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Wachstum trotz Konjunktureinbruch: Warum einige Mittelständler besser durch die Krise kommen

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Die Lage der schwäbischen Wirtschaft war noch nie so angespannt wie derzeit. Einige Firmen meistern die Krise jedoch besser als andere. Das hat Gründe.

Ein Mitarbeiter testet einen Lackierroboter bei der Dürr AG in Baden-Württemberg Foto: dpa
Ein Mitarbeiter testet einen Lackierroboter bei der Dürr AG in Baden-Württemberg Foto: dpa

Das wirtschaftsstarke „Autoland“ Baden-Württemberg trifft die Coronakrise hart – allerdings auf hohem Niveau. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie setzen viele Firmen massiv unter Druck, und wir können aktuell nicht seriös vorhersagen, inwieweit sich diese Situation noch weiter zuspitzen wird“, befürchtet Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Viele steckten mitten in der Transformation und haben jetzt auch noch mit dem Konjunktureinbruch zu kämpfen.

„Baden-Württembergs Wirtschaft schrumpft 2020 um sieben Prozent“, erwartet der Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Uwe Burkert. Dass der Einbruch nicht noch stärker ist, liegt auch an vielen innovativen Mittelständlern, die aus verschiedenen Gründen bislang besser durch die Pandemie kommen als andere.

„Viele von ihnen erweisen sich auch in der Krise als äußerst robust, da Sie bereits in der Vergangenheit rechtzeitig die Weichen erfolgreich gestellt haben und dank eines zukunftsfähigen Geschäftsmodells voll durchstarten können“, kennt Hoffmeister-Kraut die Stärken der schwäbischen Schaffer.

Medizintechnikfirmen wie der Impfstoffentwickler Curevac haben ebenso eine Sonderkonjunktur wie der Klimaschrank-Spezialist Binder, in dessen Ultratiefkühlschränken die sensibelsten Impfstoffe bei bis zu minus 80 Grad gelagert werden können.

Auch jenseits der Medizintechnik gibt es Beispiele, wie etwa den Sensorhersteller Leuze. Vor wenigen Tagen hat das Familienunternehmen ein neues Distributionszentrum in Unterlenningen, einem kleinen Ort am Fuß der Schwäbischen Alb, eröffnet.

In normalen Zeiten wäre das kein Anlass für großes Aufsehen – mitten im Corona-Jahr aber schon. 80 Meter lang, 45 Meter breit und zehn Meter hoch: Der Bau wurde vier Meter tiefer ins Erdreich gelegt und das Dach begrünt, um den örtlichen Bürgermeister zu besänftigen und das ländliche Idyll nicht zu zerstören.

Und dann ging es doch recht zügig. Zwölf Monate Bauzeit bei Kosten in „zweistelliger Millionen-Euro-Höhe“, verrät Firmengründer und Gesellschafter Christof Leuze, 89. Das ist ein ordentlicher Batzen für ein Unternehmen, das in diesem Jahr froh ist, wenn der Vorjahresumsatz von 222 Millionen Euro erreicht oder leicht übertroffen wird.

Den größten Bruch selbst mit zu verantworten

„Wir haben immer in die Zukunft geschaut und waren immer bereit, neue Wege zu gehen, sonst gäbe es uns heute nicht mehr“, sagt der längst nicht mehr im Unternehmen aktive Vertreter der vierten Generation.

Den größten Bruch hatte er selbst mit zu verantworten. Christof Leuze setzte sich gegen den Willen seines Vaters durch, entwickelte als damaliger Textilmaschinenhersteller die ersten Sensoren für die eigenen Maschinen selbst und gründete Leuze Electronic. Ab 1963 konzentrierte sich das Familienunternehmen auf den Bau optischer Sensoren.

Während die Textilindustrie weitgehend aus Deutschland verschwunden ist, prosperiert die einstige Ausgründung als Schlüssellieferant für die vernetzte Industrie 4.0. Weltweit ist der Markt für Sensoren jährlich zweistellig gewachsen.

Die Unternehmensberatung Roland Berger hatte vor Corona mit rund 30 Milliarden Stück in diesem Jahr gerechnet. Aber selbst wenn dieses Volumen nicht erreicht wird, kann Leuze in seiner Nische die Pandemie bislang nur wenig anhaben, auch weil die schwächelnde Autoindustrie nicht Hauptkunde ist.

Während der größere Konkurrent Balluff im 30 Kilometer entfernten Neuhausen Stellen abbauen muss, weil die Autoindustrie darbt, hat das Leuze-Stammwerk seine Angestellten nicht einmal in Kurzarbeit geschickt.

Etwas anders ist die Situation im 50 Kilometer entfernten Rudersberg. Dem Fensterhersteller Weru half der Bauboom und die Treue zur Heimat. Viel mehr Fenster hätte Weru wohl kaum in der runden Fassade seiner Zentrale in Ruderberg verbauen können.

