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Warum die Krise für Proptechs eine Chance ist

Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie wichtig die Digitalisierung ist. Davon können insbesondere Start-ups der Immobilienbranche profitieren.

Eine Finanzierungsrunde erfolgreich abzuschließen erscheint für Start-ups in Zeiten der Coronakrise zunehmend schwierig. Investoren halten sich zurück. Dennoch hat Kiwi, Anbieter von digitalen Schließsystemen, gleich zehn Millionen Euro von seinen Gesellschaftern wie Arbonia und Deutsche Wohnen eingesammelt. Das Geld will Kiwi nutzen, um zu wachsen und neue Produkte zu entwickeln.

Zwar leidet die Proptech-Branche, wie viele andere Start-up-Szenen unter verschobenen Finanzierungsrunden – Liquidität ist für Jungunternehmen auch ohne Krise ein kritisches Thema. Doch wenn eine der Lehren aus dem Shutdown lautet, künftig mehr zu digitalisieren, könnte dies so Proptechs neuen Schwung verleihen.

Wie viele Gründer Potenzial in der digitalen Immobilienwirtschaft sehen, zeigt die wachsende Proptech-Szene, wie Start-ups der Immobilienbranche genannt werden. Im deutschsprachigen Raum zählt die Beteiligungsgesellschaft Blackprintpartners 2020 rund 750 Proptechs, 72 mehr als noch 2018.

Nun steht ihnen eine Bewährungsprobe bevor: „Die meisten Proptechs befinden sich noch in der frühen Phase und verbrennen Geld, sie leben von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde“, erklärt Christian Schulz-Wulkow. Der Leiter des Immobiliensektors für Deutschland, Schweiz und Österreich beim Beratungsunternehmen EY blickt skeptisch auf die kurzfristige Entwicklung: „Der Absatz und die neuen Projekte werden sich durch Corona massiv verzögern, wenn sie nicht sogar gefährdet sind – doch die Kosten bei den Proptechs laufen weiter. Typische Vertriebskanäle wie Messen und Konferenzen fallen weg.“

Investoren, die in Proptechs investieren, hätten nun ohnehin andere Probleme, so Schulz-Wulkow. Sie würden sich fragen: „Welche unserer Beteiligungen sollten wir abschreiben? Welche machen Verluste, und welche finanzieren wir durch?“ Der anstehende Konsolidierungsprozess könnte sich also beschleunigen. Trotz des Drucks gibt es aber Proptech-Segmente, die von der Krise profitieren.

Digitale Transaktion

Proptechs, die helfen, ortsunabhängiger zu arbeiten, bezeichnet Schulz-Wulkow als Krisengewinner: „Die Welt hat schließlich gesehen, es muss und es kann aus dem Homeoffice gearbeitet werden.“
Gerade wird bei Immobilientransaktionen viel über digitale Lösungen gesprochen.

Ein Start-up, das hier ansetzt, ist 21st Real Estate. Mit selbst entwickelten Tools analysiert und bewertet das Proptech Standorte, Objekte und Portfolios. Auch die Entwicklung von Miet- und Kaufpreisen prognostizieren sie mittels digitaler Hilfe.

Gerade jetzt sei Smart Data eine wichtige Grundlage für verlässliche, objektive Einschätzungen und somit zur Risikominimierung, sagt Nicolai Wendland, Mitbegründer und IT-Leiter, CIO, von 21st Real Estate. Auf seine Lösung setzt die Hypothekenbank Berlin Hyp, die bereits 2018 als strategischer Investor einstieg.

Auch Dokumentenmanager wie Evana oder Architrave könnten von der Krise profitieren. Beide Proptechs bieten die Digitalisierung von analogen Dokumenten wie Kauf- und Mietverträgen an, die anschließend durch Künstliche Intelligenz geordnet und verwaltet werden.

Neue Zugangssysteme

Schwung versprechen sich auch Anbieter digitaler Zugangssysteme wie Kiwi. Ähnlich sieht es bei Nexenio aus. Das Proptech bietet unter anderem eine interaktionslose Zugangskontrolle an. Ob der Zugang zu einem Gebäude oder Gebäudeteil gewährt wird, hängt von zwei Faktoren ab.

Zum einen muss der Nutzer ein zur Identifikation freigegebenes Gerät bei sich führen. Anhand der im Smartphone verbauten Sensoren erkennt die Software das typische Bewegungsmuster des Nutzers, den zweiten Faktor. Will also jemand das Smartphone eines anderen Nutzers als Zugang nutzen, wird ihm der Zugang verweigert, da er nicht das gleiche Bewegungsmuster besitzt.

Im Moment schränkt die Coronakrise aber auch Nexenio ein, räumt Christian Kregelin ein, der die Geschäftsentwicklung bei dem Proptech verantwortet. Bei der Auslieferung ihres Systems gebe es bislang zwar keine Ausfälle, aber Verzögerungen von drei bis fünf Monaten: „Da viele Büros geschlossen wurden, können wir unser System nun nicht vor Ort implementieren.“ Langfristig könnte sich aber eine positive Entwicklung anschließen: Gerade jetzt erhielte Nexenio vermehrt Anfragen, bei denen ihr System bisherige Technologie ersetzen soll, die mit Fingerabdruck funktionieren.

Kommunikationssysteme

Auch die Kommunikation zwischen Mieter und Vermieter könnte sich zunehmend ins Digitale verlagern. Das Proptech Animus hat eine App entwickelt, über die Bewohner eines Quartiers miteinander kommunizieren, Beanstandungen an den Vermieter oder den Hausmeister verschicken, aber auch Paket- & Wäscheservices buchen.

Die App, die normalerweise den Wünschen des jeweiligen Immobilienbetreibers angepasst wird, bietet Animus nun auch als Notfall-Lösung an, eine weniger stark individualisierte App. Darüber soll Nachbarschaftshilfe erleichtert werden, also zum Beispiel Einkaufen für Ältere und Risikogruppen, erklärt Carolin Ehrensberger von Animus.

Auch Stefan Zanetti, Gründer des Schweizer Start-ups Allthings, berichtet von erhöhter Nachfrage für seine App: Um das Drei- bis Vierfache liegen die Aufträge im April höher als zuvor. Geholfen hat da sicher ein Marketingkniff: Die Schweizer stellen interessierten Kunden vorübergehend eine Lightversion ihrer App kostenlos zur Verfügung.

Corona mag einige Finanzierungsrunden zwar erschweren. Die Beteiligungsgesellschaft Blackprintpartners zeigt sich aber optimistisch: Die Umstellungen, die die Pandemie provoziert hat, könnten der Digitalisierung einen entscheidenden Schub verleihen. Zurückgehaltenes Kapital werde nach der Krise wieder freigegeben.