so sanft öffnen, wie sich hier allenfalls Dünen bewegen. Lanserhof – das ist ja nicht irgendein Hotel mit angeschlossener Klinik oder andersrum.

Nirgendwo dürfte man so luxuriös und für so viel Geld so wenig zu essen bekommen wie hier, wo es auch ums Entschlacken geht, ums Fasten und Zu-sich-Kommen. Für den empfohlenen Zwei-Wochen-Aufenthalt ist selbst das einfachste Zimmer nicht unter 10.000 Euro zu haben – und dafür hat noch keine Physiotherapeutin „hallo“ gesagt. Nach eigenem Bekunden ist es „das führende Health-Resort der Welt“.

Selbstkasteiung auf allerhöchstem Niveau. Selbst Roman Abramowitsch oder Victoria Beckham sollen schon da gewesen sein, wird in gewöhnlich gut unterrichteten Society-Medien kolportiert. Der Lanserhof auf Sylt ist nämlich Harischs dritter nach dem Original in Lans bei Innsbruck und einem Prachtbau am Tegernsee. In Hamburg führt er noch eine Art Innenstadt-Klinikum, und von London wollen wir jetzt erst mal nicht reden. Aber Sylt … da funkeln seine Augen wie dahoam die Weihnachtsbäume in Kitzbühel, das ihm mittlerweile fast komplett zu gehören scheint.

Corona als Chance

„Ich sehe Corona auch als Chance“, sagt er und erzählt, dass er in seiner Tiroler Heimat jetzt in der Krise sogar noch drei Betriebe dazugekauft hat. Mittlerweile sind es elf Hotels, Restaurants sowie eine Skihütte, wobei die Mehrzahl der Betriebe gemeinsam mit seinem Partner Stefan Rutter gehalten werden.

Das Geschäft dort werde Corona-bedingt zwar mittlerweile „extrem kurzfristig. Buchungen werden ja immer später gemacht.“ Und obwohl die Leute ja kaum so schnell wieder in ferne Länder fliegen dürften, prophezeit Harisch einen sehr schwierigen Winter mit einem Minus von mindestens 20 bis 30 Prozent.

Die kürzlich erfolgte Reisewarnung Deutschlands für Teile von Österreich sei da eine Katastrophe. In Kitzbühel gebe es wenige Infektionen, was bei der generellen Reisewarnung nicht berücksichtigt worden sei. Aber es werde auch die Zeit nach der Krise geben, „und darauf bereiten wir uns mit einem anspruchsvollen Investitionsprogramm vor: Ich glaube fest an die Zukunft des alpinen Tourismus.“

Gerade in Tirol hat Harisch es allen gezeigt. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Touristik-Kaufmann. Danach erfolgreiches Jurastudium samt Promotion. Aufbau einer eigenen Kanzlei. Gemeinsam mit seinem langjährigen Geschäftspartner Rutter begann dann das Geschäft mit der Entwicklung von Einkaufszentren und Shoppingmalls.

Daneben kaufte Harisch in seiner Heimat Gastronomie wie andere Leute Obst auf dem Markt. 1998 kam (gemeinsam mit Anton Pletzer und weiteren Partnern) der erste Lanserhof dazu, der damals eine angejahrte Kurklinik war, eine Sanierung dringend nötig hatte und auch bekam. Seit rund zehn Jahren führt Harisch die Lanserhof Gruppe als CEO. In diese Zeit fiel auch die Expansion nach Deutschland und Großbritannien.

Moderator Johannes B. Kerner ist bei Harisch investiert

Die Verbindungen von alternativer Medizin und Schulmedizin wurden gestärkt. Herz und Lunge sollen gerade auf Sylt künftig eine große Rolle spielen, wo sich sogar Johannes B. Kerner mit ein paar Millionen beteiligt hat: Harisch sei „ein außergewöhnlicher Unternehmer und Mensch, leistet und fordert gleichermaßen viel“, sagt der Moderator. „Man kann, was nicht jeder vermutet, viel Spaß mit ihm haben, was auch daran liegt, dass er gut über sich selbst lachen kann.“