Geschäftsführer Stefan Löbich schaut täglich durch das Hauptprodukt des 1843 gegründeten schwäbischen Fenster- und Türenbauers. Seit 2013 gehört das Unternehmen der Beteiligungsgesellschaft H.I.G. Europe. Weru kommt aus der Verlustzone. Seit gut einem Jahr führt Ex-Märklin-Chef Stefan Löbich das Unternehmen.

Es geht aufwärts. Im ersten Halbjahr 2020 wurden die Planungen trotz Corona übertroffen. „Zwischenzeitlich rechneten wir mit einem zweistelligen negativen Ergebnis, doch jetzt liegen wir mehrere Prozente bei Umsatz und Ergebnis besser als im Vorjahr“, sagt der erfahrene Krisenmanager.

2019 schaffte Löbich bei 160 Millionen Euro Umsatz die Rückkehr in die Gewinnzone. Das Krisenrezept klingt einfach: Konzentration auf das Kerngeschäft. Bei der Pandemie kam ihm zudem die Tradition zugute. Weru fertigt nur in Deutschland. „Wir blieben von Lieferengpässen verschont“, betont Löbich.

Börsenwert schon wieder verdoppelt

Zudem hat Weru zehn Millionen Euro in eine hochmoderne Isolierglasfertigung am zweiten Standort im thüringischen Triptis und die neue Pulverbeschichtungsanlage in Rudersberg investiert. Fürs zweite Halbjahr ist Löbich optimistisch.

Die IT-Industrie erlebte durch die Corona-bedingte Digitalisierung einen Schub. Der IT-Dienstleister Bechtle profitierte vom Trend zum Homeoffice. Den Neckarsulmern spielte zudem in die Karten, dass die öffentlichen Auftraggeber mehr IT-Infrastruktur und -dienstleistungen nachfragten. Auch half ein Großauftrag des Landes Niedersachsen.

„Wir hatten insgesamt ein sehr starkes erstes Halbjahr“, sagte Vorstandschef Thomas Olemotz bei Vorlage der Quartalszahlen. Er bekräftigte die Erwartung, dass Umsatz und Ergebnis im Gesamtjahr um mindestens fünf Prozent zulegen werden.

Die im MDax notierte Aktie hat ihren Wert seit dem allgemeinen Börsentief im März verdoppelt. Das Unternehmen mit einem Umsatz von 5,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr zählt mit einer Börsenkapitalisierung von 7,4 Milliarden Euro zu den 50 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Größter Aktionär ist die Gründerfamilie Schick mit 35 Prozent.

Ebenfalls robust zeigte sich der auf Software für die Finanzbranche und inzwischen auch auf Industrie spezialisierte Technologiekonzern GFT. Die Pandemie hat zwar auch dem Stuttgarter Mittelständler mit seinem großen Entwicklungsstandort in Spanien getroffen. Zeitweise waren fast 6000 Beschäftigte im Homeoffice.

„Für Softwareentwickler ist das nicht so eine große Umstellung“, sagte Verwaltungsratschef Ulrich Dietz kürzlich dem Handelsblatt. Die dafür notwendigen Systeme zur Qualitätssicherung und ein effizientes Projektmanagement hatte GFT dafür schon vor der Pandemie.

Die GFT SE, bei dem die Familie des Gründers Dietz der größte Aktionär ist, konnte den Umsatz in den ersten sechs Monaten um fünf Prozent auf 221 Millionen Euro steigern.

Selbst innerhalb einer Branche gibt es drastische Unterschiede. Während der Insolvenzverwalter den Anlagenbauer Eisenmann gerade zerschlagen muss, erfreut sich der keine und gut 40 Kilometer entfernt gelegene Erzkonkurrent Dürr bester Gesundheit – nicht nur, aber auch weil Eisenmann insolvent ging.

Bei Lackieranlagen für die Autoindustrie hat Weltmarktführer Dürr aus Bietigheim inzwischen im Topsegment kaum noch Konkurrenz. Dadurch ist Dürr von der Coronakrise längst nicht so stark betroffen, wie man das nach dem wochenlangen Shutdown der Autoindustrie hätte vermuten können.

Konzernchef Ralf Dieter hatte schon vor Jahren auf China gesetzt. Das zahlt sich erneut aus. Aus dem Land der Mitte kamen im ersten Halbjahr 60 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahreszeitraum, vor allem von Elektroautobauern. Das Auftragsvolumen verbesserte sich, trotz Krise, von 3,1 auf 3,4 Milliarden Euro.

Die Fähigkeit, sich neue Märkte zu erobern, zählt zu den Überlebensstrategien. Dürr etwa hat seine Kompetenzen auf Beschichtung von Elektroden für Lithium-Ionen-Batterien ausgeweitet. Das eröffnet neue Chancen.

Es sind Beispiele wie diese, die der schwäbischen Wirtschaftsministerin Hoffnung machen. „Innovationsgeist und Mut zur Veränderung sind auch der Garant dafür, dass unser Land erfolgreich durch die Krise kommen kann“, betont Hoffmeister-Kraut. LBBW-Chefvolkswirt Burkert rechnet bereits im kommenden Jahr wieder mit sechs Prozent Wachstum. Bis dahin leidet der Südwesten auf hohem Niveau.