Deutsche Märkte geschlossen

Kommentar: Erschossener Gorilla – was tun wir mit den Zoos?

Nach dem Silvester-Brand im Krefelder Zoo: Kerzen und Plüschtiere zur Trauer um die gestorbenen Affen. (Bild: REUTERS/Thilo Schmuelgen)

Das Mitleid mit den Brandopfern im Krefelder Zoo ist groß. Und es erinnert uns daran: Die Tiere dort sind unsere Gefangenen. Wir sollten sie freilassen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es waren Szenen wie in einem Hollywood-Film: Polizisten umstellen das brennende Haus, mit gestückten Maschinenpistolen. Und während Rettungshelfer nach Überlebenden schauen, werden sie von den Polizisten geschützt. Sowas könnte aus „Prison Break“ stammen, allerdings handelte es sich beim brennenden Haus im Krefelder Zoo in der Silvesternacht um ein Affenhaus. Die Polizisten schützten die Helfer vor Tieren; man fürchtete, dass sie durch den versehentlich herbeigeführten Brand wild werden könnten.

Sowas erinnert mehr an „King Kong“ oder „Planet der Affen“. Und rührt an unser Grundverhalten. Was maßen wir Menschen uns an?

Das Feuer war ein Drama. Keiner wollte das. Und die Tiere, die in dem Brand starben, waren geliebt worden, gehegt und gepflegt. Ob sie ein glückliches Leben führten, können wir nicht beurteilen.

Nun kommt heraus, dass ein schwerverletzter Gorilla in der Brandnacht dem Tode geweiht war, die Tierärztin ihn aber nicht einschläfern konnte. Dann schoss ihn ein Polizist nieder.

Etwas zerbrach

Die psychische Belastung muss für die Beteiligten sehr groß sein. Sie gerieten unverschuldet in diese Lage, taten ihr Bestes, und dann ihre Pflicht. Sie mussten ein Leben töten, das in unserer aller Obhut stand – und wir alle versagten.

Man kann sagen: Schicksal, jeder stirbt letzten Endes. In der Silvesternacht geschehen Brände, und dann gibt es Opfer. Und den Krefelder Zoo trifft auch keine Schuld, es war alles ein großes Pech. Man kann aber auch sagen: Diese Begegnung, zwischen Mensch und Affe, der Polizist, der einen schwer verbrannten Gorilla töten muss, das dokumentiert unser menschliches Scheitern. Weil wir Tiere in Zoos halten, bringen wir solche Situationen herbei.

Ich bin kein Zoologe, und ich liebe Zoos. In Zoos lässt sich durchs Grüne wandeln. Der Anblick von Tieren, und es müssen gar nicht besonders exotische sein, vermittelt Anmut, Respekt vor dem Leben, vor der Natur – es beruhigt.

Die Zoos in Europa haben auch eine beeindruckende Entwicklung hingelegt. Immer mehr gerät das Tierwohl, eine „gerechte“ Haltung in den Fokus. Der Mensch lernt halt dazu. Aber all das reicht nicht. Noch immer leben die Tiere in den meisten Zoos wie in einem Gefängnis. Nicht alle Tiere eignen sich übrigens für ein Leben im Zoo. Und geradezu überall leben sie in zu kleinen Gehegen. Es bleibt unnatürlich. Aus Respekt vor anderen Lebewesen sollten wir unsere Zoos umgestalten – hin zu riesigen Flächen und für Tiere, die Grenzen, die es bei einem Zoo geben muss, besser aushalten als andere.

Eine Augenhöhe wird nicht einmal angepeilt

Zwei Bilder haben sich bei mir eingebrannt. Als Jugendlicher besuchte ich in Hamburg den Tierpark Hagenbeck und stand lange vor einem kleinen Käfig, in dem ein riesiger Bär auf und ab trabte, sich ob der Enge ständig drehte. Es tat weh. Das zweite Bild ist von gestern, da wurde im Wiener Zoo eine Besucherin gefilmt, die an der Fensterscheibe zum Affengehege ihr wenige Wochen altes Baby im Sitzen stillte. Ein Orang-Utan-Weibchen kam herbei, setzte sich auf der anderen Seite der Scheibe hin und war den beiden ganz nah. Ganz still. Ganz da. Man hatte den Eindruck, es wollte die beiden schützen. Eine Übereinkunft.

Manchmal vergessen wir, dass wir auch „nur“ Lebewesen sind. Unser Fortschritt hat uns in die Position gebracht, über andere Lebewesen zu herrschen, über ihre Schicksale zu bestimmen. Wir regieren den Planeten. Den Respekt haben wir schon längst verloren. Früher sind wir, als wir in der immer noch längsten Periode unserer Menschheitsgeschichte in der Steppe lebten, vor Tieren weggelaufen. Dann wurde der Spieß umgedreht.

Zoos sind in dieser planetarischen Herrschaft nur Symbole. Wir sollten indes unsere Haltung ändern, unsere Liebe für Tiere hat eigentlich keinen Platz für Gefängnisse. Natürlich sind Tiere, wie wir Menschen, anpassungsfähig. Aber wirklich lebensgerecht „halten“ wir sie oft nicht.