Deutschland nobelste Ferieninsel hat alle Licht- und Schattenseiten von Corona in den vergangenen Monaten erfahren – wie Harisch selbst. Als die Lockdowns kamen, schaffte es der 53-Jährige am 16. März gerade noch von Österreich in seine Wahlheimat Hamburg. Dort im Hotel Vier Jahreszeiten haben sie ihn dann glatt aus dem Foyer komplimentiert. Nicht weil er zu laut telefonierte, sondern weil ein Kellner sein Tiroler Timbre erkannte. Und Tirol war wegen Ischgl zu jenem Zeitpunkt ja so eine Art Brutstätte des Wahnsinns.

Auf Sylt gingen die Bauarbeiten derweil stoisch weiter, während die Insel touristisch ins Koma fiel, aus dem sie dann umso brutaler gerissen wurde, als der Lockdown gelockert wurde. Erst Totentanz, dann Massenansturm. „Diese Monate haben in der Psyche der Insulaner etwas verändert“, glaubt Harisch. Einerseits sind die Sylter auf Urlauber angewiesen, andererseits hinterfragen sie nun noch genauer die bisherige Form des Tourismus und dessen Entwicklung. Neue Projekte werden sehr kritisch gesehen.

Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, sagt denn auch: „Tourismus ist natürlich die Leitkultur unserer Insel. Strategisch ist für uns da aber auch längst klar: Qualität geht vor Quantität.“ Und bietet Harisch nicht genau das? Luxus für wenige, Steuereinnahmen ohne Remmidemmi. Die paar Dutzend Lanserhof-Gäste dürfte man kaum je grölend auf der Whiskymeile in Kampen erwischen. „Und ist Gesundheit in einer Gesundheitskrise nicht das Allerwichtigste?“, fragt Harisch.

Mit einem Nettoumsatz von bisher rund 55 Millionen Euro sind seine Lanserhöfe nicht die einzige Umsatzsäule von Harischs und Rutters weitverzweigtem Geschäft, aber natürlich die glamouröseste. Das Stammhaus in Lans war durch den Lockdown drei Monate geschlossen. Das bereits erwähnte Geschäft in London gilt derzeit als chaotisch bis unberechenbar, weil in der Stadt niemand mehr wisse, was gerade erlaubt sei und was nicht, sagt Harisch. Darunter leidet sein „Lanserhof at The Arts Club“ in der Dover Street – eine Art Luxus-Fitnessstudio mit medizinischer Betreuung.

Aber Hamburg läuft längst wieder. Und das Haus am Tegernsee durfte dauerhaft geöffnet bleiben, weil man eine Klinik betreibt und wie auch andere Kliniken Notfallbetten für Corona-Patienten frei hielt, die aber dann nicht benötigt wurden. Stattdessen kamen plötzlich verstärkt deutsche Gäste, die ja auch nirgends mehr hindurften. Harischs Fazit: „Wir dürften da dieses Jahr relativ gut – mit einem blauen Auge – rauskommen. Ich rechne unterm Strich allenfalls mit einem kleinen Minus.“

„Christian ist ein Getriebener, äußerst energiegeladen, und er nutzt jede Sekunde seines Lebens zur Verwirklichung seiner Träume“, sagt der Architekt Christoph Ingenhoven, der ihm nicht nur den Lanserhof am Tegernsee entworfen hat, sondern nun auch den auf Sylt. „Für sein Umfeld ist das manchmal anstrengend, aber ich liebe die Herausforderung, mit ihm zu arbeiten. Vielleicht klappt das mit uns so gut, weil ich Verständnis für ihn habe, denn mir geht es oft ähnlich.“

Ingenhoven hat durchaus größere Projekte am Start wie etwa Stuttgart 21. Aber er hat wohl selten unterhaltsamere Auftraggeber als Harisch, von dem er sagt: „Er will wirklich das Gute, auch wenn er natürlich wie alle anderen auch Geld verdienen möchte. Ein typischer Hotelier. Es wird einem nie gelingen, hinter ihm einen Aufzug zu betreten. Dazu ist er viel zu zuvorkommend.“